Die fünfte Dimension

8.2.2016. Die Geometrie kennt dreidmensionale Kategorien: Länge, Breite, Höhe gehören zu den nachprüfbaren Regeln. Doch da ist noch mehr. Albert Einstein entdeckte Abweichungen und Regelverstöße.Er fand eine neue Welt, die er Kosmologie nannte und keine festen Grenzen mehr hat, unsichtbar ist und sich nur durch ihre Wirkungen nachweisen lässt. Das ist die vierte Dimension. Einsteins Relativitätstheorie zertrümmerte das vorherige Weltbild, weil er Phänomene wie Masse, Energie und Geschwindigkeit nicht als starre Einzelformen einschätzte, sondern  als veränderliche Varianten, die abhängig voneinander sind.

Die fünfte Dimension ist ein Geheimnis: Die Magie. In den elektronischen Datenfluten vermehren sich Belanglosigkeiten rasend schnell. Wertvolle Informationen gehen dabei unter. Das Massenbewusstsein verflacht und wird  manipulierbar. Wer sich ständig passiv berieseln lässt, wird gedankenfaul und leichter beherrschbar. Wie anders klingt der folgende Satz: „Uns sind aus alten Zeiten Wunder viel gesagt…“ So beginnt das mittelalterliche Nibelungenlied, in dem ein bis heute unbekannter Autor in Passau verschiedene starke Sagenstoffe seiner Zeit miteinander verschmolzen hat  zu einem grandiosen Panorama mytholgischer und symbolistischer Bilderpracht.

Verfallend, zerrinnend, sich wandelnd und erneuernd – das ist ein unveränderliches Weltprinzip. Es lässt sich wissenschaftlich durchleuchten, dochoffen bleibt die Frage: „Warum?“ Wer hat diesen Bauplan entworfen? Die großen Weltreligionen geben darauf Antworten. Aber es bleibt trotzdem ein Geheimnis. Gestern. Vorgestern. Schon vorbei? Die Vergangenheit fängt gerade erst an, weil sie die Quelle für Alles in der Gegenwart ist. In der Reflektion, in der Aufarbeitung früherer Bilder und Erahrungen, im Verständnis der Ursachen vergangener Fehler werden Impulse lebendig, die in die Zukunft zeigen und alles Bisherige verändern.

Die klassische Physik wird übetroffen von der Metaphysik. Das ist die gedankliche Überschreitung der materiellen Realität, die Transendenz. Philosophie. Mystik. Das Hintergrundrauschen im Weltall ist für den Menschen nicht hörbar, aber durch astronomische Messinstrumente nachweisbar. Wahrnehmbar ist es auch im Alltag, aber in ganz anderer Form, wenn eine Wirkung entsteht, deren Ursache nicht sofort erkennbar ist, aber sich durch logische Rückschlüsse nachweisen lässt. Die Welt des Unsichtbaren ist keine zusammenphantasierte Einbildung, sondern steckt voller Leben, wie derelektrische Strom, die lichtlose Tiefe der Ozeane und die Computerspeicher, deren Geheimnisse im Internet immer klarer sichtbar werden.

Und es gibt noch eine sechste Dimension: Die Musik, die ebenfalls unsichtbar ist und nur an ihren Wirkungen erkennbar: Ein Spiegel der Psyche und der Emotionen.

Mit der unvergessenen Sängerin Martha Mödl hatte ich vor sechzehn Jahren zwei gute Gespräche, ein Jahr vor ihremTod im Jahr 2001. Schon dreißig Jahre vorher begleitete mich ihre eindringliche  Aufnahme von Beethovens „Fidelio“, in der ein dramatischer Höhepunkt folgender Text ist:

„Abscheulicher! Wo eilst du hin? …
So leuchtet mir ein Farbenbogen,
der hell auf dunkeln Wolken ruht:
der blickt so still, so friedlich nieder,
der spiegelt alte Zeiten wider.
Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern
der Müden nicht erbleichen!
O komm, erhell mein Ziel, sei’s noch so fern,
die Liebe wird’s erreichen.“
Martha Mödl singt, „Abscheulicher, wo  eilst du hin?“

https://www.youtube.com/watch?v=M4Uj7lMtTIE

Außer Dramatik gibt es im „Fidelio“ auch ein paar wunderbare Augenblicke des Innehaltens, der Meditation. Leonard Bernstein dirigiert: „Mir ist so wunderbar“ :

https://www.youtube.com/watch?v=A9l1wKCv9nE

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