Christus kam nur bis Eboli

2.11.2019. Carlo Levi schrieb während seiner Verbannung durch die Mussolini-Regierung den Roman „Christus kam nur bis Eboli“. Das liegt zwar in Afrika, aber Levi meinte, dass noch tiefer im Süden selbst Christus keinen Fuß mehr hingesetzt hätte. Die Verfilmung durch Francesco Rosi kam 1980 in die Kino, und bei meinem ersten München-Besuch damals habe ich sie gesehen. Sie spielt in Matera. Das liegt in Italiens ärmster Region, der Basilicata. Und Levi beschreibt eine Welt wie vor zweitausend Jahren, die aber zu seiner Zeit immer noch Realität war. Die Menschen lebten wie zur Steinzeit in einfachen Berghöhlen. Nachdem sich der Inhalt des Buchs herumgesprochen hatte, schämte sich die damalige italienische Regierung in Rom so sehr, dass die Bewohner in neue Gebäude umziehen konnten. Manche wussten nicht einmal, was eine Badewanne bedeutete und pflanzten dort sofort Blumen an. Die gröbsten Misstände sind also beseitigt, aber nicht Alle.

Hier sieht man den ersten Teil des Films :

https://www.youtube.com/watch?v=lj3A-mqh3qw

Die Basilicata ist ein krasses Beispiel für die gewaltige Lücke, die zwischen dem industrialisierten Norden des Landes und den landwirtschaftlichen, von der Hitze ausgedörrten und immer noch bitterarmen Gegenden im Süden unverändert, unbarmherzig klafft. Die politische Vereinigung beider Landesteile durch Giuseppe Garibaldi im Jahr 1860 ist also einhundertsechzig Jahre später immer noch nicht ökonomisch geschehen, nicht einmal ansatzweise. Aber die Beachtung der ökonomischen Regeln ist nach Ludwig Erhards zeitlos gültigen Ideen die einzige Voraussetzung für ein strahlendes Wirtschaftswunder, wie es das total kriegszerstörte Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konsequent realisierte und deshalb vergleichsweise schnell zum reichsten Land in ganz Europa wurde. Warum ist das in Italien nicht geschehen und wie kann man einen deratigen Erfolg mit Vollgas wiederholen?

Indem man seine Regeln in der Praxis anwendet. Sie sind öffentlich zugänglich. In Deutschland erledigten das nach bitteren Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs ganz neue Politiker, deren oberstes Ziel die Wiedergeburt des Landes war.

In Italien herrschen immer noch ganz andere Strukturen. Die römische Zentralregierung kümmert sich nicht um die schlimmsten Probleme des Landes. Im kürzlich erwähnten Kinofilm „Il Divo – der Gott“ zeigen unbekannte Schauspieler in knallharter dolumentarischer Realistik, dass der damalige Minist6erpräsident Giulio Andreotti immer wieder beschuldigt oder sogar vor Gericht angeklagt wurde, zu enge Beziehungen mit namentlich bekannten Personen zu pflegen, die einen außerordentlich schlechten Ruf hatten. Natürlich wird ein Spitzenpolitiker mit vielen Leuten fotografiert, über die er gar nichts weiß. Aber in den öffentlichen Prozessen wurde er mit ganz konkreten Namen konfrontiert. Er sagt dann immer nur, „Ich kenne diese Leute nicht.“ Das reichte aus, und schon war der Prozess zu Ende. Grundsätzlich muss man Leute gar nicht kennen, die etwas angestellt haben. Aber man erfährt über sie das Wichtigste aus den Zeitungen und aus dem Kreis der eigenen Berater. Also kann, im konkreten Zusammenhang, eine solche Aussage gar nicht stimmen.

Wenn diese Denkweise sich jedoch ändert, kann auch Italien ein eigenes Wirtschaftswunder erleben. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber mit eisernem Willen haben es die Deutschen von 1945 bis 1951 geschafft. Nicht weil sie fleißiger waren als Andere, sondern weil sie die richtigen Regeln dazu selbst durchsetzten. Man muss nur ein paar Schriften von Ludwig Erhard gründlich lesen. Sie gelten immer noch.

Ein krassses Beispiel für die aktuellen Ursachen der fortdauernden Ungerechtigkeiten ist die folgende Webseite. Ein einfacher Bürger hat in aufwändiger Kleinarbeit seinen Fall dokumentiert. Schon 2005, also vor vierzehn Jahren, konnte man zum ersten Mal ausführlich nachvollziehen, dass die zuständigen Behörden mit Passivität und Nichtstun den Fortbestand der Katastrophe bis heute zuließen.

Hier findet man alle Details:

http://www.uricchio.de/

Musikalisch ist die Kraft Süditaliens am stärksten spürbar in Mascagnis Oper „Cavalleria Rusticana“ (Bauernehre) und in den Liedern aus Neapel. Die Canzoni Napoletani enstanden überwiegend vor 100 Jahren, durch Komponisten aus der Region. Sie sind nicht hoch kompliziert wie eine Verdi-Oper, aber die eindringlichen Texte und die leidenschaftlichen Klänge sind weltberühmt.

„Torna Surriento“ (Die Rückkehr nach Sorrent) singt hier der unvergessene Carlo Bergonzi:

https://www.youtube.com/watch?v=Ug_6mu0NcXE