Der Wolpertinger aus Grünwald

3.6.2019. Wenn man oberirdisch durch die Stadt fährt, entdeckt man immer neue sehenswerte Winkel. Einer davon liegt direkt an einer Haltestelle. Nebenan braust zweispuriger Autolärm. Und dann gibt es unterwegs einen kurzen Halt an einem Kiosk, der mit Selbstbedienung Zeitungen, Imbisse und Getränke verkauft. Natürlich muss man die aus der Flasche trinken, denn sonst wäre es ja teurer. Draußen stehen ein paar lange Tische und Sitzbänke, wie in einem Biergarten. Einmal in praller Sonne. Doch ein paar Meter weiter befindet sich schon ein schattiger Laubwald. Dort ist es kühl. Da sitzen Nachbarn oder Stammgäste. Man duzt sich, das verschafft jedem Gespräch sofort eine persönliche Nähe. Und das Ergebnis reizt zum Wiederkommen, denn hier ist auch ein Treffpunkt für stundenlange Wanderungen an der nahen Isar.

Unterwegs treffe ich öfter den Wolpertinger. Im Internet kann Jeder selbst nachschlagen, was das ist. Ein Fabeltier aus dem Bayerischen Wald, zusammengesetzt aus mehreren Tierarten. Gesehen hat das noch Keiner, aber jeder Andenkenladen verkauft naturgetreue Nachbildungen.

Mein Wolpertinger ist kein Tier, sondern ein Mensch. Struppige Haare. Das Gesicht mit dem Zottelbart ist auf Alt geschminkt. Als Kontrast trägt er eine gute, saubere Lederhose mit lindgrünen Ornamenten. Deftige, stets geputzte Haferlschuhe. Und manchmal einen schwarzen Lederhut mit bunten Wildblumen. Außerdem fünf rollenförmige Kopfkissen auf dem Rücken, wo andere ihren Rucksack hinhängen.

Er taucht immer wieder auf, als ob er wüsste, wo ich gerade bin. Meistens in der Straßenbahn aus Grünwald, wo auch die Bavaria-Filmstudios sind. Zur Begrüßung lacht er freundlich, nickt und ruft Sätze wie „Kennen wir uns nicht?“ Ein paar Mal wollte ich ihn schon zu einem Bier einladen, aber dann drehte er sich bisher einfach um und ging sofort. Incognito. Ein Bekannter erzählte mir, dass der Arme zwei gescheiterte Ehen hinter sich hat. dass man sich gut mit ihm unterhalten kann und er sogar unter freiem Himmel im Wald lebt. Kann schon sein. Aber warum sind dann seine Lederhose und seine Schuhe immer blitzblank? Einmal hat er sogar an der Endstation in Grünwald auf mich gewartet, wieder genickt und gelacht. Also bin ich zu ihm hingelaufen und habe gesagt, „Du bist Mitarbeiter bei den Bavaria-Filmstudios.“ Das hat ihm tatsächlich die Sprache verschlagen. Er ging schnell auf die andere Straßenseite, drehte mir seine Rückenansicht zu und sagt bis zur Abfahrt der Tram kein Wort mehr.

Sehr amüsant. Aber es gibt auch unangenehme Varianten. Aufdringliche Provokateure zum Beispiel. In angesehenen Lokalen sind sie stets angepasst, gut gekleidet und sitzen wohlerzogen da. Freut man sich darüber und wählt den Nachbartisch aus, dann fangen sie plötzlich an, mit doppelter oder dreifacher Lautstärke belangloses Zeug zu erzählen. Schmierenschauspieler. Manchmal sage ich dann, „Bitte sprechen Sie doch doppelt so laut. Ich bin schwerhörig und möchte kein Wort von Ihnen verpassen.“ Oft zahlen sie dann und eilen davon.

Aber das Leben ist bunt und gelegentlich auch voll angenehmer Überraschungen. Zum Beispiel an einem düsteren Novembertag vor vier Jahren. Das bekannte Schwabinger Wirtshaus „Schelling-Salon“ war menschenleer und hatte kaum noch Licht zum Zeitunglesen. Dann sprang die Eingangstür auf. Ein älterer Herr steuerte direkt auf meinen Tisch zu und wollte sich dazusetzen. Und reden. Ein Chefarzt aus Gauting. Eine Stunde lang sprachen wir angeregt über die Ärgernisse in seinem Berufsstand. Arbeitsüberlastung. Fehldiagnosen. Fachkollegen mit lückenhaftem Wissen.

Dann wollte er gehen, gab mir aber noch gutgelaunt ein Bier aus.

Dann begann die vorbereitete Inszenierung. Er rief, „Wo ist meine Jacke?“, sucht überall in seiner näheren Umgebung, lief dann durch das ganze Lokal, befragte die Kellnerin und andere Mitarbeiter. Kurzentschlossen habe ich seinen Platz abgesucht, denn er war die ganze Zeit überhaupt nicht fortgegangen. Unter seiner Sitzbank lag die gesuchte Jacke. Sie war aber dort nicht zufällig hingefallen, sondern er hatte sie ganz weit nach hinten geschoben. Sofort fiel mir ein altes Motiv ein: „Nur du sollst diese Jacke finden.“

Und das steigerte sich noch. Mit freundlichem Gruß verschwand er nach links durch den Ausgang. Erst dann schaute ich, eher zufällig, nach rechts auf seinen Sitzplatz. Dort lag eine Lesebrille, mit einem Gestell aus echtem Gold und sehr guten Gläsern für die Benutzung bei schwächerem Licht.. Ich habe dann meine Anschrift und Telefonnummer bei der Kellnerin hinterlassen, für den Fall, dass der unbekannte Herr sich meldet. Das hat er aber nie getan. Nach dem Ablauf der gesetzlichen Wartefrist ging die Kostbarkeit in meinen Besitz über. Sie hat einen Ehrenplatz in einem Bücherregal, so dass sie dort auch zwangsläufig jeden Tag angeschaut wird.

Der geistreich sprechende Überbringer war aber nur der Bote. Seine Auftraggeber kenne ich nicht. Aber es war ein Zeichen der Anerkennung. Da ich im realen Leben unauffällig auftrete, kann es nur ein Leser meiner Texte im Internet sein. Mit der gleichen Begründung bekam ich im Jahr 2008 sogar eine Freikarte für die stark besuchte Generalprobe einer damals neuen Bayreuther Parsifal-Inszenierung von Stefan Herheim.

Das geht auch anders. In einer hoch aggressiven Musikdiskussion im Internet, in der zehn Teilnehmer mich jahrelang ständig mit Beleidigungen attackierten, gab es auch Einen, der sehr wohlwollend mit mir diskutierte. Auch er benutzte ein Pseudonym und die bis heute nicht zu knackende Verschlüsselungs-Software TOR. Aber die Technik ist nicht das Wichtigste. Man kann Identitäten auch ohne technische Hilfsmittel ermitteln, durch Sprache, Lieblingsthemen, gedankliches Niveau und der Geduld, auch komplizierte Zusammenhänge zu erkennen. Dieser Mensch machte neugierig. Er war über die Enttarnung seiner konkreten Person, auch aus anderen seiner Internetplätze ( Facebook ) völlig ahnungslos, als wir uns zum ersten Mal persönlich trafen. Aber die Offenheit und Klarheit, die damals eine Vertrauensbasis schaffen sollten, wurden völlig missverstanden. Er sorgte sich wohl um sein persönliches Umfeld, das auf keinen Fall etwas über seine Rollenspiele erfahren sollte. Der Kontakt brach ganz schnell und ganz ab. Schade. Jeder, der mich besser kennt, weiß, dass ich weder hinterhältig noch rachsüchtig bin. Doch das folgende Schweigen, die damit nutzlos verschwendete Zeit und die damit verbundenen Chancen, holt niemand zurück. Trotzdem bin ich keineswegs verärgert und vestehe den Hintergrund auch mittlerweile besser. Einen nicht beabsichtigten Fehler aus Unwissenheit kann man eigentlich Niemand übelnehmen. Doch hier hatte es Folgen und eine Wirkung, deren Auslösung überhaupt nicht beabsichtigt war.

Doch in den arabischen Erzählungen von „1001 Nacht“ heißt es: „Die Wahrheit liegt nicht in einem einzigen Traum. Die Wahrheit liegt in vielen Träumen.“ So ist es.