Das Ziel des Kriegs ist nicht der Sieg, sondern der Frieden

26.7.2019. Vor zweitausend Jahren schrieb der chinesische General Sun Tsu ein schmales Buch, dassen Text auf den ersten Blick sehr einfach zu lesen ist. Doch es ist nicht die Wortwahl, sondern die strategische Denkweise, die noch heute einen großen Eindruck hinterlässt. Das Buch wird an amerikanischen Militärakademien zur Ausbildung benutzt. Auch der Parteiführer Mao Ze Dong hat auf seinem „langen Marsch“ an die Macht immer wieder solche Ideen ausgeführt. Es ist das einzige Buch, von dem ich zehn verschiedene deutsche Ausgaben besitze, um ihre Unterschiede zu erkennen und die Möglichkeiten, das chinesische Original noch besser zu begreifen.

Immer wieder sind lange Kommentare dazu geschrieben worden, deren Inhalt oft langweilig war. In diesem Artikel greife ich einen einzigen, nur scheinbar harmlosen Satz heraus, um diese außerordentlichen Gedanken zu erklären: „Das Ziel des Kriegs ist nicht der Sieg, sondern der Frieden.“

Das war seinerzeit überhaupt nicht üblich. Kriege wurden von den Herrschern geführt, um ihre Macht, ihr Geld und Land zu vergrößern. „Vae Victis“ (Wehe den Besiegten) galt noch zur Zeit des römischen Feldherrn Gaius Julius Cäsar als selbstverständlich. Wer eine Stadt erobert hatte, konnte mit den Einwohnern machen, was er wollte. Ihr Eigentum wurde geraubt und abtransportiert.

Das weckte Hass und Wut. Rachegedanken vergifteten viele Jahre das Klima zwischen Nachbarstaaten.

So war es auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit Deutschland geplant. Doch dann entschied man sich gegen neue Feindschaften. Amerikas Vereinigte Staaten spendeten viel Geld für den Wiederaufbau. Und dann trat Ludwig Erhard auf. Sein System der Sozialen Marktwirtschaft, eines freien Wettbewerbs mit preissenkender Konkurrenz unter den Spitzenkräften, gleichtig die Verpflichtung zu Rücksichtnahme auf die sozial Schwächeren, führte innerhalb weniger Jahre zum unvergessenen „Wirtschaftswunder“. Die völlig kriegszerstörten Städte wurden wieder neu aufgebaut. Die privaten Einkommen stiegen und erlaubten den Meisten ein eigenes Auto oder Auslandsreisen nach Südeuropa.

Kriege waren früher unvermeidlich und gehorchten der Willkür. Der Dreißigjährige Krieg ( 1618 – 1648 ) endete nur, weil alle Länder zerstört waren und die Bevölkerung immer geringer wurde. Niemand hatte mehr Geld oder Kraft, einfach weiterzumachen.

Dieses Prinzip verstand der General Sun Tsu sehr gut. Er war kein Feigling, sondern beobachtete in seinen vielen siegreichen Schlachten, wie das Ganze funktionierte und leitete daraus Regeln ab, die auch für den privaten Bereich gelten.

Einsicht und Weisheit waren die Merkmale, für die der altbiblische König Salomon noch heute berühmt ist. Am Eingang zu seinem Tempel standen „Boaz “ und „Jachin“, die beiden Säulen der Gerechtigkeit. Wer den Raum betrat, sollte die Ausstattung zwar wahrnehmen, aber die äußerlichen Zeichen dienten nur zur Einstimmung auf die Innenwelt.

Manchmal ist ein Krieg schon vorbei, wenn die Angreifer es noch gar nicht bemerkt haben. Sie kämpfen weiter und sehen nicht, dass ihre Waffen sich längst gegen sie selbst gerichtet haben. Wie ein Bumerang, der gegen eine unzerstörbare magische Wand prallt und dann zurück zu den Verursachern fliegt, lautlos und zielsicher. In den Nürnberger Prozessen nach 1945 staunte das internationale Gericht, zu dem auch Amerikander und Russen gehörten, darüber, dass die Angeklagten sehr viel Beweismaterial nicht vernichtet hatten, sondern einfach weiter fest an ihren eigenen Endsieg glaubten. Als die Berliner Mauer vor dreißig Jahren zusammenbrach, waren viele Akten der Staatssicherheit ( Stasi ) noch erhalten und können von den Opfern jederzeit gelesen werden. Nachbarn, vermeintliche Freunde und Verwandte, ein riesiges Heer von Schnüfflern und Spitzeln, sorgte vierzig Jahre lang dafür, dass der gewalttätige Unrechtsstaat weiter machte, obwohl er finanziell längst kaputt gewirtschaftet war, und dass jeder Kritiker auf Schritt und Tritt überwacht und ausspioniert wurde.

Auch unter diese Art von kostspieliger Kriegsführung könnte man längst einen Schlussstrich ziehen, zumal unsere Gesetze derartige Aktivitäten als schwere Straftaten richtig einordnen.

Aber selbst das Verbot von Organisationen und Parteien bringt nicht viel, wenn die alte Denkweise und deren Methoden weiterleben. Das zu ändern, ist auch Meistern wie dem General Sun Tsu und vielen Anderen seiner Art zu verdanken.

Gustav Mahler komponierte sein letztes Werk „Das Lied von der Erde“ auf Texte altchinesischer Dichter. Im ersten Lied heißt es: „Das Firmament blaut ewig, und die Erde wird lang und fest stehen. Du aber Mensch, wie lang lebst denn du? Nicht hundert Jahre.“ Hier singt das Fritz Wunderlich:

http://www.youtube.com/watch?v=qbHNswT-ZiU