An Wirtshaustischen

12.7.2020. Seit Wochen sieht man nicht nur im Bayerischen Fernsehen Übertragungen aus Wirtshäusern, die früher überfüllt waren, aber nur noch kleine Gruppen im Mindestabstand zeigen, die einschläfernde Gespräche führen. Unvermeidbar mindestens ein Spitzenpolitiker, dann alltägliche Gäste, die ihren Senf dazu geben. Vor ihnen stehen Biergläser, deren tatsächlicher Inhalt beim Zuschauen nicht erkennbar ist. Arbeitendes Personal zeigt sich nicht.

So geht das jetzt schon seit vier Monaten, seit Ende März. Dabei gibt es viele andere Möglichkeiten, der Vielfalt sind zwar einige Grenzen gesetzt. aber immer weniger, solange der Verstand noch selbst denken kann.

Die Erinnerung ist ein großer Datenspeicher. Wer in der Kinderzeit eine Hauptrolle spielte, wurde längst abgelöst von anderen Großmäulern oder tatsächlich bewundernswerten Persönlichkeiten.

Dabei entstehen Vergleichsmöglichkeiten. Ein feines Gespür für leeres Blech, betrügerische Machtgier und deren Raffinesse, aber auch für Begegnungen, deren Qualität selbst ein Streit oder unterschiedliche Lebensplanungen nicht beschädigen können.

Dabei fallen mir viele Gesichter ein. Solche, die man viel zu spät verstanden hat und die längst nicht mehr erreichbar sind. Aber auch aktuelle Zufallsbegegnungen, die seit Wochen aus dem Blickfeld verschwunden sind, aber ganz gewiss nicht vergessen haben, mit wem sie unbekannterweise und selbst auch gar nicht erkennbar, manchmal nur eine begrenzte Stunde der Lebenszeit gemeinsam verbracht haben. Im Austausch von Gedanken, bei denen oft einzelne Stichwörter reichten, um versteckte Türen in dichten Mauern zu entdecken, hinter denen Paradiesgärten blühen oder Rätsel darauf warten, dass ihre Lösung große Probleme verschwinden lässt.

Zurückzuweisen sind dabei Figuren, die sich selbst aufdringlich einmischen, belästigen und in den Vordergrund drängen. Wenn sie dann wirklich in das helle Rampenlicht geraten, versuchen sie, im Dunkeln zu verschwinden. Aber das schließt hier der Zusammenhang aus. Schon die Gesetze in den ältesten Hochkulturen waren dabei unerbittlich.

Wenn man sich mit einem Menschen unterhält, der behauptet, er wäre aus Schwabing, obwohl er einen herzhaften Schweizer Dialekt spricht, dann darf man leise darüber lachen. Aber es gibt keinen Grund, deshalb eine gute Stimmung zu zerstören. Erzählt Jemand von seiner harten Sportausbildung, sollte man zurückhaltend bleiben, auch wenn das Thema sich breit auswalzen lässt. Hört man dann beim Abschied den Wunsch, das Gespräch später einmal fortzusetzen, dann reicht der Hinweis: „Das werden deine Chefs nicht erlauben.“ So schafft man Vertrauen, das sich auch testen lässt. Wichtigtuerei ist dabei wertlos. Der Fortschritt der Menschheit wird mit solchen Dummheiten höchstens verlangsamt, und für viele Lücken in der Allgemeinbildung gibt es diskretere Möglichkeiten, die keinen Holzhammer benötigen.

Die Traumfabriken der Kinos sind tatsächlich schon seit vielen Jahren nicht mehr ausverkauft. Einsparen oder entlassen will man aber Niemand. Vor zwei Jahren klagte mir ein Münchner Filmproduzent, „Wir haben alle technischen Möglichkeiten. Aber es fällt uns nichts mehr ein.“ Doch dann hatte er eine neue Idee. Im folgenden Dezember konnte man das im Mathäser-Filmzentrum anschauen. Zwei bekannte Jungschauspieler. Einfache Dialoge, in einer schnell verständlichen Handlung. Und wenig Garderobe. Wahrscheinlich waren Klamotten zu teuer. Der eine trug immerhin einen gut geschnittenen, knisternden Vollbart. Ich habe ihn schon öfter in der Münchner Altstadt gesehen, in kleinen Rollen als Möbeltransporteur, Begleiter in einem Krankentransport und zwei Mal als stummen Wirtshausgast. Da hat er sogar gegrüßt, war aber von hübschen Jungschauspielrinnen umringt. Ein Gespräch war da natürlich nicht möglich. Aber in Hollywood sucht man immer Talente.

In der Realität wird Schauspielerei schnell zur Sackgasse und fällt auf. Das Unglaubwürdige ist nahe verwandt mit der Unwahrheit. Eine starke, haltbare Zukunftsperspektive ist es nicht.