Der königsblaue See

Bräustüberl und Alm

28.11.2014. Freitag. Zum ersten Mal im neuen Bräustüberl. Nach wochenlangen wohlwollenden Presseberichten ist es gut besetzt. Zechende Zeitgenossen. Keine Touristen. 38 Plätze an 11 blanken Holztischen.

Gedämpftes Punktlicht fällt auf die Tische. Henkelflaschen hängen als Raumbeleuchtung von der Decke. Unverputzte Ziegelwände. Hinter den kleinen Bogenfenstern fällt der Blick auf alte Häuser mit schrägen Giebeldächern.

Über der Theke sind Bilder eines längst vergangenen, bunten Volksfests, zur Landsknechtszeit vor vierhundert Jahren. Ein weißblauer Maibaum. Davor ein Biergespann mit Pferd und Holzfässern. Tubabläser. Gäste mit bunten  Federhüten und geschmückten Hauben.

Die unbekannten beiden Tischnachbarn sind schnell zu einem Gespräch bereit. Sie loben das helle Bier aus der hauseigenen kleinen Brauerei, empfehlen das Brotzeitbrettl und den Biersenf.

Der anregende, erwärmende Gedankenaustausch kreist um Veränderungen im  Stadtviertel und andere Münchner Eigenarten.

Die kleinen Welten öffnen und verknüpfen sich zu großen Panoramen aller Welten. Und immer weiter steigern sich die Sinnesbilder, hoch zu fernen Galaxien. Inspiriert, auf hellen Welten reitend, zwar mitten in der Realität, doch in den großen Tiefen weit entfernt von den Alltäglichkeiten.

Die Heimat. Der Ursprung.

Urschall. Klänge aus einem riesigen Orchestergraben, die alles überfluten, erwecken und beleben.

29.11. Ein Spaziergang durch den alten Forst. Die Almhütte ist ein winterstilles Wirtshaus am Waldrand, mit einem holzgetäfelten Hinterzimmer. Goldene Papiersterne schmücken zur Adventszeit. die Wände.

Durch das Fenster sieht man den geheimnisvollen Nebelwald, dessen Nadelbäume sich in der Dämmerung immer mehr verdunkeln. Dicke alte  Baumwurzeln erheben sich aus den schmalen Wegen- Eiskalte Wassertropfen fallen auf den Kopf.

6,12, Morgens in einer  stillen Wohngegend  des Umlands. Draußen lautlose Winterluft, ganz anders als an den unruhigen Plätzen der Großstadt. Eine novembergraue, geschlossene Wolkendecke verbirgt frühmorgens das tiefe Himmelsblau und die goldene Sonnenscheibe.

Beim langsamen Erwachen tauchen aus der Tiefe des Unterbewusstseins anregende Gedanken auf, die früher einmal aufgenommen  wurden und beim Anrühren der mächtigen Erinnerungsfelder wieder  lebendig werden.

Ein Ozean aus Erfahrungen, deren Elemente oft halb vergessen sind und darauf warten, wieder angerührt zu werden.  Gedankenstürme, alte Wunden längst vergangener Jahre. Helles Liebesfeuer  und die weiten Ebenen der inneren Gelassenheit.

Tore öffnen sich zu kühlen Eiswüsten und den geheimnisvollen Paradiesgärten der Erkenntnis.

Die Traumwelt erweitert die Realität, belebt die Psyche mit gedämpften oder hellen Bildern.

Ein Orchester, das eine Fülle von Farben zum Klingen bringt.

Aus einem  Nachbarzimmer schallt Filmmusik von Georges Delerue. „Anna Bolena“. Die Shakespeare-Zeit, höfisch, pompös mit Pauken und Trompeten, wehmütig mit Streichern und Flöten. Assoziationen weiter Landschaften, Burgen,

Dramen des Geistes und in den Köpfen eine Bewegung, die manchmal nur ganz sacht beginnt, um große Veränderungen einzuleiten.

Der königsblaue See

1.1.2015. Am Neujahrstag zeigt sich ein strahlend helles Licht. Die hohe Schneedecke hält lange stand dem Sonnenfeuer. Vorbei geht es am am winterstillen Tierpark Hellabrunn, den Steilhang hinab an der Grünwalder Burg, dann weiter über das tiefe Isartal nach Süden.

Die Dörfer, weiten Felder glitzern silbern wie eine große Märchentruhe, auch unterwegs der Zauberwald.

Die Außentische der Seeterrasse tragen große weiße Hauben. Die Wellen kräuseln sich im dunklen Blau.

Es ist der See des traurigen Wittelsbachers, der einen königsblauen Edelstein so liebte und dessen Farbe Lapislazuli, dass er darin ertrank, in Wasserfluten gleicher Farbe. Und mit ihm versanken seine Träume.

Gespräche kreisen auch um die Symbolik. Die alte Bildersprache, deren Zeichen zu entziffern sind wie Rätsel, hinter deren Nebelschleiern sich tiefe Erfahrungen und Erkenntnisse verbergen, die immer weiter auf Entdeckung warten auf dem Weg zum Licht.

Später Dachau. Draußen vor der Stadt entstand das erste Lager. Ein Tor zur Hölle. Vor achtzig Jahren. Lange ist das her. Die Stadt trägt im Namen noch immer diese Last. Denn die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie ruht noch immer im Gedächtnis.

Dachaus Altstadt ist eine winkelige Idylle, mit schmalen Gassen, überragt vom Schloss, das einen weiten Blick ins Land eröffnet. In dieser Gegend fand der Dichter Ludwig Thoma seine Themen, mit scharfem Blick auf Land und Leute, respektlos vor den trägen kaiserlichen Untertanen, doch voller Liebe zu Gemüt und Brauch der eigenwilligen Bajuwaren.

Frühnachmittags steigt wieder heller Nebel auf, bevor die Sonne wie ein Feuerball am Horizont versinkt.

Der Beginn des Neuen Jahres ist ein altes Hoffnungszeichen. Ein Traum, der sich nicht immer erfüllt. Ein Spiegelbild des Wachsens und Vergehens.

Transformation. Wandlung.

Einerseits ein körperliches Werden und Vergehen, wie bei den Tieren und Pflanzen.

Doch geistige Reife gründet auf Erfahrungen und deren Verarbeitung..

Unverändert bleibt dabei der Charakter. Wer falsch ist, wird es immer sein.

Doch neue Bilder erweitern den Horizont.

Die höchste Stufe der Erkenntnis ist die Erleuchtung. Die Überschreitung der Grenzen des Wahrnehmbaren. Die Transzendenz.

Die Vereinigung mit dem Numinosen.

Das ist die Dimension des Göttlichen, die für den Menschen erkennbar ist.

In der christlichen Eucharistie verwandelt sich das Heilige Blut symbolisch  in Wein, der die Gedanken einerseits anregt und vertieft, doch niemals Selbstzweck ist.

In der Ekstase alter religiöser Rituale werden die Grenzen sichtbar, die der menschlichen Wahrnehmung gesetzt sind, bei der Konzentration auf die Geheimnisse der Welt.

Der Buddhismus nennt das menschliche Leben einen Leidensweg (Samsara), der sich nach dem Tod mehrmals mit einer Wiedergeburt fortsetzt.

Erst nach der Reinigung von aller persönlicher Schuld kommt es zur Stufe des Nirwana, der Auflösung im Nirwana, der Vereinigung mit dem Weltall.

Die Kelten hielten alle Naturerscheinungen für das Zeichen göttlicher Kraft: Steine. Flüsse. Feuer. Luft.

Das Kelten-Kreuz ist an allen vier Enden deutlich verbreitert, wie eine Löwen-Tatze. Hier vereinen sich weltliche Macht und göttliche Kraft.

Dieses Tatzenkreuz war auch das Erkennungszeichen der mittelalterlichen Tempelritter. Sie hüteten den  Gralskelch mit dem Heiligen Blut.

Schale und Speer sind alte Zeichen des  Weiblichen und Männlichen. Die Bildersprache der Symbolik enthält mächtige Botschaften.

Die Meditation und Sublimierung, die geistige Verwandlung und Veredlung, löst Spannungen auf, übersieht Nebensächlichkeiten und verstärkt die innere Gelassenheit.

Diese Ebene des Denkens stand vor tausend Jahren im Mittelpunkt der mittelalterlichen Mystik. Man findet sie in den Schriften von Augustinus, Giordano Bruno, Jakob Böhme, Dantes „Göttlicher Komödie“ und vielen andere.