Baker Street in London

27.9.2019. Die Londoner Baker Street liegt in Soho, dem Vergnügungsviertel von London, wo auch die großen Theater und Premierenkinos stehen. Im Dezember 2003 habe ich ein einziges Mal die große Stadt besucht, natürlich auch die Sehenswürdigkeiten. Ein zusätzlicher überflüssiger Reiseführer soll das jedoch nicht werden. In einem Café am Verkehrsknoten Leicester Square spielte man plötzlich „Baker Street“, das damals schon weltweit bekannt war. Die Atmosphäre der kühlen Musik, dominiert von einem schreienden Saxophon, passte genau zum Blick auf das unruhige Menschengewimmel draußen. Der Text beschreibt in klarer Einfachheit eine einsame, stille Wanderung durch das nächtliche London. „This city desert makes you feel so cold. It’s got so many people, but it’s got no soul.“ Das heißt: „Die Stadtwüste gibt dir ein kaltes Gefühl. Sie hat so viele Leute, aber keine Seele.“

Kurz vor dem Hotel im Arbeiterviertel Islington war damals ein Bierlokal mit dem Namen „Northumberland Arms“. Das ist eine Kette, die es oft in England an Orten gibt, wo Soldatenkasernen stehen. Hier war es drinnen fast dunkel. Die Wände pechschwarz gestrichen. Billardtische und Dartpfeile boten Zeitvertreib an. Erkennbar an ihren kurzen Frisuren und sportlichem Auftritt bestanden die Gäste fast nur aus jungen britischen Soldaten. Die sonst unvermeidlichen Touristen waren woanders. Das Bier musste man sich selbst an der Theke holen. Gesprochen wurde kaum. Aber aus den Lautsprechern hörte man die beliebte Musik der Sechziger Jahre. Beatles und natürlich „Baker Street“, das auch hier genau passte, in die Stimmung aus wortkarger Einsamkeit und der Vorbereitung auf den militärischen Drill am nächsten Tag. Das düstere Licht reichte gerade noch zum Lesen englischer Zeitungen, und ein älterer Herr schob mir gleich sein Exemplar herüber, „You can take this.“

Und bei der Lektüre der Nachrichten öffnete sich natürlich der letzte Tagesablauf weit, erst einmal mit Schwerpunkt auf einheimischen Themen, die oft auch den Rest der Welt bewegen.

Zur Zeit ist es der bevorstehende Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Gemeinschaft, für den sich die Mehrheit der Wähler entschieden hat. Beim Versuch, diesen Willen durchzusetzen, zeigte die frühere Premierministerin Theresa May ihre ganze Energie. Doch mittlerweile hatten sich die Parteien und andere politische Kräfte bei dieser Frage total zerstritten und lieferten sich im Londoner Parlament heftige Redeschlachten in aller Öffentlichkeit. Bis die Premierminsterin aufgab und zurücktrat.

Das Problem ist damit nicht vom Tisch. Jeder wird also miterleben können, wie ein starkes Land es schafft, ohne die Brüsseler Europa-Regierung zu leben. Gelingen wird das auf jeden Fall. Aber die Details sind noch offen. Man wird weiterhin zusammen arbeiten müssen, dafür ist Großbritannien viel zu wichtig. Ob es eine schmutzige Scheidung wird oder ein vielversprechender Neuanfang, liegt an den Beteiligten. Jahrtausendelang sind alle Staaten des Kontinents ihren eigenen Weg gegangen. Dann kam die Einsicht, dass ohne Gemeinsamkeit gar nichts geht. 1945 haben die Siegermächte das vom Krieg völlig zerstörte Deutschland nicht einfach allein gelassen, sondern große Summen für den Wiederaufbau gespendet. Daraus entstanden Freundschaften zwischen lange verfeindeten Nationen, und Frankreich, England gehören dazu. Man kann es nicht oft genaug wiederholen. Das deutsche „Wirtschaftswunder“ war undenkbar ohne Ludwig Erhards treffsicheres Modell der Sozialen Markwirtschaft. Und diese Regeln gelten immer noch. Man muss sie nur praktizieren.

Der Text des Lieds „Baker Street“ beginnt so: “ Winding your way down on Baker Street, light in your head and dead on your feet. Well, another crazy day. You’ll drink the night away And forget about everything. This city desert makes you feel so cold. It’s got so many people, but it’s got no soul.“

Gerry Rafferty sang „Baker Street“ 1978 zum ersten Mal. Hier ist das Video:

https://www.youtube.com/watch?v=dU6w56epBdc