Das Pfingstwunder und seine aktuellen Wirkungen

6.6.2019. In drei Tagen ist Pfingstsonntag. Seit vielen Jahren von den Berufstätigen als Start für spontane Ausflüge genutzt. Die Anfänge sind längst in den Hintergrund getreten oder in Vergessenheit geraten: Nach dem Tod des hingerichteten Christus am Karfreitag kam es am Ostersonntag zu seiner Wiederauferstehung. 49 Tage später, zu Pfingesten, zeigte er sich seinen Anhängern zum letzten Mal, und dann geschah das Pfingstwunder.

Im Neuen Testament heißt es: “ Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, als ob ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie aus Feuer, die sich verteilten. Auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden.  Da trat Petrus auf, zusammen mit den elf Jüngern. Er erhob seine Stimme und begann zu reden: Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen. In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgießen in jenen Tagen, und sie werden Propheten sein.“

Nur eine von vielen Wundergeschichten der damaligen Zeit ? Wichtig ist die Auslegung. Die Erklärung für unser heutiges Denken.

Dass auf allen Kontinenten unterschiedliche Sprachen verwendet werden, hat sich seit den ersten Tagen der Evolution langsam so entwickelt. Die Umgebung beeinflusste nicht nur die Hautfarbe und die Traditionen.

Heute ist das viel einfacher. Elektronische Übersetzungsprogramme erledigen ihre Arbeit in Sekundenschnelle. Simultanübersetzer können Reden ausländischer Politiker jederzeit sofort für ihr eigenes Publikum verständlich machen.

Ud doch bleibt es ein ganz eigenes Vergnügen, mit ausländischen Freunden in ihrer Heimatsprache Gedanken auszutauschen. Dazu muss man keine Kurse besuchen. Im Internet gibt es dafür viele Programme, die man mit Kopfhörer und Mikrofon sich schnell aneignen kann.

Seit meiner Jugendzeit in einer abgelegenen westfälischen Kleinstadt liebe ich nicht nur die italienischen Opern, habe beim Zuhören auch die Texte gelesen und immer besser verstanden, so dass ich jederzeit mit einem Liebesgedicht von Giuseppe Garibaldi im sizilianischen Dialekt überraschen kann.

Das Pfingstwunder ist viel mehr als nur das Verständnis fremder Sprachen. Im bereits zitierten Neuen Testament sagt Petrus: „In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein. Auch meine Knechte und Mägde werden Propheten sein.“

Der Geist – damit ist hier die höchste und letzte Stufe der Erkenntnis gemeint: Die Erleuchtung. Sie ist keine Summe von realen Informationen, sondern eine Energie, die alle inneren Kräfte durchdringt und bis an die Grenzen erweitert: Die Unio Mystica. Die mystische Vereinigung mit den Zeichen Gottes, die ein Mensch erkennen kann.

Das hat sehr wohl eine praktische Bedeutung. Und dazu gleich ein Beispiel.

Das Mathäser-Kinozentrum liegt zwar am Stachus, ist aber auch nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Ich gehe dort schon lange Jahre nicht mehr in das Filmprogramm, sondern besuche ein im gleichen Gebäude existierendes Bistro „35 mm“. Dort kann man an meterhohen Fensterscheiben die Passanten draußen anschauen. Mittags ist es dort sogar recht still, gut für das Nachdenken und Zeitunglesen. Aus der Nachbarschaft tauchen viele Werktätige des nahen Bahnhofsviertels auf, und man kann echte Zuhälter, Nutten und andere Originale betrachten, die sogar in einem Kinofilm die zähe Langeweile vertreiben könnten. Sie reden auch gern. Belästigt worden bin ich dort noch nie, habe aber tiefe Einblicke in ein Milieu bekommen, zu dem ich sonst überhaupt keinen Kontakt habe. Wenn sie aus ihrem Leben erzählen, hört man keine Frivolitäten, sondern blickt in tiefe Abgründe des Leids und der Hoffnungslosigkeit.

Ganz in der Nähe arbeitet auch der frühere Lokalchef einer Arbeiter-Absturzkneipe, der durch seine angenehme Art die Biertrinker erfreute, aber dann durch interne Intrigen und Hinterhältigkeiten rausgeekelt wurde. Weil ich mich an der Theke für ihn einsetzte, bekam zuerst er ein Lokalverbot. Und ein paar Tage später ich auch.

Jetzt arbeitet er als Koch in der Schillerstraße. Manchmal trinken wir dort draußen einen Kaffee miteinander und kommentieren die immer noch quicklebendig vorbeiflanierende Rotlichtszene. Früher war das eine Gegend, die rund um die Uhr von Zivilpolizisten und Videokameras überwacht wurde. Das ist heute wohl nicht mehr nötig. Denn die Bekanntesten waren es leid, ständig fotografiert zu werden und sind zum Teil emigriert an die Münchner Freiheit, einem Touristenzentrum, wo sie sich anpassen und nicht auffallen.

Wer mit erfahrenen Leuten spricht, die solche Rollen nicht in einem drittklassigen Kinofilm spielen, sondern im wirklichen Leben, ergeben sich erstaunliche Einblicke und Entdeckungen.

Das Pfingstwunder ist eine zweitausend Jahre alte Metapher, ein Sprachbild für das Erkennen völlig anderer Ausdrucksformen. Das kann Jeder täglich selbst erleben. Möglich ist es in allen denkbaren Alltagssituationen.

Der gerade erwähnte Koch ist übrigens nicht nur rund um seinen Arbeitsplatz beliebt und bekannt, wo immer er auch auftaucht. Er findet leicht Kontakte und tanzt mit fünfzig Jahren noch lange nicht auf dem Ball der einsamen Herzen.

Vor ein paar Tagen saßen wir vor einem Innenstadt-Café, und er hatte gleich zwei Begleiter mitgebracht. Mit einem davon habe ich mich sofort verstanden. Nach einer halben Stunde haben wir uns von den Anderen verabschiedet und den Rest des Nachmittags in einem rasch sehr persönlichen Gedankenaustauch verbracht. Hinter einer schönen Fassade war ein Abilld großer Traurigkeit zu erkennen. Und viele Dinge, die man sonst nur in der Zeitung liest, bekamen einen tiefen, erschütternden Hintergrund.

Wenn solche verschlossenen Türen sich plötzlich öffnen, ist das auch eine Variante des Pfingstwunders, der Erkenntnis. Fehler macht man manchmal aus Unwissenheit. Die Welt wäre friedlicher, wenn Alle das so sehen würden. Aber dann wäre es nicht mehr die Realität, sondern eine unerfüllbare Sehnsucht. Eine Illusion, die nur den Blick auf das tatsächliche Leben versperrt.

Richard Wagners „Karfreitagszauber“ beschreibt zwar einen düsteren Tag, aber auch den Augenblick, an dem sich Alles in strahlende Zuversicht verwandelt. Deshalb passt diese starke Musik auch zum Thema. Hier kann man sie hören, verknüpft mit dem Aquarell eines steinigen Felsenwegs, an dessen Ende der Berg des Lichts wartet:

https://www.youtube.com/watch?v=DTVQoUs8aWI