Der Untergang der Opernhäuser

27.6.2019. Jetzt ist die Hochsaison für Besuchermassen in den Weltstädten. Die Hitze schreckt Niemand ab. Überall gibt es auch schattige Plätze oder Orte mit eisigen Klimaanlagen.

In einem der angesehensten Gebäude möchte ich heute nicht sein: Das ist die Staatsoper. Bei meinem letzten Besuch vor sieben Jahren gab es zwar keine ernst zu nehmende Klimaanlage. Aber das wäre kein Grund für das Fernbleiben.

Die ganze Form des bürgerlichen Theaters hat sich längst überlebt. Wer kauft noch eine teure Eintrittskarte für zweihundert Euro, um dann in einer großen Menschenmenge das qualitativ schwankende Programm zu erleben? Die Herren schwitzen im maßgeschneiderten engen Smoking. Die Damen pressen sich mit riesigen Abendkleidern in die viel zu engen Sitze, wenn die ausgetüfteltelten Frisuren sich langsam im Schweiß des Angesichts auflösen.

Die besten Inszenierungen kann man längst auf DVDs oder bei YouTube im Internet erleben. Man kann die Aufführung jederzeit unterbrechen, für immer beenden oder in passender Stimmung fortsetzen. Dabei wird man nicht vom Bonbonknisterpapier der Nachbarn gestört, deren Hustenanfällen oder aufgebrachten Debatten an den leisesten Stellen der Musik.

Vorgestern setzte sich ein Herr in der Straßenbahn neben mich. Ich grüßte ihn als „Dalton“. Das ist sein Pseudonym in einer Internet-Musikdiskussion. Er war sicher, dass ich ihn nicht erkennen würde, hat sich deshalb über die harmlose Anrede gar nicht gefreut, ist blitzschnell an der nächsten Station ausgestiegen. Er spielt Violine in sogenanntn Projektorchestern, zum Beispiel bei Klassischen Musikfestspielen.

Das unerwartete, ansonsten wortlose Treffen machte mich neugierig. Seit gestern ist auch die wochenlange Sperrung der Straßenbahnen 19 und 21 aufgehoben, die direkt an der Oper halten. Ausgestiegen bin ich in Höhe der Kammerspiele, dann vorbei an der Fassade des Luxushotels „Vier Jahreszeiten“, wo einst auch Britenprinz Charles und seine unvergessene Diana ihrem Opernbesuch entgegenfieberten.

In der Tageskasse gab es das kostenlose Programm für die beginnenden Festspiele. Heute ist die Premiere von Richard Strauss‘ „Salome“, unter der Leitung von Meisterdirigent Kirill Petrenko. Die Hauptrollen singen Marlis Petersen und Wolfgang Koch. Das Ganze kann man sich auch kostenlos auf einem Livestream im Internet anschauen, wenn man das Laptop mitnimmt an einen lauschigen, stillen Uferplatz der Isar. Mir persönlich gefällt die Salome-Verfilmung mit Teresa Stratas und Bernd Weikl sehr gut, die als empfehlenswerte Referenz-Aufnahme vom Regisseur Götz Friedrich geschaffen wurde, gemeinsam mit dem Dirigenten Karl Böhm.

Als Ort zum Lesen gut geeignet ist das Bistro „Brenner“, gleich neben der Tageskasse. Beim dem wolkenlosn Wetter waren in dem luftigen Gewölbe kaum Besucher. Vor Allem der Doppelgänger des Ostberliner Dramaturgen Werner H. stach ins Auge, mit neuer, silbegrauer Lockenfrisur. Sogar gemustert hat mich diese einmalige Traumerscheinung, aber das Original hätte sicher auch mit mir geredet. Zur Oper gehört eben auch die Phantasie, dass ein Radames auf der Bühne tatsächlich der altägptische Feldherr wäre, selbst wenn er schon vor zweitausend Jahren gestorben ist.

Den Abschluss des kleinen Rundgangs bildete die Außenterrasse des nahen „Spatenhauses“, wo man unter schattigen Sonnenschirmen direkt auf die Säulenfassade des Musiktheaters schauen kann. Diesen Platz habe ich vor dreißig Jahren schon entdeckt und dort oft auf den Vorstellungsbeginn gewartet, aber leider diesen Geheimtipp nicht für mich behalten. Jetzt trifft sich dort ein aufwändig angereister Opernstammtisch, dessen Teilnehmer eher abschreckend sind.

Heute Nachmittag werde ich weit weg von der hitzeglühenden Altstadt an einem lauschigen Ort in der Nähe eines alten Schlosses verbringen, über das schon Karl Valentin ein herrliches Lied erfunden und gesungen hat:

„Ja, so warens, die alten Rittersleut‘ “ Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=Wa-7MoovFRY