Bacchanale

2.5.2016. Wirtshäuser gibt es, da wird bei zunehmender Dämmerung auch  das Innenlicht gedämpft. Das soll gemütlich sein, verdeckt  Schönheitsfehler, doch lenkt auch das Gespräch nicht ab. Schemenhafte Holztischplatten, nachtschwarze Wandvertäfelung, leises Stimmengewirr. Geheimnisvoll.

Stimmungen, Emotionen haben eigene  Wirkungen. Der Instinkt registriert wie ein Seismograph die Vorzeichen eines Erdbebens. Die Wiederholung zunächst unbekannter Methoden  erzeugt Reflexe, macht Spuren eines Systems sichtbar.  Solche Geheimnisse lassen sich enträtseln durch Dateien  in Computerspeichern. Doch da gibt es Grenzen. Kühle technische Logik ist einerseits ein Gipfelpunkt. Doch nur eine einzelne Perspektive. Die Welt hat viele Türen. Kühle Entschlüsselungstechnik (Kryptologie) übersieht gern die Rätselbilder aus ganz fernen, frühen Zeiten, deren Energie noch immer mächtig ist. Vor der Sprache, vor den ersten Texten dachte man in Bildern, in Symbolen. Die Luft bedeutete Geist, das Feuer Kraft, die Erde sicheres Fundament für jeden Fortschritt. Im Meer tauchten die allerersten Lebewesen auf, und das Wasser blieb auch Voraussetzung für alles Leben  Die Bildersprache der Symbolik  ist unmittelbar spürbar, aber zunächst nur undeutlich,  an der Oberfläche. Man muss sich viele Jahre damit beschäftigen, als ob man die Stufen einer Treppe langsam aufwärts steigt. Das ist auch das optische Bauprinzip der Bäume, deren Zweige zur Spitze hin kürzer, konzentrierter werden (zur „Krone“).

Filmtricks können Phantasiewelten erschaffen, mit einem täuschend echten Realismus („Virtual Reality“). Aber man durchschaut sie schnell, an kleinen Auffälligkeiten, logischen Rissen  oder einem übertriebenen Einsatz der Illusionstechnik. Spielereien mit Knalleffekten, aber ohne Tiefenwirkung. Ein Mysterium lebt von Andeutungen. Man kann es nicht restlos aufhellen und sich ihm nicht nähern, ohne Distanz einzuhalten. Zu erobern gibt es da nichts. Nur zu gewinnen, mit Geduld.

Im Jahr 1789 stürzte die französische Monarchie, nachdem sie durch kluge Denker der Aufklärungszeit wie Rousseau durchleuchtet und scharf kritisiert wurde. Militärisch ist Aufklärung das Ausspähen eines Gegners. Doch Kriege verschlingen ungeheure Geldsummen, verschwenden Zeit, auch im beruflichen und privaten Bereich. Miteinander zu sprechen, in Augenhöhe, spart das alles, bringt überraschende Entdeckungen, die auf anderen Wegen nicht zu finden sind.

Der Alte Orient war eine Schatzkammer der starken Symbolik, nicht nur in den berühmten Erzählungen aus 1001 Nacht. Ekstatische, berauschende Feste und Tänze nannte man damals „Bacchanale“, und die Musik viel späterer Jahrhunderte hat etwas davon einzufangen versucht. Die Wirkung des Weines, der die Phantasie, die Gehirnströme lebhaft bewegt, war auch damals nur einzelnes Fragment, eines von vielen Teilen  der  Wirklichkeit, die sich weder auf technische Elemente beschränkt noch auf alle sonstigen Formen der Wahrnehmung.

James Levine dirigiert das Bacchanale aus „Samson et Dalila“:

https://www.youtube.com/watch?v=JApi3qNdjXA

.