Die Bude an der Königsbrücke

14.9.2020. Hinter dem Elternhaus lag die Königsbrücke. Sie führte in vierzig Metern Höhe direkt über die Bahngleise nach Holland. Hinter der Brücke war ein kleiner Verkaufskiosk. Alle nannten ihn die „Bude“. Dort gab es Zeitungen und Süßigkeiten. Die bunten Comic-Hefte mit den Abenteuern von Donald Duck und anderen wurden unter den Nachbarkindern ausgetauscht. Beliebt war „Sigurd“, ein mittelalterlicher Ritter. Eine Felsenburg aus seiner Zeit gab es tatsächlich im nahen Bad Bentheim. Dort konnte man auf den dicken Mauern herumklettern. Nachts gab es oft Träume über Spektakel in dieser längst vergessenen Zeit. Zehn Jahre später wurde sie zu einem Lieblingsthema, aber dann erweitert durch historische Bücher und Illustrationen. Das Fundament wurde immer breiter, aber die Zahl der Begleiter blieb dabei gering. Sie hatten ihre eigenen Themen. Aber diese siebenhundertjährige Epoche zwischen 800 und 1500 n. Chr. war nicht so dunkel und unwisend, wie später immer wieder behauptet wurde. Literatur, Malerei und vor Allem die riesigen Kirchen, die Kathedralen steckten voller Geheimnisse, die sch nur langsam entschlüsseln ließen.

Seitdem ist das Stichwort „Symbolik“ immer interessanter geworden. Das ist eine uralte Bildersprache, noch vor dem Beginn schriftlicher Sprach-Texte. So las man die ägyptischen Hieroglyphen der Pharaonenzeit, die erst nach zweitausend Jahren genau gedeutet werden konnten. Die dreieckigen Pyramidenwände umschlossen nicht nur die Körper gestorbener Könige, sondern zeigten mit der Spitze zum Himmel, wo nachts mit seinem Prunkwagen der Herrscher immer noch unterwegs war. In den Kathedralen wie dem Kölner Dom, der immer noch eine eigene Bauhütte hat, sollte jedes Detail ein Abbild des Paradieses sein: Die Wandverzierungen, Erker, Stützbögen, kreisförmigen Stein-Rosetten. Die farbigen Glasbilder aus kleinen Mosaiksteinen konzentrierten sich im Osten, wo das frühe Morgenlicht zuerst auftauchte. Dort stand auch der Altar. Hinter ihm, in einem goldenen Strahlenkranz, sah man, in einem magischen Dreieck, das weit geöffnete, wachsame Auge Gottes, der auch im Schatten Alles sieht, die guten und die schlechten Taten. Die Welt der Symbolik nannte der Schweizer C.G. Jung: „Archetypen“, Urbilder aus dem gemeinsamen Gedächtnis der ersten Menschen. Jung suchte die Archetypen beruflich bei seinen Besuchern, um dort Störungen zu erkennen und zu heilen. In großen Musikdramen verstecken sich Symbole in der Handlung, den Schauplätzen, den Texten und der Klangsprache. Nur wer sie im Zusammenhang versteht, kann sie auch richtig umsetzen für Zuschauer.

Die kleine Bude an der Königsbrücke ersetzte viele fehlende Einkaufsmöglichkeiten im einseitigen Wohnviertel, für den Alltagsbedarf. Nur einmal war sie vorübergehend geschlossen. Der Besitzer hatte versucht, einen Lagerkeller allein auszuschachten. Dabei stürzte das Holzgebäude ab. Er wurde verletzt, aber nicht schwer. 1970 gab er aus Altersgründen auf. Ein Nachfolger kam nicht. Dafür blieb ein leerer Fleck, der aber in der Erinnerung noch sehr lebendig ist. Denn damit endete zufällig auch die Schulzeit, und andere Städte wurden zum Lebensmittelpunkt. Oft gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt eine Vertiefung der Kenntnisse.

Zurück zu den Wurzeln ! Das ist ein guter Rat, wenn er nicht missverstanden wird für verklärte, weltfremde Nostalgie und unerfüllbare Sehnsüchte.

„Wir stehen auf den Schultern von Riesen, die vor uns waren.“ Das sagte der Physiker Albert Einstein und erforschte ganz unbekannte neue Theorien, die sch gewinnbringend und mächtig viel später auswirkten und eine ungeheuere praktische Wirkung erzeugten. Genau dieses Denken sollte sich immer mehr verbreiten.

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