Das geklaute Fahrrad

17.7.2019. Kürzlich, an den Außentischen eines beliebten Cafés, nahm ein Herr im grauen Anzug neben mir Platz, der auch im Schatten seine Sonnenbrille nicht absetzte. Wir kamen ins Gespräch darüber, dass eine pechschwarze Sonnenbrille die Augen verbirgt. Man kann also nicht erkennen, ob man gerade angeschaut wird und sieht auch nicht die Augenmuskulatur, die Auskunft gibt über das Innenleben. Zum Beispiel ein falsches Lächeln oder Tränen der Traurigkeit. Daraufhin nahm er sofort seine Gesichtsmaske ab. Ein wachsamer Blick zeigte sich, der aber den direkten Kontakt vermied. Außerdem hatte die Brille ganz genau die gleiche Form, die in den Fünfziger Jahren das Markenzeichen eines sehr bekannten Behördenchefs war.

Kurz vorher hatte der junge Kellner erzählt, dass man ihm sein Fahrrad geklaut hatte, obwohl er es abgeschlossen im Inneren des Hauses abgestellt hatte. „Der Hausmeister wusste gar nichts darüber, aber am nächsten Tag schenkte er mir ein anderes Fahrrad, das er schon zwei Monate – herrenlos – aufbewahrte.“ Irgendetwas stimmte an dieser Geschichte nicht. Nach ein paar Minuten kam ich darauf und sagte zu ihm, „Es gibt keinen Hausmeister, der Fahrräder an Mieter verschenkt. Er hat es wohl selbst geklaut, danach kalte Füße bekommen und dir das nächste Fahrrad geschenkt, das er auch geklaut hatte.“

Das Opfer gab mir sofort Recht, und auch der Tischnachbar nickte zustimmend.

Dahinter steckt eine Regel: Wer lügt, kann noch so raffiniert sein. Aber er darf keine logischen Fehler machen. Dafür ein Beispiel: Ein Kirchenfenster besteht aus zahllosen kleinen Mosaiksteinen, die aber alle zueinander passen müssen, sonst verliert das ganze Bild vollständig seine Wirkung. Vor Allem, wenn der im Osten gelegene Altar von der Morgensonne angestrahlt wird, und die gläsernen Steine auch die kleinste Unregelmäßigkeit erkennen lassen.

Das gilt in allen Situationen. Sogenannte Intelligenzverbrecher bleiben manchmal lange unentdeckt, wenn sie besonders schlau sind. Aber Intelligenz umfasst nicht nur einzelne Aspekte, sondern das Gesamtprojekt, vor Allem die nur scheinbar unwichtigen Nebensachen.

Wissenschaftliche Spurenauswertung ( Forensik ) beschränkt sich manchmal auf die Biologie ( Blutpuren, Speichelablagerungen) oder die Situation am Tatort. Doch aus der gesprochenen oder geschriebenen Sprache kann man viel Mehr erkennen, Rückschlüsse ziehen und klare Ergebnisse finden.

Die sogenannten Intelligenzverbrecher scheitern oft an ihrem begrenzten Horizont. „Ex und Hopp“ hieß vor vielen Jahren eine Werbekampagne für Getränkeflaschen, die man ohne Pfandzahlung kaufen und einfach wegschmeisßen konnte. Das wird schon lange bekämpft, auch durch Gesetze.

Ein aktuelles Zauberwort heißt „CUM – Ex“. Das ist schwer zu durchschauen, aber streng verboten. Die Presse berichtet zur Zeit über bervorstehende Strafverfahren wegen solcher Täuschungsmanöver. Da geht es um schwere Steuerhinterziehung. „Cum“ ( = Vorher) und „Ex“ ( = Nachhher) meint betrügerische Aktiengeschäfte. „Vor und nach “ dem Zahltag einer Erstattung von Steuern durch das Finanzamt, manchmal doppelt eingesteckt oder sogar mehrfach. Beim Landgericht Bonn beginnt ein solcher Prozess am 5. September. Als Täter beschuldigt werden eine deutsche Privatbank. Eine US-Bank. Drei Fondsgesellschaften. Gegen die Intensivtäter, darunter auch Rechtsanwälte, liegen umfangreiche Zeugenaussagen vor. Vom sonstigen Beweismaterial ganz zu schweigen. Allein zwei Verursacher sollen systematisch, also mit voller Absicht mehrere Staatskassen gepkündert haben, mit einem Gesamtschaden von 447,5 Millionen Euro,

Von den öffentlich stattfindenden Gerichtsverfahren verspricht man sich auch eine abschreckende Signalwirkung für Nachahmer und Trittbrettfahrer. Außerdem wurde Anfang Juni bekannt, dass eine sehr bekannte deutsche Großbank mit einer betrügerischen Karibik-Firmengruppe zusammengearbeitet haben soll. Die Namen der verantwortlichen Vorstandsmitglieder sind bekannt. Sie sollen Milliardenschäden verursacht haben. Das berichtet zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung, auch online.

100 Milliarden Schaden jährlich kommen allein in Deutschland von der sogenannten Scheinwirtschaft, die Geldwäsche betreibt. Schmutziges Geld aus Verbrechen wird in saubere Projekte investiert, zum Beispiel angesehene Konzerne, deren Aktien Jeder frei erwerben darf. Danach ist das Geld sauber. Diskrete Barzahlungen sind auch erlaubt für Schmuck und Autos. Abhilfe schaffen soll das Geldwäschegesetz.

Aber es geht noch einfacher. Wenn in Italien ein Verdächtiger die Herkunft seines Vermögens nicht nachweisen kann, wird Alles vom Staat beschlagnahmt. Grundstücke verteilt man an arme Leute, die dort in Agrargenossenschaften zum Beispiel Landwirtschaft betreiben können.

Und damit sind wir wieder beim geklauten Fahrrad. Ohne bei der Tat dabei gewesen zu sein und die Beteiligten zu kennen, kann man trotzdem die Wahrheit herausfinden, wenn man auf logische Fehler achtet.

Das entspannt. Und ddiese Wirkung verstärkt ein zeitloses Werk wie „Air“ von Johann Sebastian Bach. Hier kann man es hören:

https://www.youtube.com/watch?v=rrVDATvUitA