Daniele Gatti, Sternenhimmel

3.1.2020. Zu Silvester übertrug das Fernsehen aus Leipzig die Neunte Sinfonie von Beethoven. Das ist kein unbekanntes Stück, aber der Dirigent Daniele Gatti machte etwas Besonderes daraus und vertiefte die Klänge mit einer eigenen Energie. Der erste Satz mit den leeren Quinten, ohne jede Melodie, hörte sich wirklich an wie die Welt vor ihrer Erschaffung. Ein körperloser Beginn, der dann von einem Scherzo abgelöst wurde, das gar nicht lustig klang, sondern Schärfe und Konturen in die Musik brachte. Der dritte Satz zeigte auf einmal die großen Emotionen. Eine Melodie voller Liebe und Wärme wurde immer wieder variiert und neu gestaltet. Zum Schluss folgte der berühmte Chor nach Schillers Text: „Freude, schöner Götterfunken.“

Daniele Gatti hat ein instinktives Gespür für solche Klänge. Im Jahr 2008 habe ich ihn als Parsifal-Dirigent in Bayreuth erlebt. Ein unvergessliches Erlebnis, auch nach über zehn Jahren. Besonders liegt ihm die Mystik, das Geheimnisvolle, das sich auch mit den raffiniertesten Entschlüsselungsmethoden nicht lösen lässt. Es ist eine Ur-Erinnerung, die sich auch in vielen Bildern und Zeichen aus längst vergangenen Zeiten erhalten hat. Man kann sie nicht einmal in der genauen Notenschrift einer Partitur finden, sondern alle schriftlichen Hinweise bleiben wirkungslos, wenn der Vermittler sie nicht spürt und wiedergeben kann.

Ein ähnliches Erlebnis gab es kürzlich beim Anblick eines schwarzen Hemdes, das ein goldenes Sonnenzeichen zeigte, in einer Form, wie sie im Mittelalter verbreitet war. Darunter sah man einen silbern blitzenden Sternenhimmel mit mehreren Monden. Das erinnert an das Finale von Beethovens Neunter Sinfonie, wenn der große Chor singt, „Brüder, über’m Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ Gemeint ist die Energie, die Dimension, die das ganze Universum erschaffen hat und die auf allen Kontinenten einen unterschiedlichen Namen hat.

Mittlerweile wurde das Hemd ausgewechselt. Es zeigt zwei vertikale Reihen mit einem Zeichen, das schon im Mitellalter weit verbreitet war und drei Bedeutungen hat. Einmal ist es die Wurzel einer Pflanze, die sich noch nicht entwickelt hat. Dann ein Symbol für die biologische Fortpflanzung. Außerdem ist es das Abbild eines Destillierkolbens aus feuerfestem Glas, in dem Flüssigkeiten erhitzt wurden. Die leichteren Bestandteile entwichen durch eine schlauchähnliche Öffnung gasförmig ins Freie, und übrig bleibt die Substanz, das Wichtigste des Stoffes. Im Unterschied zur späteren Chemie, die nachprüfbare Forschungen entwickelte, suchten die damaligen Alchemisten nach dem Geheimnis, dem Mysterium, das sich auch mit raffiniertesten Messmethoden nicht auflösen lässt. So versuchte man, echtes Gold im Labor zu entwickeln. Ebenso erfolglos blieb die Suche nach dem Stein der Weisen, der alles Wissen enthält. Das Ganze gehört zum Bereich der Magie, die als Zauberkunst heute nur noch teilweise verstanden und erkannt wird. Es handelt sich dabei um eine Ur-Erinnerung an frühe, längst vergangene Zeiten, deren Wissen man nicht erlernen kann, aber spüren und deren Energtie man umsetzen kann.

Ein Bespiel dafür ist die Tabula Smaragdina (Tafel aus Smaragd), die angeblich aus der Zeit der Antike am Mittelmeer stammt, die aber wohl auch im Mittelalter entstand. Zitat: „Sein Vater ist die Sonne und seine Mutter der Mond. Die Luft trägt es in sich vor seiner Geburt. Seine Amme ist die Erde. Es ist der Ursprung aller Vollkommenheit der Dinge, die in der Welt sind.“

Alle Symbole sind Bildsignale, deren Wirkung instinktiv erfasst wird, aber deren Deutung nicht ohne Vorkenntnisse möglich ist. Dazu gibt es eine riesige Literatur, deren Entdeckung und Verständnis nicht nebenbei möglich ist, sondern auch verarbeitet werden muss. Es sind Schlüssel zu noch nicht gelösten Rätseln aus allen Wissensbereichen.

Nicht nur in der Musik. Doch hier kann man die anfangs erwähnte, eindringliche und stark wirkende Silvester-Aufführung von Beethovens Neunter Sinfonie erleben:

https://www.youtube.com/watch?v=kZeHVXzkg0c