Erste Episode: Am Anfang war der Garten

13.9.2020. Bis zum Beginn der Grundschule war der große Garten am Elternhaus sechs Jahre lang die einzige Heimat. Etwa hundert Meter lang und fünfzig Meter breit, direkt neben den rostigen Gleisen für die damals schwarz qualmenden Dampflokomotiven aus dem zwei Kilometer entfernten Holland. Direkt neben einer Durchfahrtstraße mit überschaubarem, begrenzten Autoverkehr. Das Nachbargrundstück wurde von den Eltern verkauft, damit sie 1956 am Garten ein neues Wohngebäude, auch für ihre fünf Kinder, hinstellen konnten. Überall standen Obstbäume, Blumenbeete und ein breter Rasen, auf dem nur das Notwendigste geschnitten wurde. Ein Urwald, ein verwunschener Zaubergarten. Im Sommer war das Gras so hoch, dass man als Kleinkind darin verschwand. Schaute man im Liegen zum Himmel, so sind die Sommerhimmel unvergesslich, wenn dicke weiße Wolken langsam vorbeizogen und man träumte, dass man mit ihnen weit weg fliegen könnte. Wie auf einem orientalischen Zauberteppch aus 1001 Nacht, deren Exotik damals schon die Sehnsucht nach fernen Kontinentn weckte.

Beitrag ansehen

Die fremden Länder kamen im Alter von vierzehn Jahren von selbst angereist: Die ersten Gastarbeiter aus Süditalien wurden in der Kleinstadt angestaunt wie exotische Vögel aus der Südsee. Schwarze Haare. Dunkelbraune Gesichter. Eine unverständliche Sprache. Sie schufteten als Arbeiter in der örtliichen Textilfabrik, die ihnen sogar ein eigenes, preiswertes vierstöckiges Wohnheim öffnete. Die Familien waren aus Kostengründen in der Heimat geblieben und bekamen monatliche Geldüberweisungen. Die ersten Ankömmlinge waren jung und schön. Die Nachbarn warnten, „Die sind gefährlich, haben alle ein Messer in der Tasche.“ Gesehen habe ich Keines. Die hart arbeitenden „Gäste“ kannten sich aus mit „Amore“ und „Bunga Bunga“, und sie wurden dabei nicht beaufsichtigt, sondern suchten Anschluss. Neben dem Freibad am großen Stadtpark gab es viele versteckte und genug kleine Plätze mit hohen Hecken als Sichtschutz. Abends wurde dort Tarantella getanzt.

Das örtliche Gymnasium erweiterte neun lange Jahre den gedanklichen Horizont immer umfassender. Es gab aber als Fremdsprachen nur Englisch und das längst abgestorbene, tote Latein. Für den ersehnten Abschluss mit dem „Großen Latinum“ bekam ich trotzdem ein „Sehr Gut“, vor Allem wegen einer deutschen Interpretation von Ovids „Metamorphosen“, über die „lykischen Bauern“. Wenn man diesen Titel rechts oben in der „Suche“-Funktion eintippt, bekommt man dazu noch mehr Informationen, über den gleichnamigen „Froschbrunnen“ im Park von Schloss Herrenchiemsee :

http://luft.mind-panorama.de/herrenchiemsees-froschbrunnen/

Bis zum Schulbeginn war die Welt außerhalb des Gartens unbekannt. Ein Geheimnis. Nach dem Abitur begann im Oktober 1969 ein achtzehnmonatiger militärischer Grundwehrdienst in Bad Segeberg, mit den ersten Opernbesuchen im nahen Hamburg und dem ersten, zweimonatigen Aufenthalt in Bayern, bei einem körperlich harten Ausbildungslehrgang der Kampftruppenschule I in Hammelburg bei Würzburg. Von dort ging es im Februar 1970 im Auto eines Kameraden bis Bamberg. Und allein weiter zum verschneiten Grab des wichtigsten Komponisten aller Zeiten.

Erst siebzehn lange Jahre später gelang der vollständige Umzug nach Bayern. Die Bilder in München wiederholen sich, aber im Vergleich werden sie immer stärker und deutlicher.

Dort war dann mein erster Opernbesuch im November 1987: Die „Walküre“. Das berühmteste Stück daraus wurde auch in vielen Kinofilmen verwendet. Hier hört man den am wilden Sturmhimmel vorbeibrausenden Walkürenritt :

https://www.youtube.com/watch?v=rcZp7u_Krp8

.