Die grüne Salatgurke

13.8.2020. Als im November 1989 die Berliner Mauer geöffnet wurde, sah man viele glückliche Gesichter. Zum letzten Mal gab es eine lange Warteschlange, für die Autos in Richtung Westen. Das Volk hatte die überrschende Entscheidung seiner Regierung einstimmig angenommen. Unterweg wurde applaudiert und gewinkt. Das pauschale Begrüßungsgeld bekam Jeder bar auf die Tatze und konnte sich dafür kaufen, was es vorher nicht gab: Auch Südfrüchte. Den Spass verdarb nur die alberne Satirezeitschrift „Pardon“. Auf ihrer Titelseite zeigte sie eine blonde Frau mit typischer DDR-Löckchenfrisur. Sie hielt eine große grüne Salatgurke in der Hand. Sie hieß Gaby, wurde aber mit einem Spottnamen verunglimpft. Denn neben ihrem Gesicht las man in einer großen Sprechblase: „Zonen-Gaby – Meine erste Banane.“

Zeit zum Lachen hatte fast Niemand, denn es gab genug wichtigere Arbeit. Die Ostberliner Volkskammer beschloss die bedingungslose Vereinigung mit der Bundesrepublik. Zum letzten Mal trat dort der gefürchtete Minister für „Staatsicherheit“ auf, Erich Mielke. Er war es nicht gewohnt, dass seine Ansprachen durch Zwischenrufe gestört wurden. Eine Filmaufzeichnung zeigt ihn, als er ruft: „Aber ich liebe doch .. Alle… alle Menschen.“ Aufgezeichnet wurde zwar das anschließende Gelächter der Abgeordneten, aber es war nicht sehr lang und nicht sehr laut. Jeder musste schließlich an seine eigene Zukunft denken. So wie vorher auch. Das widerspruchslos regierte Volk holte aber zum zweiten Schlag aus. Mielkes Stasi-Ministerium in der Normannenstraße wurde gestürmt. Niemand leistete Widerstand. Ziel waren die Stasi-Akten. Dort war genauestens dokumentiert, welche kritischen Köpfe jahrzehntelang von Nachbarn, Freunden und Familienangehörigen heimlich ausspioniert und verraten worden waren. Vor Mielkes schmucklosem Schreibtisch aus einfachem Holz stand ein kopfschüttelnder Mann und sagte, „Wir sind jahrelang von Spießern regiert worden.“

Eine Rache-Justiz gab es nicht. Der steinalte SED-Parteichef Erich Honecker durfte mit seiner Frau Margot ins sichere Exil nach Chile auswandern. Im Flugzeug sollte er ein Fernsehinterview geben, wurde dabei immer wieder von Margot unterbrochen. Sie sagte, „Hätte man uns noch sieben Jahre Zeit gegeben, wären wir das stärkste Land in Europa geworden.“ „Werden Sie jemals wieder in die Bundesrepublik zurückkehren?“ „Erst dann, wenn das ein demokratischer Rechtsstaat ist.“

Über dreißig Jahre später ist überall Normalität eingekehrt. Den östlichen Dialekt erkennt man sofort, weil er sich auch in München ausgebreitet hat. Das Sächsische ist dem Thüringischen sehr ähnlich, aber nicht identisch. Thüringen ist das direkte Nachbarland von Bayern. Ganz oben im Norden war die Stadt Hof seit 1949 der letzte freie Ort, vor der abgeriegelten und scharf bewachten DDR-Grenze. Vor einem Jahrzehnt war ich zum ersten Mal in Weimar und auf der Wartburg bei Eisenach. In München reden die Thüringer gern von alten Zeiten. Natürlich war Niemand Mitglied in der strengen Einheitspartei. Keiner fand Alles schlecht. Für diese Zufriedenheit muss es Gründe geben, aber der alte Käse ist gegessen. Die Leute sind offen und direkt, man spart sich dabei alle dummen Wichtigtuereien und Besserwissereien. Aber manchmal sagen die alten Verwandten dann gar nichts mehr, lassen sich auch kein Bier mehr ausgeben oder gehen sofort weg. Manche Schatten sind länger als die abgehakten Erinnerungen. Die vom Staat gefeierte DDR-Autorin Christa Wolf schrieb: „Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie hat noch nicht einmal begonnen.“

Was macht ganze Staaten so gehorsam? Man sieht es auf Großveranstaltungen. Beim Fußball. Bei Rock-Konzerten. Bei der Freizeitgestaltung in Vereinen. Mit einer gemeinsamen Idee beginnt es. Dann muss ein Veranstalter die Abläufe organisieren. Ist er erfolgreich, steigert sich auch seine zukünftige Erfolgskurve. Das geht zwar auch mit Zwang. Aber Diktaturen haben oft ein schlechtes Betriebsklima. Besser funktioniert eine schleichende Unterwanderung. Die beginnt mit einer gründlichen Datensammlung, manchmal auch mit verbotenen Methoden. Wissen ist Macht. Das klappt aber nicht immer. Weil das Wissen nicht nur einer Minderheit zugänglich ist. Bei jeder Aktion gibt es übereifrige Angeber und Mitwisser. Wenn ein wichtiges Geheimnis auch nur zwei Personen bekannt ist, kann es sich ungebremst, unendlich vermehren. Vor vielen Jahren hat ein Kollege einem zweiten Mitarbeiter lustige Mails geschickt, aber auf dem Absendeknopf irrtümlich „An Alle“ getippt. Die Botschaften landeten in der ganzen Firma, wer dann auf „Antworten“ tippte, bekam Kommentare vom gleichen Empfängerkreis.

Von einem anspruchsvollen Musikfreund erfuhr ich in einer Konzertpause, dass er Spendensammler für einen Wohltätigkeitsverein zur Unterstützung armer Mitmenschen war. Das Geld wurde noch von einer zweiten Person verwaltet und kontrolliert. Er lachte zufrieden darüber, dass allein für die Verwaltung dreißig Prozent der Einnahmen ohne Kassenbeleg abgezogen wurden. Zwei Wochen später schickte er mir irrtümlich ein Mail mit Hasskommentaren gegen die katholische Kirche. Danach war die Geschichte beendet. Ein Bekannter weniger, von solchen Leuten, die keinen Staat brauchen, um andere auszurauben. Man kann sie erkennen. An ihrer übertriebenen Dauer-Freundlichkeit. An auffälliger Kleidung. Vor allem an den Worten, die ihnen aus dem Maul fallen. Und an ihren Taten.

Sigmund Freud schrieb „Massenhysterie und Ich-Analyse“. Er nannte die bereits erwähnten Missgeburten von blindem Massen-Gehorsam und entdeckte ihre Ursache in gestörten Einzelpersönlichkeiten. Auch betonte er immer wieder, dass die berufliche Zulassung eines Analytikers eine unverzichtbare Voraussetzung habe: Eine Selbst-Analyse. Viele seiner Kollegen, auch aus den benachbarten Mode-Berufen, wissen das offensichtlich nicht. Die haarsträubenden Ergebnisse solcher Wisssenslücken sind weitgehend unbekannt.

Gute Musik wird auch in schlechten Zeiten gespielt. Wenn in London die sommerliche Konzertsaison endet, trifft sich das Publikum noch einmal in lockerer Atmosphäre in der Royal Albert Hall. Nationalflaggen werden geschwenkt, und es darf geschunkelt werden. Noch mehr Begeisterung darf ein Staat nicht erwarten. Denn alle singen mit, wenn das große Ochester im Finale die „Zweite Nationalhymne“ spielt: „Land of Hope and Glory“ :

https://www.youtube.com/watch?v=vpEWpK_Dl7M

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