Die Goldene Brücke zwischen den Welten.

13.11.2015. Der renommierte Shakespeare-Regisseur Kenneth Branagh zeigte im Mai 2011 ein neues Kino-Meisterwerk: „Thor“, frei gestaltet nach Motiven aus der germanischen Mythologie. Dort bestand die Verbindung zwischen der Erde und der Götterburg Asgard aus einer Goldenen Brücke. Mit einer Spezialbrille konnte man das Wunderwerk dreidimensional bestaunen. Diese 3D-Technik wird allzu oft für banale Knalleffekte verwendet, und Branagh hat in seinem letzten Film völlig darauf verzichtet. Doch in seiner Verfilmung der alten isländischen Sage von Odin und seinen Weggefährten wurde die symbolische Wirkung in faszinierender Weise gesteigert. Denn über der materiellen, irdischen Dimension wirken die ewigen, göttlichen  Gesetze des Universums.

Die mittelalterlichen Tempelritter existierten tatsächlich und fanden auf einem Kreuzzug nach Jerusalem (wie man in alten Sagen liest) dort unter dem Tempelberg  den Kelch, der das Blut des gekreuzigten Christus auffing. Man nennt ihn auch den Gralskelch, der in Wolfram von Eschenbachs Ritter-Epos „Parzival“ der Mittelpunkt im feierlichen Ritual  der Tempelritter ist. Das Licht des Grals entspricht der höchsten Stufen der menschlichen Erkenntnis – der Erleuchtung. Wie beim christlichen Abendmahl bedeutet er die Verwandlung (Eucharistie) des Heiligen Bluts in den roten Messwein der katholischen Kirche. Aus dem irdischen Wein wird  die Verbindung zur  Trinitas, des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Vater bedeutet die Allvater, den Herrscher des Universums, Sohn ist Christus, die Verkörperung Gottes auf der menschlichen, irdischen, materiellen Ebene und Geist ist die kosmische Energie, die alles Leben schafft.

Die unermesslich reichen, historischen Tempelritter hatten das Pech, dass sie dem gegenüber im Pariser Louvre residierenden König Philipp dem Schönen, einem oberflächlichen, habgierigen Schönling, ihre Schätze zeigte. Daraufhin ließ er seine Justizbeamten absurde, aber schwerwiegende Anklagepunkte gegen sie zusammentragen, von der Ketzerei, dem Glaubensverrat, bis zur Sodomie, also dem sexuellen Verkehr zwischen Männern.

Am Freitag, dem 13. Oktober 1307, schlug die geballte Staatsmacht zu und verhaftete in ganz Europa alle Templer, die man finden konnten. Geständnisse wurden durch Folter erzwungen, und der Großmeister Jacques de Molay zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, direkt vor der Pariser Kathedrale Notre Dame. Im Angesicht des Todes widerrief er sein erzwungenes Geständnis und wurde auf Befehl des Königs, der aus einem Fenster zuschaute, lebendig verbrannt.

Auch heute ist Freitag, der 13., seit der Verhaftung der Templer als  Unglückstag. verrufen. Um 12.00 Uhr mittags habe ich diesen Artikel begonnen. Nicht absichtlich. Es ergab sich einfach so. Am Mittag um 12.00 Uhr erreicht die Sonne ihren höchsten Stand und strahlt das hellste Licht auf die Erde. Am Karfreitag stirbt der gekreuzte Christus, steht aber am Ostersonntag wieder auf.

Das ist das zentrale Motiv des letzten Aktes von Richard Wagners Schlusswerk „Parsifal“. Nach vielen Kämpfen und Kriegen kehrt der erschöpfte Ritter in den heiligen Gralswald zurück und wird zur Mittagsstande vom alten Ritter Gurnemanz zum Gralskönig gekrönt, der den Tempel und den Gralskelch verwaltet.

Wagner fand dazu eine überirdische, hymnische Musik, den „Karfreitagszauber“. Zitat aus dem Text:

Gurnemanz: Mittag ! Die Stunde ist nah. Gestatte Herr, dass dein Knecht dich geleite. Dann spielt das Riesenorchester die Melodie der Erleuchtung:

Eugen Jochum dirigiert den „Karfreitagszauber“:

https://www.youtube.com/watch?v=9k7bRxKDjJA

Ein anderes  Mysterium, diesmal  aus der griechischen Antike, ist das uralte Orakel von Delphi. Die Tempelpriesterin sitzt dabei auf einem Stein. Ringsum strömen aromatische Düfte aus dem Erdboden, und sie beginnt die Zukunft vorauszusagen.

So etwas nennt man heute Prognose. Die tägliche Wettervorhersage ist reine Spekulation, denn die vielen Elemente, die das Wetter bilden, ändern sich laufend, unabhängig voneinander: Temperatur, Luftrichtung- und Geschwindigkeit, Beschaffenheit des Erdbodens (Flachland oder Gebirge). Sichere Voraussagen des Wetters wird es nie geben.

Eine echte Prognose setzt ganz einfach Fakten zusammen, berechnet ihren bisherigen und zukünftigen Verlauf. Das geht mit Computerprogrammen, zum Beispiel sind Wahlergebnisse schon kurz nach Schließung der Wahllokale möglich, wenn statistische Methoden der Hochrechnung angewendet werden.

Die Tempelpriesterin in Delphi hatte solche Möglichkeiten längst noch nicht. Sie verfügte über eine magische Energie und spürte zum Beispiel bevorstehende Kriege, so wie kleine Tiere ein kommendes Erdbeben spüren und flüchten, noch bevor die empfindlichen Messgeräte der wissenschaftlichen Seismographen sie erkennen.

Damals reisten die Menschen in Scharen nach Delphi, um dort Antworten auf Ungewissheiten der Zukunft zu bekommen. Niemand hätte es gewagt, der Priesterin zu nahe zu treten, sie  zu zwingen oder ihr zu drohen.  Denn dann wäre sie verstummt.

Von ähnlicher Wucht ist der Untergang des Göttervaters Wotan. Er schneidet einen Ast von der heiligen Weltesche und benutzt ihn als Speer, als Zeichen seiner Macht. Damit beginnt sein langsamer, unaufhaltsamer Untergang. Er war nur ein irdischer Gott und vergaß die Gesetze des Universums, die zeitlos gültig sind, zum Beispiel die Zehn Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfing. Wer gegen sie verstößt, hat schon von vornherein verloren, auch wenn er sich eigene Gesetze schafft, die nicht mehr wert sind als ein Haufen Müll.

So geht es allen Gesetzesbrechern, nicht nur den bereits verhafteten FIFA-Spitzenfunktionären, die sich viele Jahre lang die eigenen Taschen vollgestopft haben.

Im Schlussgesang der „Götterdämmerung“ hält Wotanstochter Brünnhilde eine flammende Anklagerede, die Burg des Göttervaters mit all seinen Helfershelfern geht in Flammen auf, und der „Goldene Ring“, der als Machtsymbol missbraucht wurde, versinkt in den Fluten des Rheins, im Urelement Wasser, aus dem alle Lebewesen entstanden.

Zitat aus der von monumentaler Musik begleiteten Anklageschrift, mit der Bitte an die Macht des Univsersums:

„O ihr, der Eide  ewige Hüter, senkt euren Blick auf mein blühendes Leid. Erschaut eure ewige Schuld.“ Regieanweisung des Komponisten: „Durch die Wolkenschicht,  welche sich am Horizont gelagert, bricht ein rötlicher Glutschein mit wachsender Helligkeit aus.  Von dieser Helligkeit beleuchtet, sieht man die drei Rheintöchter auf den ruhigeren Wellen des allmählich wieder in sein Bett zurückgetretenen Rheines, lustig mit dem Ringe spielend, im Reigen  schwimmen. Aus den Trümmern der zusammengestürzten Halle sehen die Männer und Frauen in höchster Ergriffenheit dem wachsenden Feuerschein am Himmel zu. Als dieser endlich in lichtester  Helligkeit leuchtet, erblickt man darin den Saal Walhalls, in welchem die Götter und Helden, ganz nach der Schilderung Waltrautes im ersten Aufzuge, versammelt sitzen. Helle Flammen scheinen in dem Saal der Götter aufzuschlagen. Als die Götter von den Flammen gänzlich verhüllt sind,  fällt der Vorhang.“

Die unvergessene Martha Mödl singt „Starke Scheite schichtet mir dort“:

https://www.youtube.com/watch?v=E1Buqo7H6KU.