Buddhas Welt

16.8.2019. Ein schwarzer Adler mit riesigen, weit ausgebreiteten Flügeln ist das Emblem der Vereinigten Staaten. Das Zeichen steht für Stärke und die Beherrschung des Luftraums, die bei militärischen Auseinandersetzungen wichtig ist. Die Farbe Schwarz gehört zur Nacht, zur Unterwelt und wirkt bedrohlich wie die Dinge, die man zwar wahrnehmen, aber nicht genau erkennen kann. Das muss nichts Schlimmes sein, denn auch auf jede lichtlose Nacht folgt ein neuer Tag.

Buddhas Welt ist nur oberflächlich eine ganz andere. Er wurde in einer reichen Familie geboren und genoss alle materiellen Annehmlichkeiten, aber das hielt er nicht für das Wichtigste, sondern das Nachdenken. Dazu zog er sich in eine menschenleere Einöde zurück und verbrachte die Zeit mit Meditation. Das ist die Loslösung von allen Nebensachen, Äußerlichkeiten und die Konzentration auf das Wesentliche. Das ist möglich bei sämtlichen Themen, die es auf der Welt gibt. In der riesigen Informationsflut des Internets verlieren Manche den Überblick oder sie beherrschen ein Wissensgebiet nicht mehr, weil sie sich von einer Überfülle an Nebensachen ablenken lassen. Das geht auch ganz anders.

Es bedeutet nicht realitätsferne Weltfremdheit. Die asiatischen Staaten, wo schon die Kinder mit Buddhas Lehre aufwachsen, ihr ganzes Leben danach ausrichten und ihn als Vorbild verehren, haben trotzdem Kriege geführt und ihre Länder mit strengen Gesetzen geordnet. China macht zur Zeit Schlagzeilen, weil es bewaffnete Soldaten an der Grenze zu Honkong aufmarschieren lässt, um die dortigen Demonstranten – gegen eine Beschränkung ihrer Freiheit – einzuschüchtern und zu warnen. Selbst der amerikanische Präsident Donald Trump vertraut darauf, dass die Weisheit der chinesischen Führung sie an Gewaltakten hindert. Denn sonst könnte ein viel größerer Schaden Entstehen: Verschärfte internationale Spannungen, die Beschädigung wirtschaftlicher Kontakte und des wachsenden Vertrauens, das China sich bisher durch seine nachweisbaren Leistungen in der ganzen Welt erworben hat.

Kürzlich setzte sich ein junger Asiate in der Altstadt neben mich und legte ein Buch auf den Tisch, dessen englischer Titel, ins Deutsche übersetzt, so lautete: „Homo Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit.“ Darüber kamen wir recht schnell ins Gespräch, und es war mal wieder wertvoll, die Gedanken eines Menschen aus einem fernen Kontinent mit dem Buchtitel zu vergleichen. Gleichzeitig zog vor dem Fesnter auf der Straße eine lautstarke Demontration mit Sprechchören junger Leute vorbei, die Plakate gegen die Tötung und den Verzehr von Tieren schwenkten. In so pauschaler Form ist das völlig absurd und irreführend. Deshalb erinnerte ich meinen Gesprächspartner, einen Vietnamesen mit norwegischem Reisepass, an ein anderes Thema: Die Berliner Studenten von 1968, die während des Vietnamkriegs in lautstarker Form viele Straßendemonstrationen anführten und dabei immer wieder den Namen des damaligen Generals Ho Chi Minh riefen, der eine vorher unbekannte Form des Dschungelkriegs mit Partisanen erfunden hatte. Alle politischen Demonstrationen damals bewirkten im Ergebnis nicht viel, erregten aber Aufmerksamkeit. Das Kriegsende in Asien war schließlich das Ergebnis komplizierter Friedensgespräche von Unterhändlern beider Gegner, die erfolgreich zum Ende der langen Feindseligkeiten führten und zu einem dauerhaften Frieden, der bis heute anhält und damit auch China nützt, das vor über fünfzig Jahren einen gefährlichen Unruheherd an seiner Grenze verloren hat, ohne sich jemals offiziell einzumischen.

Bei der Meditation kommt man immer auf das Wesentliche eines Themas, und nur so kann man auch auch realistische Lösungen für handfeste Krisen und Spannungen finden, ohne sich in endlosen Nebensachen zu verzetteln.

Diese Methode wird in vielen Veröffentlichungen beschrieben, aber man kann sie nur anwenden, wenn man die theoretischen Regeln nicht nur kennt, sondern sie auch verinnerlicht hat. Wenn das eigene Denken davon durchdrungen ist, wird es entspannter und überwindet die unvermeidlichen Spannungen im Alltag, indem man sie einfach nicht beachtet. Das ist keineswegs immer möglich, aber ein gutes, oft erreichbares Ziel. Entspannung ist auch die Voraussetzung für die Reduzierung aller inneren Konflikte und die Annäherung an eine Form von Lebensglück, das Viele nur nebelhaft am fernen Horizont erkennen. Aber es öffnet die Tore weit für die Bereicherung und Vertiefung des Wissens auf sämtlichen zugänglichen Gebieten der wissenschaftlichenn Forschung. Ein Riesengemälde mit weiten Panoramen. Eine paradiesische Idylle wie das Arkadien, eine griechische Landschaft, die in der Antike verklärt wurde als Ort des „Goldenen Zeitalters“. Eine solche Idylle zeigt auch das Gemälde von Nicolas Poussin (1594 – 1665), wo vier Hirten vor einem großen Sarg stehen, der die Aufschrift trägt, „Auch ich in Arkadien“. Aber der Tod ist nicht zwangsläufig das Ende. Für die Buddhisten gibt es eine mehrfache Wiedergeburt. An ihrem Ende steht das Nirwana, die Auflösung und Verschmelzung mit dem Weltall. Richard Wagner formulierte das in den letzten Worten seines „Tristan“ so, im „Liebestod“: „In dem tönenden Schall, in des Welt-Atems wehendem All – Ertrinken, Versinken. Unbewusst – höchste Lust.“

Die klassische Form einer Buddha-Statue zeigt einen meditierenden Menschen mit geschlossenen Augen. Seine Kopfbedeckung umhüllt das Zentrum des Denkens. Die Spitze zeigt nach oben, zum Kosmos. Die Finger der rechten Hand zeigen nach unten und sollen die Kräfte des Abgrunds, der Unterwelt, abwehren. Die rechte Hand ist wie ein Kelch geformt, der alles Wissen enthält, aber auch die höchste Stufe, die Erleuchtung, deren Glanz das entspannte Gesicht Buddhas spiegelt.

All das ist musikalisch und sprachlich in Richard Wagners letztem Werk „Parsifal“ enthalten. Der mittlere Teil handelt von den materiellen, fleischlichen Gelüsten des Menschen und seines Körpers. So wie bei dem zu Beginn beschriebenen Adler wird dieser mittlere Teil im „Parsifal“ getragen und fortbewegt durch den übergeordneten ersten und dritten Akt, die wie zwei mächtige Riesenflügel die Luft durchstreifen und durchdrungen sind von den universalen Kräften und der lebendigen Energie der Meditation.

Hier kann man eine vollständige Gesamtaufnahme des Werks von 1951 hören. Schon im gewaltigen Vorspiel versteht man rasch, was hier gemeint ist:

https://www.youtube.com/watch?v=EWXNUADhMzo