Das Ziel des Kriegs ist nicht der Sieg

20.6.2016. Im vorletzten „Spiegel“ wurde eine neue Software  beschrieben: „FindFace“. Damit fotografiert der Nutzer  mit seinem Smartphone unterwegs ein fremdes Gesicht, das ihm auffällt oder gefällt. Dann durchforstet sekundenschnell eine Gesichtserkennungssoftware das Internet und zeigt die ähnlichsten Gesichter. Außerdem Alles, was der Unbekannte an Informationen im Netz hinterlassen hat, über seinen Standort, Gewohnheiten, Kontakte. Bei Facebook werden dazu die Realnamen angezeigt. So kann man ständig neue Leute kennenlernen, ohne dass sie es wissen.  In Moskau will die Stadtregierung alle Beobachtungskameras mit dem Programm ausrüsten, um gesuchte Kriminelle und prinzipiell Jeden  sofort im Passantenstrom zu erfassen und dem nächsten Polizeirevier zu melden. Zitat: „Der Begriff Extremist wird in Russland sehr weit gefasst. Selbst die kleinste Demonstration von Oppositionellen wird gewaltsam aufgelöst. Jedes aufgenommene Gesicht ist ein potenzieller Steckbrief.“

Wie lange wird es dann noch freie Meinungsäußerungen geben?   Aber die Technik kann nicht nur einseitig verwendet werden, von einer einzigen Stelle, sondern von Jedem. Die meisten Fotoamateure haben seit Jahren Tausende von Digitalaufnahmen, die sie mit frei erhältlichen Programmen selbst auswerten können. Maßstab sind immer noch die Gesetze. Das Verbot willkürlicher Privatfotos und deren Verwendung ohne Genehmigung. Das Recht auf Privatsphäre. Das Verbot des Stalking, des aufdringlichen Nachstellens. Die Verschwiegenheitspflicht für Behörden. Und vieles Andere mehr.

War früher alles besser? Vor allem im 19. Jahrhundert träumten die romantischen Dichter von verzauberten Natur-Idyllen, rauschenden Flüssen im Mondlicht. Die gab es zwar schon immer, aber damals war es eine Gegenreaktion auf  Krisen, Kriege und  andere gewaltige Veränderungen in Europa. Die Industrietechnik steigerte sich immer mehr. Karl Marx (1818 – 1883) entdeckte dann, dass die Arbeiter in großen Fabriken nur noch als austauschbares Menschenmaterial behandelt wurden und nannte das „Ausbeutung“. Daraus entstand die Idee des weltweiten Kommunismus von der Gleichheit aller Menschen. Doch schon im Jahr 1945 erkannte George Orwell: „Alle sind gleich, aber ein paar sind gleicher als die anderen.“ Karl Valentin meinte: „Die Menschen sind gut, aber die Leute sind schlecht.“ Und der fränkische Dichter Jean Paul schrieb: „Bayreuth ist eine schöne Stadt. Wenn nur die Bayreuther nicht wären!“

So pauschal stimmt das nicht. Der geniale Komponist Richard Wagner kannte seine Mitbürger genau, flüchtete aber fast jedes Jahr im Herbst  über die Alpen nach Süden. Dort starb er im venezianischen Palazzo Vendramin, 1883, im Todesjahr von Karl Marx. In Dresden war er in jungen Jahren sogar mit dem russischen Anarchisten Michail Bakunin befreundet und beteiligte sich 1849 an einem Volksaufstand gegen die Regierung. Danach wurde er von der Polizei steckbrieflich gesucht und lebte dann in der Schweiz. Heute würde man ihn wohl als „terrorismusverdächtig“ bezeichnen. Doch da befindet er sich – mit vielen anderen willkürlichen Justizopfern und kritischen Köpfen – in guter Gesellschaft. Denn er war Künstler, aber auch Realist und hatte eine klare politische Meinung, also ein Grundrecht, das genau wie das Demonstrationsrecht auch nach unserer Verfassung jedem Staatsbürger zugesteht.

Das aktuelle Bayreuth ist langweilig. Man vermisst es nicht, aber manchmal träumt man von besseren Zeiten. Zum Beispiel dem nächtlichen Hofgarten im Mondschein, der das Grab des Meisterkomponisten erhellt. Man schaut auf die große Grabplatte und hört plötzlich eine Stimme, „Wo warst du denn so lange?“ Und dann steht er da, mit Samtbarett und langem Gehrock. „Bist du es, Richard?“ „Ja. Du fehlst hier. Du bist der Einzige, der mich wirklich verstanden hat. Aber schau nur dir nur meinen Garten an.“  Er zeigt auf eine große gläserne Schuhschachtel neben dem Gärtnerhaus. „Aber Richard,  das ist doch ein neues Museum, dir zur Ehre errichtet.“ „Museum, für mich? Niemand geht hin. Und was drin ist, will keiner sehen.“ „So stimmt das aber nicht. Die Besucherzahlen werden sicher noch steigen. Ein Gewinn für Alle!“  Der alte Richard fängt an zu weinen, „Schuld ist die Verwandtschaft.“ „Das ist ungerecht. Da reden noch  viele Andere mit.  Neuerdings gibt es sogar Karten in letzter Minute, für alle Vorstellungen.“ Richard schüttelt heftig den Kopf, „Du warst zu lange nicht mehr hier. Jetzt geht alles schief. Die alten Stammgäste fahren lieber woanders hin.“  „Nein, es liegt an der Technik. DVD-Aufzeichnungen, das Internet. Alles kann man unterwegs anschauen, sogar vom Smartphone und vom Laptop.“ Damit endete der Traum. Und das Letzte stimmt  ja auch. YouTube bietet die besten Musikaufzeichnungen aller Zeiten, auch für Vergleiche und ein gründliches Studium. Denn Wagners Klangsprache verwendete nicht nur sein Zeitgenosse Anton Bruckner, zum Beispiel in seiner Vierten, der „Romantischen Sinfonie“. Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=gljRZ-3BlcM

„Das Ziel des Kriegs ist nicht der Sieg, sondern der Frieden.“ So formulierte es der chinesische General Sun Tsu vor zweitausend Jahren. Das kann aber niemals einseitig gelten  Druck erzeugt Gegendruck. Und wenn kein gemeinsamer Ausgleich stattfindet, entsteht immer mehr Schaden. So meint es auch das Sprichwort: „Wenn man einen Feind nicht besiegen kann, sollte man ihn zum Freund machen. “ Das geht zwar nicht immer, ist als Methode aber sehr wirkungsvoll.

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