Das Mondlicht hinter der Pagode

5.8.2019. Verwendet man die japanische Grußformel Sayonara bei einem Chinesen, erntet man einen kühlen Blick, ein schmales Lächeln. Denn die alten Großmächte sind nicht eng befreundet.

Trotz seiner Bedeutung wurde das chinesische Kaiserreich von den Europäern erst spät erforscht. Marco Polo (1254 – 1324) beschrieb in seinem „Buch der Wunder“ die Reise von Venedig zum Herrscher Kublai Khan. Nach der Veröffentlichung glaubten viele Leser nicht, was er tatsächlich gesehen hatte.

Im 19. Jahrhundert wurde China von englischen und deutschen Kolonialmächten besetzt und ausgebeutet. Mao Ze Dong beendete dieses Treiben und gründete nach einem „Langen Marsch“ im Jahr 1949 die heutige Volksrepublik China.

Längst trifft man in den europäischen Kulturgroßstädten mehr chinesische Besucher als Japaner. Sie schauen und lernen. Für ihre Rückkehr. Ganz ohne große Werbetrommel, vergleichsweise diskret, wird China immer mächtiger. Ganze Fabriken werden in Europa gekauft, zerlegt und originalgetreu in China wieder zusammengesetzt. Mit der übernommenen Technologie werden eigene Entwicklungen erforscht und realisiert. Auch Lizenzverträge sind einmalige Investitionen in fremde Ideen, vergleichsweise preisgünstig und realistisch fortzuentwickeln.

Immer öfter begegnet man in wichtigen Kulturzentren vermeintlich typischen Chinesen, bis sie sich als Vietnamesen zu erkennen geben. Im Vietamkrieg ( 1955 – 1975 ) wurde die Weltmacht USA vollständig besiegt. Einmal wegen der neuartigen Guerillataktik, die flexibel auf die komplizierte Natur im Dschungel reagierte. Zum Anderen wird China, das damals mit großen eigenen Schwierigkeiten kämpfte, ganz diskret auch Geld, Material und eine militärtaktische Ausbildung an die Nachbarn geliefert haben, ohne jemals dabei offiziell in Erscheinung zu treten und sich kräfteverschwendend in die jahrelangen Kämpfe direkt einzumischen.

Die Chinesen würden niemals herablassende, wichtigtuerische Ratschläge akzeptieren. Davon hatten sie zu viele und auch viel zu lange. Aber wenn man sie mit dem eigentlich selbstverständlichen Respekt behandelt, öffnen sie sich.

Im Panorama der laufenden Veränderungen hat die Kultur aber noch nicht den hohen Stellenwert, den sie verdient. Bekannt ist die Terrakotta-Armee des ersten chinesische Kaisers Quin Shihuangdi ( 259 – 210 v. Chr. ), über die bei ihrer Entdeckung weltweit gestaunt wurde. Die lebensechten Figuren bewachen sein Grab, dessen Lage genau bekannt ist, das die Forscher aber bisher nicht zu öffnen wagten. Allein eindringender Sauerstoff könnte chemische Schäden auslösen, die bisher nicht voraussehbar sind.

Andere weltbekannte Zeugnisse der fernöstlichen Kultur sind die von einheimischen Dichtern, Philosophen und Malern überlieferten Motive: Pagoden. Kraniche am See. Bambushaine. Reisterrassen. Seidenfächer. Mandelaugen. Dschunken in der Abenddämmerung.

In der Großen Kulturrevolution ( 1966 – 1967 ) wollte man das Alte, die Vergangenheit und ihre dunklen Erinnerungen zerstören. Vieles ging für immer verloren.

Aber man kann historische Orte rekonstruieren, sorgfältig nachbauen mit den Materialien der damaligen Zeit. Nicht als verkitschtes Disneyland aus Plastik für den Massentourismus, sondern die überlieferten Originale lassen sich gründlich studieren und als magische Symbole wieder zum Leben erwecken. In Großstädten wie Peking oder Shanghai sind Areale denkbar, die leicht erreichbar sind und für Jeden zugänglich. Die Nachteile von ländlichen Regionen könnte man aufwerten durch überschaubare, in sich geschlossene Städte im naturgetreuen Stil der alten Kaiserreiche. Als Besuchermagnet für ausländische Gäste, mit Hotels und Wirtshäusern wie vor tausend Jahren. Die Menschen in historischen Gewändern, nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch alle anderen Bewohner eines solchen Bezirks. Dann sieht man auch wieder das kräftige „Mondlicht hinter der Pagode“, kann träumen, nachdenken und neue Energie für die Realität finden.

China baut auch an einer großen Behörde für die Sicherheit des Staates, mit neuester Technologie. Doch da sind längst Grenzen erreicht. Alles, was übertrieben wird, fällt auf und bleibt nicht mehr geheim.

Viel mehr Sicherheit entsteht durch Vertrauen. Im privaten Bereich und in den größten Firmen. Ist das Betriebsklima durch herrschsüchtige Figuren vergiftet, bringt das auch die Fundamente jeder Gemeinsamkeit zum Wanken und lähmt jeden Fortschritt.

Zur Zeit berrscht die deutschen Schlagzeilen ein großes Geschrei über die lückenhafte Datensicherheit im Internet und kriminelle Hasskommentare anonymer Feiglinge.

Dabei gibt es längst klare Gesetze, die das Alles regeln. Bereits am 14.2.2011 habe ich in in einem anderen Blog dazu einen ausführlichen juristischen Kommentar geschrieben: „Das Narrenschiff“. Hier ist der vollständige Text:

https://btpersp.wordpress.com/2011/02/14/das-narrenschiff-2/

Eine Wirkung hatte der Artikel nicht. Lieber will das Parlament überflüssige neue Gesetze beschließen – statt die längst vorhandenen anzuwenden.

Mehr als zehn Jahre vorher, im November 2000, habe ich sogar ein Gedicht im chinesischen Tonfall geschrieben, nachdem ich in einer Musikdiskussion von einem Pseudonym mit chinesischer Tarnung massiv bedroht wurde. Hier ist der Wortlaut des Gedichts:

Der Wald aus Silberstämmen

Konfuzius ist böse, denn sein Name ist missbraucht. Und er wendet sich zu Jenen, die er rasch erkannte und durchschaut hat. Wenn sie nicht in diesem Forum ihr Verbrechen laut bereuen, gibt es niemals ein Verzeihen. Und sie könnten dann zu Gast sein in dem Wald aus Silberstämmen. Denn auf sie wartet das Gefängnis. Auch im Reich des Internets.

Sehr rasch kann in solchen Fällen ein deutlicher Musterprozess mit Geld- oder Gefängnisstrafen eine abschreckende Wirkung für alle Nachahmer haben, außerdem ihr rasch sich vermehrender Bekanntheitsgrad in der öffentlichen Berichterstattung.

Puccinis Oper „Turandot“ spielt im Alten China. Das bekannteste Lied daraus heißt „Nessun Dorma“. „Keiner schlafe“, ruft Prinz Khalaf in das nächtliche Peking, am Tag vor der Lösung von drei Rätselfragen. Das darf man nicht sanft und freundlich singen, sondern nur mutig, ohne Angst. Mit einem solchen Ausdruck hört man hier Mario del Monaco:

https://www.youtube.com/watch?v=CrJC7l5Pn-k