Gedämpfte Abenteuer

13.7.2020. Nicht nur Kinder lieben Abenteuergeschichten. Da ist immer etwas los. Später wird man kritischer, wenn die Ideen und Methoden sich wiederholen. Die neuesten technischen Tricks sind zu laut, zu hektisch, voll mit Geschwätz. Das genaue Gegenteil sind Klassiker wie Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“. Erst kurz vor Schluss wird dort die Ursache der ganzen Verwirrungen erklärt, sogar im Lärm eines großen Flugplatzes, wo man kaum ein Wort versteht. Aber Hitchcock war eigentlich nur an der Wirkung seiner Überraschungen interessiert. Zu Beginn war er oft der Beobachter einer stillen Wasserfläche, in die er hineinschaute, um die kreisenden Wellen zu studieren, die ein hineingeworfener Stein auslöst.

Reale Abenteuer sind oft weniger gemütlich. Sie stehen oft in knappen Kurznachrichten der Zeitungen oder füllen dicke Bücher. Der neueste Schrei heißt „Virtual Reality“. Das ist eine künstliche Wirklichkeit, die täuschend echt am Computer zusammengebastelt wurde. Heutzutage kann man sogar Live-Diskussionen übertragen, bei denen im gleichen Raum Gäste mitschwätzen, die gar nicht anwesend sind. Kürzlich sah ich einen Münchner Bekannten, der im Menschengedränge des Flughafens von Hongkong herumlief, an einigen körperlichen Details zweifelsfrei erkennbar. Dort war er noch nie gewesen. Ein Anruf bestätigte, dass er zu Hause saß. So lassen sich natürlich auch Fotobeweise in Strafverfahren fälschen. Wenn man mit einem Smartphone in der Straßenbahn Unbekannte fotografiert, kann man die einzelnen Bilder in eine Suchmaschine eingeben, die das ganze Internet sekundenschnell nach ähnlichen Leuten absucht. Wenn die dann auch noch bei Facebook oder in anderen Sozialen Netzen persönliche Informationen ausplaudern, ist die Basis für unerwünschte Kontakte bereits da. Niemand braucht sich dann zu wundern, wenn er in einem gemütlichen Kaffeelokal von „alten Freunden“ belästigt wird, die er überhaupt nicht kennt und noch nie gesehen hat. Das können auch ganz unbekannte Enkel oder Nichten sein. Oder kostümierte Schauspieler, die gerade mal wieder arbeitslos sind.

Gute Abenteuer haben Lügen oder Betrügereien nicht nötig. Sie entstehen aus der Vielfalt des Lebens und sind ein natürlicher Bestandteil des Reifeprozesses.

Dante Aleghieris „Göttliche Komödie“ besteht aus den drei Teilen „Inferno“ (Hölle), „Purgatorium“ (Prüfungen und Bewährungsproben) und „Paradiso“ (Paradies). In einer Überfülle von Abenteuern zeigt das Buch den langen Aufstieg des Menschen aus der Unwissenheit (Hölle) über die Zeit wechselnder Erfahrungen in den Idealzustand, das Paradies. Begreift man die Außenwelt besser, wächst gleichzeitig auch die innere Ausgeglichenheit. Abenteuer sind dann oft wertlos oder überflüssig.

Der schon Jahr 1998 verstorbene Lucio Battisti hatte vor 51 Jahren eine ganz eigene Idee, als er sang „Non sara un’avventura“ (Das wird kein Abenteuer.)

https://www.youtube.com/watch?v=tn8htol2Iec