Cavalleria Rusticana – Die tiefste Stelle der Ozeane

15.11.2019. In Italien wurde die Oper erfunden. Richard Wagner mochte die Werke des Landes nur in Grenzen, aber er reiste jeden Winter, bis Neapel, wo er Klingsors Zaubergarten fand und zum Palazzo Vendramin in Vendig, wo er starb. Seinen Kollegen Giuseppe Verdi wollte er niemals treffen, aber über die Begegnung mit Giacchino Rossini ( „Barbier von Sevilla“ ) hat er einen lustigen, wohlwollenden Bericht geschrieben. Und Vincenzo Bellini, der damals schon früh gestorben war, bewunderte er außerordentlich. Das deutsche Frühwerk „Lohengrin“ ist so voller Melodien, dass man denkt, in einer Bellini-Oper zu sein, und es ist auch im Süden sehr beliebt.

Noch stärker ist dieser Eindruck in Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ (Bauernehre). Die schwelgende, leidenschaftliche Musik hat einen leicht zugänglichen Volkston. Sie könnte auch durch Neapels Lieder angeregt worden sein.

Eine völlig überzeugende Inszenierung fehlt bisher. Eigentlich wäre das ganz einfach. Das nur achtzig Minuten dauernde Werk zeigt einen einzigen, überschaubaren Ort: Den Kirchplatz in einem sizilanischen Dorf bei Catania. Es ist Ostersonntag. Vor dem Besuch der Kirche beginnen die sch steigernden Eifersüchteleien und Streitereien. Als Alle nach der Ostermesse wieder ins Freie kommen, endet das Eifersuchtsdrama mit einer tödlichen Messerstecherei, die aber nicht gezeigt wird. Die Bäuerinnen schauen nur entsetzt hinter die Kirche, und ein kleiner Junge ruft: „Turiddu ist tot!“. Dann folgt noch ein lauter Schlag des gesamten Orchesters, und der Vorhang schließt sich.

Was fehlt in den vielen Versuchen, dazu die eindrucksvollsten Bilder zu zeigen? Manchmal sieht man nur einen ärmlichen Platz mit Bodenrissn und verwitterten, bröckeligen Häusern, fast Schwarzweiß, wie auch die Kostüme und Gesichter. Das Stück ist sowieso ganz traurig, also muss Alles auch trostlos aussehen. Das ist falsch.

Die Ehre der Bauern – damit sind natürlich nicht elegante, ehrenwerte Kavaliere gemeint, die auf geschmückten Pferden in die Schlacht reiten. Für sie fand Wilhelm Hauff die Formel: „Heute noch auf hohen Rossen. Morgen durch die Brust geschossen.“ Die Ehre auf dem Lande bedeutet bei Mascagni den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft, die gemeinsame harte Arbeit auf den Orangenfeldern und danach den Wein in einem Wirtshaus. Wer da nicht mitmacht, wird als Außenseiter behandelt. Und das Schlimmste: Ein paar Dinge gehen gar nicht. In diesem Drama ist der attraktive Hahn im Korb der junge Bauer Turiddu. Er hat seine Verlobte Santuzza bereits „entehrt“, also mit ihr geschlafen und vorher sogar versprochen, sie zu heiraten. Eine Selbstverständlichkeit in den Dörfern. Aber Turiddu sucht überall seine Beute. In der nahen Kleinstadt Francofonte, und nicht weit von seiner eigenen Hütte hat er mit Lola, der Ehefrau des Pferdekutschers Alfio, ein paar Nächte verbracht. Santuzza verrät ihn dann aus Rache, und das Drama läuft unaufhaltsam auf das vorhersehbare Ende zu.

Mascagnis Musik ist jedoch überhaupt nicht melancholisch. Er entfesselt gewaltige südliche Leidenschaften und malt mit kraftvoller Hand die wilden Naturschönheiten Siziliens. Schon im ganz leise, langsam beginnenden Vorspiel spielt auf einmal das ganze Orchester mit festlicher Lautstärke. Hinter der Bühne singt, zuächst noch unsichtbar, Turiddu ein feuriges Liebeslied im sizilianischen Dialekt, dessen Text von Giuseppe Garibaldi stammt, dem 1860 die politische Vereinigung von Nord- und Süditalien gelang, dessen Kraft aber nicht ausreichte, auch den ökonomichen Abgrund zu überbrücken, der bis heute die Regionen südlich von Neapel in bitterer Armut mit ihren Problemen allein lässt.

Eine Verfilmung dieses Stoffes muss kräftige Farben zeigen, aber nicht wie eine verlogene Kitschpostkarte. Beim Vorspiel kann eine einzige Luftaufnahme die Region zeigen, wenn die Kamera, wie bei Hitchcocks „Frenzy“, in einem Helikopter langsam über die Gegend streift und sich dann langsam, ohne Schnitte, ganz dem Kirchplatz eines Dorfs nähert, das zunächst verlassen wirkt, sich aber langsam mit Osterspaziergängern füllt, die zur Feier des Tages nicht schwarz gekleidet sind wie sonst, sondern Blumen aus der gezeigten Jahreszeit, Weinflaschen und andere Alltagsgegenstände mitbringen.

Kurz bevor alle in der Kirche verschwinden, gibt es noch einen heftigen Streit zwischen dem unverbesserlichen Frauenheld (Papagallo) namens Turiddu und seiner verlassenen Santuzza. Er ruft: „Sei still, mit deiner sinnlosen Eifersucht!“ Sie antwortet: „Auf dich – die bösen Ostern !“ Er wiil seine Ruhe, und sie will ihm den Feiertag verderben. Dabei hat sie ja wohl vorher gewusst, dass er nicht nur in einem einzigen Bett schlafen will. Vermutlich hat sie in lange vorher, in schlaflosen Nächten, darüber nachgedacht, wie sie ihn fertigmachen kann. Wenn schon nicht im Leben, dann soll er im Tod sich nie mehr sich nach anderen Frauen umschauen. Darum weint sie zwar am Schluss mit den anderen Dorfbewohnerinnen, aber sie hat triumphiert.

Das ist „die tiefste Stelle der Ozeane“, wie es hier, oben im Titel des Artikels heißt. Der Ozean ist nicht nur ein Element, das alle Kontinente umschlingt, sondern auch ein Vergleich für die menschliche Psyche. Dort gibt es einen bewussten Bereich und einen riesigen Speicher für Erinnerungen und Enttäuschungen, die manchmal zu schweren Störungen führen. Blickt man auf die Oberfläche eines Ozeans, sieht man nur die kräuselnden Wellen ganz oben. Mit Unterwasserkameras kann man auch auf den Meeresboden schauen. Aber der Blick in die Tiefe des menschlichen Unterbewusstseins, das für die Augen völlig unsichtbar ist gelingt nur mit den Methoden von Sigmund Freud. In seinen frühen Arbeiten hat er vor allem sich mit hysterischen Menschen beschäftigt, die ständig unter Hochdruck standen und deshalb zu einer Belasung für sich selbst und Andere wurden. Als Ursache fand er in vielen Fällen eine gestörte Sexualität, die sich in wilden Phantasien austobte und auch zu den heutigen Straftaten des Stalking sich steigert, wo eine aussichtlos geliebte Person ständig überwacht und verfolgt wird. Über jedes Smartphone kann man mit dem entsprechenden Coputerprogramm den Standort einer Person feststellen, wenn die Rufnummer gewählt wird. Daraus ergeben sich Belästigungen, die immer häufiger mit empfindlichen Strafen der Gerichte gedämpft werden sollen, auch mit hohen Entschädigungszahlungen. Wenn selbst das nicht mehr hilft, stehen im Gesetz noch andere Möglichkeiten

Die strengen Moralvorstellungen von Sitte und Anstand waren zu Mascagnis Zeit noch überall der Alltag. Geändert hat sich das in den letzten sechzig Jahren, durch einen allgemeinen Wandel der Moralvorstellungen, die immer lockerer wurden. Als Jugendlicher habe ich die ersten Gastarbeiter in einer norddeutschen Kleinstadt erlebt. Meist waren es junge Männer, die körperlich schwer arbeiten mussten und aus Sparsamkeit ihre Familie zunnächst in der Heimat zurückließen. Andere körperliche Bedürfnisse wurden dann, fern von den alles kontrollierenden Augen der Dorfgemeinschaften, mit einer Freiheit ausgelebt, die ein reiches, vorher unbekanntes Forschungsgebiet für die Vielseitigkeit des menschlichen Innnelebens öffneten. Aber dabei nur selten in Trauer oder Tragik abliefen. Im Gegenteil.

Von den Verfilmungen des Meisterwerks „Cavalleria“ wird hier nur die Inszenierung von Franco Zeffirelli erwähnt und die Herbert von Karajans. Sie sind einerseits hervorragend gelungen, zeigen aber vor allem bunte Postkartenbilder, die an der Oberfläche bleiben.

Filmausschnitte werden hier absichtlich nicht angezeigt. Aber 1966 entstand die beste Studio-Aufnahme dieser Musik, in der Alles enthalten ist, was im Werk zu finden ist. Carlo Bergonzi, Fiorenza Cossotto und viele Andere geben unter der bewegenden Leitung Herbert von Karajans ihr Bestes. Hier kann man das vollständig hören ( 1.21 Std. ) :

https://www.youtube.com/watch?v=eui_Q4-RCEg