Der Planet der Eisriesen

27.8.2020. Den Planeten der Eisriesen kennt Jeder, auch wenn er gar nicht weiss, wie es dort aussieht. Er befindet sich drei Galaxien von uns entfernt. Dort sind die Temperaturen unter eintausend Grad. Die Bewohner sprechen nicht viel. Sie bewegen sich nur fünf Mal am Tag.

Meistens sitzen sie vor viereckigen Fenstern, aus denen sie bis in die fernsten Tiefen des Universums schauen und dort sogar erkennen können, wie die Nanostrukturen, also die kleinsten Teile der Materie, aufgebaut sind, wie der Mikrokosmos funktioniert und was man damit machen kann. Meistens sind die Eisriesen etwa dreißig Jahre alt, haben nicht studiert und auch sonst fast keine Interessen.

Es sind Computerspezialisten unserer Gegenwart, wie man sie in den großen Städten und in den kleinsten Dörfern überall anschauen kann. Sie besuchen keine Speiselokale, sondern lassen sich vom Pizza-Schnelldienst doppelt belegte Hamburger, Kartoffelchips und schwarze Brauselimonade bringen.

Am wichtigsten sind die Laserdrucker, aus denen pausenlos Papierblätter herausrutschen, mit vielen Wörtern, Zahlen und englischen Abkürzungen. Und dann geht es los. Neue Mitarbeiter treffen ein, die alle Stapel zählen, lesen und in gesicherten Stahlschränken abheften.

Natürlich sind das nur die Kurzfassungen der neuen Horrorfilme, die ab September in allen Kinos laufen. Mir fällt dabei „Vertigo“ ein. Der Film kam schon 1958 in die Lichtspielhäuser, die damals nur einen einzigen großen Zuschauerraum hatten, mit einem breiten roten Samtvorhang. Wenn die Karten-Abreißer noch schnell Eis am Stiel verkauften, musste man schnell mit dem Papierknistern fertig sein. Denn dann hörte man drei Mal einen lauten Metall-Gong, der Vorhang öffnete sich. Man sah kaum Werbung, sondern lehrreiche Kulturfilme über Australien und Südamerika. Schulzensuren daür gab es nicht.

Alfred Hitchcocks „Vertigo“ beunruhigte nicht durch Schockszenen und Mörder im Halbdunkeln, sondern man sah ein farbenprächtiges, lichtdurchflutetes San Francisco. Der Polizist Scotty Ferguson (James Stewart) war nach einer lebensgefährlichen Verfolgungsjagd über die alten Dächer der Hippie-Blumenstadt nicht mehr fähig, Häusertreppen nach oben zu gehen. Das nutzte ein alter Freund aus, um seine eigene Frau loszuwerden. Seine heimliche Freundin, die fest geplante Nachfolgerin des Opfers, wurde so kostümiert, geschminkt und elegant silberblond frisiert, dass Polizist Scotty sie mit dem Original verwechselte. Er bekam den Auftrag, die angeblich unter Wahnvorstellungen, Halluzinationen leidende Lügnerin Madeleine (Kim Novak) zu überwachen. Dann wurden ihm die passenden Lügen-Szenen vorgespielt. Ständig besuchte sie schweigend ein Museum, weil ein Ölbild eine ähnliche Frau zeigte, die längst Selbstmord begangen hatte. Besonders spannend wird es unter der großen Brücke (Golden Gate Bridge). Als wäre sie total verzweifelt, schleicht die Lügnerin am Wasserufer entlang und springt. Hitchcock ließ – aus reiner Bosheit – diese Szene zwanzig Mal neu aufnehmen. Die Schaupielerin musste jedes Mal die nasse Kleidung wechseln, wurde wieder aufwändig gekleidet, geschminkt und frisiert. Solche realen Horrorgeschichten liest man auf jeder Seite von Donald Spotos Tatsachenbericht „Die dunkle Seite von Alfred Hitchcck.“ Der Meister hat nicht nur erfundene Schreckensbilder zusammenphantasiert, sondern konnte das auch, voller Gemeinheit, für seine engsten Mitarbeiter in der Realität inszenieren. Einen armen Beleuchter fragte er scheinheilig, ob er Angst hätte, die Nacht allein im Filmstudio zu verbringen. Zur Nervenstärkung gab ihm Horror-Alfred dann noch ein Glas Whisky, in dem auch noch ein starkes Abführmittel war. Am nächten Morgen lachten Alle den armen Mann in seiner ruinierten Arbeitskleidung aus.

Dieser Film, der erst ganz am Ende für volle Aufklärung sorgt, beunruhigt und erzeugt eine ständige Auflösung der Grenzen zwischen dem unterirdschen Grauen, den unheimlichen Zeichen des verkleideten Bösen und dem freundlichen Gegenteil, der glasklaren Wirklichkeit, den friedlichen alten Holzhäusern, den schattigen Parks und den leuchtenden Sommerfarben der Stadt. „It never raims in Californa“,sang damals Abert Hammond. „Man wird nie nass in Sa Francisco“. Aber ja doch! Wenn man schwitzt, weil die Gruselmethoden von Hollywood immer noch so frisch sind wie ein Eis aus der Tiefkühltruhe.

Die Eisriesen spielen eine Hauptrolle in dem Meisterwerk von Shakespeare-Regisseur Kennet Branagh. Im Abenteuerfilm „Thor“ (2011). Da habe ich, ein einziges Mal, die Verwendung von computergesteuerten Filmtricks bewundert. Nicht nur die riesigen Gruselfiguren, sondern auch alle anderen Zutaten erreichten eine Qualität, die man, im bekömmlichen zeitlichen Abstand von zweiwöchigen Pausen, zehn Mal immer wieder neu anschauen konnte. Die dreidimensionalen Kameras hatten eine räumliche Tiefenwirkung, als wäre man mittendrin. Technische Effekte können sehr langweilig sein. Aber hier weckten sie eine Zauberwelt mit sehr echt wirkenden Dtails zum Leben.

Der Stoff war aus dem mittelalterlichen Skandinavien. Die Eisriesen und ihr Herrscher Laufey leben in Jotunheim (Gotenhaus). Sie wollen ihr frostiges, nachtschwarzes Reich gewaltsam erweitern, auf Kosten der von Göttervater Odin regierten Asen, der Lichtgestalten. Odin erzieht auch Laufeys Sohn, den tückischen Loki, gemeinsam mit seinem eigenen Sohn, dem Helden Thor (Chris Hemsworth), dessen Waffe ein riesiger Plastikhammer mit Zauberkräften ist. Thor besucht das Land der ungemütlichen Eisriesen und besiegt ihre Übermacht. Über eine Regenbogenbrücke aus Licht besucht Thor danach den Planeten Erde, wo die gesamte Technik der Gegenwart sich immer mehr ausbreitet. Dem Helden gelingt hier kein Sieg. Er kehrt zurück nach Asgard, in die Götterburg seines Vaters. Vorher zerstört er die Regenbogenbrücke. Die Verbindung zur Erde will er nicht mehr.

Die Handlung bekommt ihre Kraft weder durch die Abenteuergeschichte noch durch die Computertricks. Der englische Regisseur Kenneth Branagh hatte längst vorher seinen weltweiten Ruhm aufgebaut, vor Allem durch die aufwändige Verfilmung der bekanntesten Theater-Dramen von William Shakespeare. Die Hauptrolle besetzte Banagh oft mit sich selbst, was den berechtigten Erfolg nur noch steigerte.

In seiner Gestaltung von „Thor“ überwältigen die visuellen Elemente. Er verwandelte einen überschaubaren Märchenstoff in eine eigene Traumwelt, die nach ihren gut durchdchten Abläufen glaubwürdig ist. Dazu setzte er auf die Magie der Symbolik. Eine uralte Bilderwelt, die Vorläuferin der menschlichen Sprache und Schrift.

Das sind optische Zeichen, die sofort wirken, weil sie im Gedächtnis aller Lebewesen gespeichert sind. Die frühesten Versammlungen menschlicher Gemeinschaften waren kriegerische Planungen oder religiöse Rituale. Alles, was man selbst nicht erklären konnte, wurde verehrt als menschenähnliche Götter, deren Unterschiede aber darin bestanden, dass sie Naturphänomene auslösen konnten wie Sturm, Erdbeben, Tag und Nacht. Weil sie das Schicksal gestalteten, wurden sie respektiert und an heiligen Orten gefeiert. Die Gebäude nannte man Tempel. In der antiken griechischen Hochkultur bestanden die breiten Eingangsfassaden aus wertvollen Marmorsäulen. Vor Allem links und rechts vom Hauptzugang bereiteten zwei Säulen darauf vor, dass im Inneren des Heiligtumes eine dritte Dimension wartete: Die Zeichen der unsichtbaren Kraft, die sich materiell nicht zeigte, aber wichtige Bilder frei gab. Geschmückte Mauern, stützende Raumteile, gemeißelte Figuren, bunte Glasfenster im Osten, hinter dem Altar, wo morgens das erste Tageslicht auftaucht, die Einzelheiten überflutet und erkennbar macht. Als Vorbereitung auf die Arbeitsverpflichtungen, zu denen auch damals das Studium der Wissenschaften gehörte. Benedikt von Nursia gründete um 529 n. Chr. einen Orden von Eingeweihten und gab ihnen die wichtigsten Lebensregeln: „Ora et labora“ (Bete und arbeite). Genau in dieser Reihenfolge ist damit einerseits die materielle Existenz gemeint, aber an erster Stelle steht die Meditation. Die Wissenserweiterung. Der Verzicht auf protzige Angeberei und Geldgier.

Als junger Mann schrieb Johannes Brahms „Ein Deutsches Requiem“, wohl eines seiner besten Werke. Obwohl es eine Totenmesse ist, merkt man nichts von depressiver Traurigkeit. Es ist eine hoffnungsvolle Stimmung, nachdenklich, an keine messbaren Zeitabläufe gebunden:

https://www.youtube.com/watch?v=bqd556NLoU8

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