Boris Godunov im Kino

8.7.2020. Das Moskauer Bolshoi-Theater schuf im Jahr 1954 eine überragende Kinoverfilmung der russischen Nationaloper „Boris Godunov“.

Unter der Regie von Vera Stroyeva entstand ein eindringlicher Farbfilm, den man hier in guter technischer Qualität anschauen kann (1.39 Stunden):

https://www.youtube.com/watch?v=8N1CN3WcAjk

Neben der starken Musik von Modest Mussorgsky (1839 – 1881) erinnert die gesamte optische Wucht der Szenen, fast durchgehend, an die expressiven Bilder des genialen Filmregisseurs Sergej Eisenstein („Iwan der Schreckliche“) . Ein weites Panorama von alten Orten und Landschaften, ein wechselnder Bilderbogen des russischen Lebens im sechzehnten Jahrhundert, mit realistischen, lebhaften Außenaufnahmen : Man sieht das einfache Volk. Die prunkvolle Krönung des neuen Zaren Boris. Eine Klosterzelle. Eine Säuferschänke. Intrigen und offene Mord-Anschuldigungen im Kreml-Palast. Der ferne polnische Herrscherhof als Sprungbrett für eine große Karriere. Denn nach dem Tod des Zaren greift ein Betrüger nach der Macht.

Die lebensechten Charaktere sind sehr natürlich und glaubwürdig eingefangen, ohne theatralische Übertreibungen oder Fratzenschneidereien. Doch hinter den Fassaden lauern Abgründe, weil fast Alle etwas zu verbergen haben oder sich gegenseitig täuschen wollen. Mussorgsky verwendet dafür schrille, grelle Klangfarben, breitet aber auch ausgiebig die meditative Innigkeit der traditionellen russisch-orthodoxen Kirchenmusik aus, die sich über die Grenzen der vergänglichen Alltagswelt hinauf schwingt in höhere, kosmische Dimennsionen.

So gesehen, wirken die dramatischen menschlichen Machtkämpfe seltsam unwirklich, irreal, obwohl sie starke Antriebskräfte sind überall dort, wo sich etwas bewegt und trotzdem nicht vorwärts kommt.

Das gilt nicht nur für Kaiser und Könige, sondern auch für private und berufliche Verbindungen. Gemeinschaften und Organisationen haben strenge Regelwerke, die Unterordnung und Anpassung fordern. Doch störender und blockierender Sand im Getriebe kann auch auf schwere innere Mängel hinweisen.

Dann scheitern aufwändige Lebensplanungen, obwohl sie mit rücksichtloser Energie vorwärts getrieben werden. Staaten werden unbeweglich und autoritär. Falsche Bewertungen haben nur die Haltbarkeit von dünnen Seifenblasen und phantasierten Luftschlössern. Das ist eine bittere, aber unvermeidliche Lebensbilanz für alle, die das nicht einsehen wollen. Möglich sind bessere Ergebnisse nur mit einer tatsächlichen Veränderung und Neuordnung der gewohnten bisherigen Denkweise, von der Viele überfordert sind. Ohne offene, transparente Ursachenforschung wiederholen sich auch längst vergangene historische Abläufe, die aber ein zähes Eigenleben haben, weil ihre Oberfläche mit Macht und Reichtum vergoldet ist, aber ihr Innenleben verfault. .

So ist das in vielen Ländern. Alte, handgeschriebene Chroniken und neue elektronische Datensammlungen sind eine Fundgrube, deren Schätze jeder selbst auswerten kann. Erstaunlicherweise geschieht das nur in Grenzen.