Auf Adlers Schwingen

19.8.2020. Die „Adler“-Lokomotive wurde von Wasserdampf angetrieben und fuhr am 8.12.1835 zum ersten Mal von Nürnberg nach Fürth. Damit begann der Schienenverkehr in Deutschland. Damals war es das schnellste Transportmittel. Seitdem haben sich die Geschwindigkeiten immer mehr gesteigert. Flugzeuge. Raumschiffe im Universum. Nicht nur in der Luft, wo die grenzenlose Freiheit nur eine Sinnestäuschung ist. Auch bei Arbeitsmaschinen in Fabriken, den Querverbindungen zwischen menschlichen Netzwerken und dem Reisetempo. Bei manchen Wichtigtrommlern glaubt man, sie wären tagsüber gleichzeitig vor den Mikrofonen mehrerer Kontinente zu sehen. Kanzlerin Merkeln spricht gern vor den Mikrofonen mehrerer Kontinente von ihren politischen Freunden in den Präsidentenbüros der Nachbarländer, und ihr glaubt man, dass sie sich alle im Stundentakt treffen wenn sie wiederholt, „Gemeinsam schaffen wir das.“ Damit kann das Wetter gemeint sein, das gemeinsame Mittagessen oder das Dauerlächeln im Gruppenfoto. Ihr Vorgänger Helmut Kohl hatte sich einmal bei den Nachrichtensendern beschwert, dass sie seine Neujahrsansprache vom letzten Jahr noch einmal gezeigt hatten. Er hatte es nur deshalb gemerkt, weil er beim zweiten Mal eine andere Krawatte trug.

Zu viel Schnelligkeit und Faulheit verursachen Fehler. Wenn das Keiner merkt, haben Alle nicht aufgepasst. Oder ihre nächste Regelbeförderung und Gehaltserhöhung vom Chef schon fest verplant. Mit Vorsicht, luftschnittiger Anpassung, Buckeleien und tiefen Verbeugungen stößt man zwar an keine Ecken und Kanten. Ist aber auch kein Adler. In den meisten Berufen sind das seltene Minderheiten, manchmal mit militärischem ZackZack. Oder zusätzlich, noch seltener, mit Menschlichkeit. Kann man Alles persönlich erleben, aber die schielenden Geierkrallen, verkniffenen Maulfressen und hinterlistigen Lauerbauern sind immer die Mehrheit.

Der echte Adler hat messerscharfe Augen, riesige Flügelknochen zum kräftigen Zuschlagen und ist unbestrittener König in seinem Revier. Er hat nicht nur Bärenkräfte wie ein Flugsaurier, sondern auch ein Gedächtnis wie eine alte Goldgrube. Er verdient Vertrauen und bekommt das auch. Wenn ich über solche seltenen Raritäten etwas schreibe, sind das einerseits frei erfundene Phantasieprodukte. Andererseits glauben die schlauesten Wurzelzwerge sogar an „Vecchia Burrata“ (alten Käse) und wittern überall versteckte, getarnte Spiegel, während man sie mit jedem Smartphone viel schneller und unauffälliger fotografieren kann. Das Herunterladen einer kostenlosen Bildbarbeitung zeigt dann das wahre Gesicht einer ausgeleierten Quaktasche. Jede Suchmaschine findet anschließend weltweit Bilder von ähnlich aussehenden Figuren, plus genauerer Details. Das ist strafbar und verboten, wird aber trotzdem gemacht. Einer lief mal wütend auf mich zu, „In den letzten Tagen hast du mich ständig beleidigt!“ Kann gar nicht sein, weil ich niemals Privatinformationen herumposaune. Aber vielleicht gab es doch eingebildete, ungewollte, unbeabsichtigte Ähnlichkeiten, so wie der Blick in einen gekrümmten Zerrspiegel auf dem Oktoberfest die torkelnden Betrachter doppelt so dick oder dünn macht wie sie es in Wirklichkeit gar nicht sind.

Adler sind in vielen Ländern echte Erkennungszeichen des Staats. Seine ernsthaften Freunde, Mitarbeiter und Begleiter zeigen das Bild als Erkennugszeichen sicher nicht Jedem, sind aber im Gedankenaustausch leicht erkennbar. Themen, Wortwahl und Körperbewegungen. Ein ausländischer Unbekannter hat das einmal noch geschickter gemacht. Als Überraschungsgast tauchte er als singender, locker gekleideter Freizeit-Gitarrespieler in einem Bierlokal auf. Zwei Tage später grüßte mich ein Herr im schwarzen Maßanzug, mit elegantem, roten Einstecktuch und einem kleinen silbernen Metalladler an der Jacke. „Erkennen Sie mich nicht?“ Es war der Gitarrespieler, der aber sein Aussehen völlig verändert hatte.

Wir sprachen dann ausführlich über die Verwendung von Adlern in Zeichnungen, Büchern und auf ausgewählten Gegenständen. Er lud mich sogar als Ehrengast auf eine Veranstaltung ein, wo er bereits Plätze reserviert hatte. Der Gedankenaustausch war sehr spannend, obwohl wir uns vorher gar nicht kannten und ich kein Spezialist für Orden und Abzeichen bin. Er zeigte Fotos. Auf einem war er selbst abgebildet. Der Schauplatz war nicht geheim, also gab es auch keinen Grund zur Verschwiegenheit. Doch er war nicht erfreut und ging dann. Ein Rätsel ist heute noch, warum alltägliche Fotos, die oft in Zeitungen zu sehen sind, zum Ärgernis werden können.

Das Phänomen ist gar nicht so selten. Auslöser können auch Stichwörter sein. Eine Ortsangabe, ein Datum oder ein Name. Oder eine Zeitungsnachricht, die den Hörer erschreckt, obwohl er es täglich in den Nachrichten lesen kann. Die tatsächlliche Ursache ist dann das Anrühren eines Tabus, einer unerwünschten Information. Wenn die Reaktion sehr heftig ist, lässt sie Rückschlüsse zu. Das Interesse an einer Auflösung kann dann auch sehr gering sein, aber die Gesichtsmuskulatur sendet reflexartig Zeichen, die viel zu stark sind. Mein Interesse an allen Sensationen und Feuerwerkseffekten ist sehr gering. Viel spannender sind kleine Alltagserlebnisse, Miniaturen, die Niemandem auffallen, aber Spuren setzen, in Abgründe, die zwar ungefährlich sind, aber eine schlafende Eigendynamik speichern, für Entwicklungen der Zukunft.

Der Adler kreist frei in der Luft, aber auch sein Revier ist begrenzt, sein Wirkungsbereich. Die grenzenlose Elektronik ändert daran gar nichts. Sie hat ihre eigenen Gesetze und Grenzen. Der mächtige Raubvogel weiß das nicht. Er braucht es auch nicht.

Ein einsamer Wolf bedeutet etwas Ähnliches. John Barrys Musik zu „Dancing with Wolves“ erweitert das Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=KHvKviaeulg

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