Der Platz „zur Sonne“

3.2.2020. Die Sonne war schon im Altertum ein wichtiges religiöses Symbol. Als stärkster Spender von Licht und Energie erkannte der ägyptische Pharap Echnaton sie als einzigen Gott an.

Das Sonnenzeichen wird in vielen Kulturen verehrt, auch der Osten als Himmelsrichtung, weil das Gestirn dort morgens auftaucht und den Beginn des Tages mit all seinen Aufgaben und Pflichten merkiert. In alten Kirchen steht der Hauptaltar immer im Osten, und durch große farbige Mosaikfenster leuchtet von dort frühmorgens das erste Licht.

Östlich von Bayreuth, nur ein paar Fahrminuten entfernt, ist die Eremitage. eine Parkanlage, die ab 1715 entstand, mit Wasserspielen, dem Alten Schloss, wo es tatsächlich bescheidene Klosterzellen gibt, damit die Adeligen zwischendurch auch mal meditieren konnten. Optischer Mittelpunkt ist die Orangerie mit einem an der Apitze vergoldeten Sonnentempel. Markgraf Georg Wilhelm ließ ihn erbauen. Er gründete auch die Loge der Freimaurer. Seine Ehefrau Wilhelmine war die Schwester von König Friedrich dem Großen, der auch Freimaurer war und bekannt wurde durch das Lebensmotto „Jeder soll nach seiner eigenen Art glücklich werden.“

Das Hauptgebäude der Freimaurer befindet sich im Osten der Bayreuther Altstadt. Das Erdgeschoss mit dem aufwändig gestalteten kleinen Museum kann jederzeit während der Öffnungszeiten besichtigt werden. Man bekommt dort auf offene Fragen auch offene Antworten.

Der Bankier Friedrich Feustel ( 1824 – 1891 ) war Meister der Großloge „Zur Sonne“, die sich heute „Eleusis zur Verschwiegenheit“ nennt. Das Alles kann man ausführlich im Internet nachlesen. Angebliche Geheimnisse sind dort nicht zu finden.

!871 entschied sich Richard Wagner endgültig für Bayreuth als dauernden Lebenmittelpunkt. Maßgeblich beteiligt an dieser Entscheidung waren der damalige Bürgermeister Theodor Muncker und der Bankier Friedrich Feustel. Sie boten ihm zwei wertvolle Geschenke an: Das bekannte Grundstück des Festspielhauses am Grünen Hügel und das private Wohngrundstück Wahnfried. Letzteres ist nur einhundert Meter vom Logengebäude entfernt. Beide Häuser liegen auf dem gleichen Breitengrad, also in östlicher Himmelsrichtung vom zentralen Sternplatz, dessen fünf zuführende Straßen die Form eines Pentagramms haben. Das war im Altertum ein magisches Fünfeck und Mittelpunkt zahlreicher Zaubergeschichten. Eine Straße führt dort zum Neuen Schloss der Markgrafen, das an den Hofgarten grenzt, wo sich auch Wahnfried befindet. Die Verlängerung dieser Straße, über den Mittelpunkt nach Norden, geht direkt am Markgräflichen Opernhaus vorbei und landet, in der Luftlinie, am Grünen Festspielhügel. Die dritte Straße führt direkt zum großen Markt. Vor der vierten Straße befindet sich ein Denkmal, der Reiterbrunnen. Die fünfte Straße trägt den Namen Richard Wagners und führt direkt zu seinem damaligen Wohnhaus.

Einen „Sonnenplatz“ hat es also in der Stadt nie gegeben, aber die Großloge „zur Sonne“ hat den bedeutenden Musikdramatiker zum Bleiben gebracht. Warum eigentlich hat man ihn für so wichtig gehalten?

Die Antwort findet man in den zehn großen Meisterwerken, die jedes Jahr im Wechsel aufgeführt werden. Ihre zahlreichen, miteinander verknüpften Themen sind dem Denken der Freimaurer sehr nahe.

In den beiden letzten Großwerken „Meistersinger“ und „Parsifal“ wird der Musikdramatiker sogar sehr deutlich. Im Text, der durch die Musik ins Unendliche vertieft und verstärkt wird, sind zahllose Anspielungen auf die Gemeinschaft seiner Förderer enthalten. Auf den ersten Blick bemerkt man diese Hinweise gar nicht, aber sie sind nachweisbar und Teil des „Geheimnisses“, das Wagner zwar sorgfältig verschlüsselt hat, aber gegen dessen Auflösung er mit Sicherheit gar nichts gehabt hätte. Denn nur so ist die Wirkung nachvollziehbar, die schon zu seiner Zeit in vielen Ländern begeistert entdeckt wurde.

Im Mittelpunkt der „Meistersinger“ stehen freie mittelalterliche Handwerker und die selbst entworfenen Regeln ihrer Musik, die auf einer großen Tafel, der Tabulatur, schriftlich festgehalten sind. Nur wer ein Lied, ein Kunstwerk, nach diesen Regeln neu erschaffen und singen kann, darf sich „Meister“ nennen. Das „Preislied“ in diesem Werk schildert im Finale eine biblische Vision: „Eva im Paradies“. Das ist, im Alten Testament, der Urzustand vor dem ersten Sündenfall des Menschen. Und die Rückkehr zum Paradies ist seitdem ein nicht erfüllbarer Sehnsuchtstraum. Die alten Kathedralen-Gebäude sollten irdische Abbilder des Paradieses sein, mit einer vollkommenen Formensprache aus Säulen, Bögen und großen Fenstern. Freie Handwerker führten die Bauten aus, unter der Leitung hoch gebildeter Architekten, der Meister. Ein Begriff, den auch die Freimaurer in ihrem Denken verwenden.

Diese Ideen kann man in jedem der Meisterwerke von Richard Wagner finden, auch wenn er die Schlüsselwörter oft gar nicht ausspricht. Für eine genauere, konkrete Darstellung reicht ein einziger Artikel nicht aus. Auch das ist ein Werk, an dem gebaut wird.