Baumhäuser und Außenfassaden

20.1.2020. Baumhäuser gibt es fast nur in exotischen Ländern. Da gehören sie auch hin. Mehr Phantasie wünscht man sich aber auch für die Außenfassaden der europäischen Städte. In New York entstanden die ersten Wolkenkratzer deshalb, weil die Grundstücke flächenmäßig begrenzt waren und man deshalb zwangsläufig in die Höhe gehen musste. In Europa hat man seit über sechzig Jahren eine ähnlich monotone Gebäudeform entwickelt. Weil aber zunächst viel Platz war, ist man einfach gewaltig in die Breite gegangen, überwiegend auch mit einer einzigen Hauptform: Der rechteckigen Schuhschachtel. Während sich die Haustechnik im Inneren der Bauten und die Ausstattung der Wohnräume immer mehr verfeinerte, sah man drauße ganze Trabantenstädte, die genausogut, auswechselbar in München, Berlin oder Frankfurt hätten stehen können, natürlich nicht nur für eine Woche, sondern für Jahrzehnte.

Für die Zukunft lässt sich das ändern. Für die Vergangenheit auch. Man kann die Barockzeit oder die mittelalterlichen Städte nicht mehr zurückholen, aber man kann die Phantasie früherer Zeiten wieder entdecken und neu gestalten. Das heißt: Nicht nur Farbe und wildes Graffiti-Spray, sondern auch dekorative Elemente wie Erker, Bögen, Säulen lassen sich überall einbauen. Wenn ein Bau der letzten Jahrzehnte nicht unter Denkmalschutz steht, kann man die Fassade jederzeit verändern, ganze Teile abwechslungsreich gestalten und viel mehr Natur einbauen. Keine Balkons mit bunten Geranien, sondern Nischen, in denen große Pflanzen zu sehen sind. Verschiedene Bereiche müssen besser zusammenarbeiten. Warum sollte ein Landschaftsarchitekt nicht auch an der Gestaltung einer Gebäudefassade mitwirken – und sein Wissen dann weiter ausbauen für einen Garten oder Park?

Die Firma Google baut zur Zeit ihre Deutschlandzentrale an der Münchner Hackerbrücke weiter aus. In einem Gelände, das unter Denkmalschutz steht und vor 100 Jahren entstand. Äußerlich ist überhaupt keine Veränderung zu erkennen. Aber drinnen werden Computer-Arbeitsplätze auf dem neuesten Stand der Entwicklung entstehen. Es ist eine Freude, dort mit der Straßenbahn vorbeizufahren und keine langweiligen neuen Betonkisten zu sehen, sondern ein unbeschädigtes Ensemble.

In der Satzung der Stadt München steht die Verpflichtung, für jeden abgehackten Baum auf dem gleichen Grundstück einen neuen zu errichten. Manchmal wird in der Baugenehmigung „zufällig vergessen“, dass diese Bedingung existiert. Aber das macht nichts. Denn die Satzung der Stadt ist übergeordnet. Wer trotzdem sich nur auf die Baugenehmigung verlässt, arbeitet an einem Schwarzbau, dessen Abriss jederzeit verfügt werden kann. Nachdem ich zwanzig Jahre lang beruflich große Münchner Immobilien betreut habe, hat es in solchen Punkten auch immer wieder Ärger gegeben. In einigen Baugenehmigungen fehlen sogar andere wichtige Auflagen und Verbote, und manche Betroffene meinen, sie dürften jetzt fast Alles.

So etwas lässt sich auch nachträglich klären, wenn der gute Wille dazu da ist. Die Rechtslage ist jedenfalls eindeutig.

Großstädte mit ihrer dichten Besiedlung dürfen nicht Alles „verdichten“, sondern müssen genügend architektonische Freiräume für die Bevölkerung stehen lassen oder aufbauen. Kleine Parks mit Sitzbänken, Brunnen und großen Laubbäumen reichen da manchmal schon. Aber manchmal darf’s auch ein bisschen mehr sein.

Für die Vergangenheit lässt sich da Vieles reparieren und verbessern. Und für die Zukunft sowieso, schon bei der Planung. Eine Umgebung, in der man sich wohl fühlt, nutzt auch dem Ruf und dem Wert eines Stadtteils, auch wenn dort keine Luxusbauten stehen. Jede Stadt gewinnt dadurch an Attraktivität.

Man muss nicht Alles in Vorschriften fassen, das grundsätzliche Denken ändert sich im Lauf jeder Epoche. Und ein einziger Artikel allein ist viel zu wenig, um mehr Klarheit zu schaffen.