Bayreuths unsichtbare Weltuhr

25.4.2019. Alle wichtigen Fakten über Bayreuth sind bekannt. Sie hier zu wiederholen, ist überflüssig. Wenn man auch die unterschiedlichen äußeren Formen kennt, die Gebäude, kann man sich fragen, ob ein neuer Besuch der Stadt überhaupt etwas bringt.

Ja. Die Wirkungen. Welche neuen Eindrücke bekommt man, wenn man seit November 2015 gar nicht mehr dort war? Eine Menge. Das wird in diesem Artikel noch genau erklärt.

Schon morgens ein wolkenloser Himmel. Bei der Ankunft gegen zehn Uhr strahlte die Stadt wie eine blitzende Schatztruhe.

Gegenüber vom Hauptbahnhof, an der Bushaltestelle, standen ein paar Einheimische herum, die gern mit sich reden ließen. Ein älterer Herr meinte spontan, „Hier haben die Architekten Einiges kaputt gemacht.“ „Den Rathaus-Bau?“ „Ja, auch. Aber vor Allem den Markt. Für das abgeschliffene Kopfsteinpflaster gab es vier Jahre Bauzeit. Und viel mehr als eine leere Platte kam am Ende nicht dabei heraus.“

Der Stadtbus kam nach zehn Minuten dort an. Aber so schlimm war es gar nicht. Eine kleine Allee mit Laubbäumen. Marktbuden. Tische und Stühle vor den Wirtshäusern. Das läuft von selbst, aber nur bei gutem Wetter. Nicht im Winter. Hier hätte die Stadtplanung viel mehr natürliche dekorative Elemente für das ganze Jahr einbauen können. Bei Hecken, Bäumen, Bänken und deren Gestaltung sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Dort ist auch das Bistro „Rossi“. Der Eigentümer hat vor Jahren die gesamte Inneneinrichtung aus einer alten Café-Bar in Florenz ausgebaut und hier wieder neu installiert. Eine dunkle, geschmackvolle Holzvertäfelung. Dazu ein Angebot an kleinen Speisen und nicht überteuerten Getränken, bei denen man lange verweilen kann.

Genau gegenüber ist jetzt die Buchhandlung Rupprecht, für Kunden nur im Erdgeschoss zugänglich und mit dem üblichen Sortiment für Küche, Reise, Sport und Bestseller. Verschwunden sind dafür vor zwei Jahren der nahe Buchladen Hugendubel, wegen der zu großen Verkaufsfläche. Und am Sternplatz der „Markgraf“ mit seinen inhaltlich hochwertigen Titeln, nachdem der ältere, sehr belesene Inhaber sich zurückzog, mit dem immer ein kleines Gespräch möglich war.

Ein paar Meter weiter thront das Wirtshaus „Oskar“, mit deftiger fränkischer Küche. Vor dem Eingang saß ein einzelner Biertrinker, der sofort freundlich grüßte. „Kennen wir uns?“ „Nein. Einfach so.“ Dazu der unverwechselbare Dialekt. Einladend. Drinnen war es fast leer. Die umfangreise Speisekarte bot auch ein internationales „Farmer Breakfast“ (Bauernfrühstück). Zwei Spiegeleier mit Bratkartoffeln.

Die Stadt ist überschaubar. Die Sehenswürdigkeiten für Besucher lassen sich leicht aufzählen. Da, wo alte Häuser stehen, ist es idyllisch. Zum Beispiel die engen Gassen nördlich von der Stadtkirche. Dort gab es viele Jahre das Künstlerlokal „Eule“, mit Wänden voller Sängerfotos, wo man tagsüber und spätabends zu bescheidenen Preisen auch mit Fremden aus aller Welt leicht in stundenlangen Gesprächen die Zeit vergessen konnte. Als das Gebäude vor einem Jahrzehnt altersbedingt abrissreif war, hat die Stadt es dankenswerterweise gerettet. Zunächst gekauft und dann gründlich renoviert. Was man leider vergessen hat, war eine Restaurierung der Gasträume, also eine möglichst genaue Annäherung an die vorherige, weltweit bekannte Innenausstattung. Die eindrucksvollen Sängerfotos an den Wänden wurden von der Anzahl her stark reduziert, und es entstand ein modernes Speiselokal. Davon gibt es bereits genug hier, und es hängen keine nostalgischen Erinnerungen daran, an die alten Lampen, Tischdecken und Sitzbereiche, wo man jederzeit auch nur ein schnelles Bier bekam, um sich an die unvergessenen Zeiten zu erinnern und davon zu träumen.

Das gleiche Schicksal erlitt leider auch das beliebte „Jean-Paul-Café“ gegenüber der Stadthalle. Der ältere Besitzer hörte auf. Danach kam ein neues Feinschmeckerlokal in die Räume. Das alte Mobiliar verschwand völlig und damit ein vertrauter Treffpunkt. Nicht zu vergessen: Der frühere Inhaber ließ manchmal Wagnermusik laufen, nur ganz leise. Seine Begründung: „Wenn ich Wagner spiele, laufen mir die Bayreuther weg.“ Tatsächlich bekommen viele Einheimische ein Angebot für Freikarten in den Generalproben. Aber eine Blumenhändlerin sagte mir: „Das ist so langweilig. Freiwillig gehe ich nicht mehr dahin.“

Nächste Station war das Festspielhaus. Zehn Minuten Fußweg dahinter waren es bis zur „Bürgerreuth“, heute eine Pizzeria. Früher ein bekanntes Traditionslokal. Vor den großen Fenstern tauchte gegen zwölf Uhr der heutige Begleiter auf, der ein paar Tage in Münchberg verbrachte, seinem nahe gelegenen Geburtsort. Seit 1989, also seit dreißig Jahren, haben wir gemeinsam immer wieder die fränkischen Traumlandschaften erkundet, oft verbunden mit einem Tagesbesuch in der Wagnerstadt.

Nach einem ausgiebigen Kaffeetrinken wandern wir den Hang abwärts nach Süden. Auf der Besucherterrasse vor dem Festspielhaus ist es ganz still. Ganz anders als beim fünfwöchigen Menschenauflauf während der Sommersaison. Sitzt man im Frühling dort auf einer Bank, tauchen viele Erinnerungen an Besuche in den letzten drei Jahrzehnten wieder auf.

Und hier ist auch der große Zeiger der unsichtbaren Bayreuther Weltuhr erkennbar. Schaut man von der Mitte dieser halbkreisförmigen Besucherterrasse über das Eisengeländer nach Süden, blickt man zunächst auf die bekannte Auffahrtallee. Und sieht in der Ferne, am Horizont, die Stadtkirche. Man erkennt also eine lange Sichtachse vom Musiktempel am Hügel bis zum wichtigsten Kirchengebäude der Altstadt. das aus dem Mittelalter stammt.

Ein Zufall ist das nicht. Vielleicht eine Idee der Freimaurer, die sämtliche Weltreligionen anerkennen, die in unterschiedlichen Formen dem „Allmächtigen Baumeister Aller Welten“ (ABAW) dienen, also Gott. Die Freimaurer lieben Bilderrätsel. Mittelalterliche Kathedralen waren voll mit ihrer Symbolik: Farbige Glasfenster, Säulen, Wände sollten ein irdisches Bild des Paradieses sein.

Bei dem heutigen Besuch hatten blühende Alleebäume mit ihrem Laub allerdings die lange Sichtachse zuwachsen lassen. Kein Problem für die Stadtgärtner, die das anscheinend nicht bemerkt haben.

Die Freimaurer haben Richard Wagner, der damals nur zu Besuch in der Stadt war, dazu überredet, sich hier dauerhaft niederzulassen. Er bekam mit Unterstützung des Bankiers Friedrich Feustel, der auch Meister der Bayreuther Freimaurer-Loge „Zur Sonne“ war, die wertvollen Grundstücke für das Feststpielhaus und sein privates Wohnhaus Wahnfried von der Stadt geschenkt, die ihm auch eine Ausnahmegenehmigung für sein eigenes Grab im Wahnfried-Garten erteilte.

Wagners letzte Großwerke „Meistersinger“ und „Parsifal“ sind voller Anspielungen auf zahlreiche Freimaurer-Rituale. Die Sonne war für sie am Mittag am höchsten Punkt ihres Tageskreises und der inneren Erleuchtung. Und im dritten Akt des Parsifal heißt es: „Mittag ! Die Stunde ist nahe. Gestatte, Herr, dass dein Knecht dich geleitet.“ Wohin? In den Gralstempel.

Wenn man also die lange geographische Sichtachse vom Grünen Hügel nach Süden direkt bis zur alten Stadtkirche als großen Zeiger einer symbolischen Weltuhr deutet, bleibt natürlich die Frage, wo der „kleine Zeiger“ sich befindet. Es ist eine zweite Sichtachse, die von Ost nach Westen verläuft, mit zwei wichtigen Gebäuden auch hier. Gelesen habe ich darüber noch gar nichts. Aber sie ist leicht zu finden. Man kann sie sogar auf einer Karte einzeichnen oder an den geographischen Standorten markieren.

Im Osten befinden sich Wagners Villa Wahnfried und das Logengebäude der Freimaurer, beide auf dem gleichen geographischen Breitengrad. Wahnfrieds Eingangsallee beginnt an der öffentlichen Straße. Verlängert man diesen Punkt nach Westen, trifft diese Linie, der „kleine Zeiger“, den „großen Zeiger“, die bereits beschriebene Nord-Süd-Achse.

Der Treffpunkt beider Achsen liegt im Bereich des zentralen Sternplatzes. Ein passender Name. „Brüder, über dem Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ (Friedrich Schiller) In unmittelbarer Nähe liegen das Markgräfliche Opernhaus, der wichtigste Grund für Wagners ersten Ortsbesuch, und das Alte Schloss des Kurfürsten, der die Schwester des preußischen Königs, Friedrich der Große, heiratete. Die kunstsinnige Wilhelmine ließ zahlreiche Kunstwerke bauen, außer dem Opernhaus auch die prächtigen Parkanlagen der Eremitage.

Was bedeutet die unsichtbare Weltuhr, was treibt sie an? Die Zeiger bilden die Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks. Das ist die Form einer Maurerkelle oder eines Zirkelschlags. Auch das sind wichtige Symbole der Freimaurer, deren historische Anfänge im kunstvollen Bau der großen mittelalterlichen Kathedralen lagen. Ein Zentrum ihres Denken ist auch die Himmelrichtung des Ostens, wo jeder Tag neu beginnt, um wichtige Werke des menschlichen Geistes fortzusetzen.

Die Themen dafür werden gleich genauer beschrieben.

Im Osten liegen also das Logengebäude und Villa Wahnfried mit dem neuen Museum. Ein dunkler, moderner Flachbau mit Direktverbindung zum früheren Gärtnerhaus. Dort ist jetzt ein kleines Café untergebracht. An den Außentischen kann man direkt auf den Wahnfried-Eingang schauen und ein Eis essen. Bei gutem Wetter. Drinnen der Gastraum ist so klein, dass dort nicht viele Besucher Platz finden. In den kälteren Monaten dürfte es nicht leicht sein, hier Gewinne zu erwirtschaften. Eine vorübergehende Schließung hat die Stadt als Eigentümerin in ihrem Mietvertrag wohl nicht vorgesehen. Am Ende könnte sogar eine andere Nutzungsform stehen.

Das Museum habe ich bisher nicht betreten, weil nach Presseberichten viele der bisher bereits vorhandenen Exponate nur aus anderen Räumen dorthin umgezogen sind. So viele neue Schmckstücke gibt es in der Stadt nicht. Meinen vor Jahren veröffentlichten Vorschlag, im seitlichen Siegfried-Wagner-Anbau eine Gedenkausstellung zum Nationalsozialismus aufzubauen, weil dort Hitler während seiner Besuche gewohnt hat, ist man zwar im Erdgeschoss gefolgt, aber nur recht sparsam. Auch mein Vorschlag, die Bäume der Eingangsallee bis zur Straße zu verlängern und dafür die frühere Bushaltestelle zu verlegen, ist verwirklicht worden. Ein Dankeswort für den Ideengeber hat es bis heute nicht gegeben. Doch das Urheberrecht gilt auch hier.

Möglichkeiten für bezahlbare Verbesserungen, eine gesteigerte Attraktivität und höhere Einnahmen gibt es genug. Kein Problem: Wer Ideen hat, müsste sich dafür nur Zeit nehmen, um gründliche und vor allem für auswärtige Stadtbesucher wirkungsvolle Erebnisse zu erzielen. Aber es gibt kein Echo der Verantwortlichen.

In der Kassenhalle des Museums lagen zahlreiche Bücher zum Verkauf bereit. Viele wichtige und spannende Titel fehlten. Außerdem sah man nur ein paar CDs / DVDS. Obwohl das Hauptthema dieses Gebäudes die Musik ist.

Eine Überraschung war allerdings der recht neue Prachtband „Wieland Wagner“, zu dessem hundertsten Geburtstag im Jahr 2017. Den stolzen Preis von 68 Euro ist jede Buchseite wert. Achtzig Prozent der Bühnenfotos, die meisten in Farbe, kannte ich bisher gar nicht, trotz jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Genie des früh verstorbenen Enkels, dessen künstlerisches Niveau auf einer vergleichbaren Höhe lag wie die berühmten Werke selbst. Der Autor Till Haberfeld hat zahlreiche Texte des unvergessenen Oswald Georg Bauer verwendet, deren Lektüre auch heute noch sehr empfehlenswert und anregend ist.

In seiner Wirkung war dieser zeitlich begrenzte Tagesbesuch sehr stark, hat nicht nur Erinnerungen ausgelöst, sondern auch viele neue Gedanken geschaffen, die für die Wagnerstadt nützlich und realisierbar sind.

Dazu folgen – in unregelmäßigen Abständen – bald neue Artikel, die man mit dem folgenden Crosslink sofort finden kann:

http://luft.mind-panorama.de/category/1-a-bayreuths-unsichtbare-weltuhr/