Die Zerstörung der fehlerlosen Kristallkugel

3.9.2020. Kristallglas wird für die Herstellung hochwertiger Spiegel verwendet. Im Material soll es keine Unreinheiten, Ablagerungen oder Risse geben. Eine Kristall-Kugel musste auch so sein. Sie spielte oft in alten Zaubergeschichten eine Hauptrolle. Wenn der Besitzer hineinschaute, konnte er in alle weit entfernten Wunsch-Orte hineinschauen. So wie in einen modernen Fernseher. Aber mehr noch: Er konnte sich auch beliebige Plätze in dem Zusttand ansehen, wie sie in ferner Zukunft aussehen. In Wirklichkeit ist das ncht möglich, aber in dem Filmklassiker „Die Zeitmaschine“ konnte der Erfinder sich in einen Stuhl setzen und landete persönlich, vollständig in einer vorher ausgewählten Wunsch-Epoche der Vergangenheit oder Zukunft.

Der Farbfilm „Zeitmschine“ von 1960 hatte noch überhaupt keine Möglichkeiten für blitzschnelle Computertricks, aber das erledigte damals der Spezialist Ray Harryhausen. Er verwendete folgende Technik: Bei jeder Zauberei wurden mühsam nur Einzelaufnahmen gefilmt und später nacheinander wieder zusammengeklebt. Wenn diese Bilder auf einem Projektor rasch abgespielt wurden, bewegten sie sich. Die Märchen-Effekte hatten keine Grenzen mehr und waren damals in anderen spannenden Science-Fiction-Filmen auch ein großer Publikumserfolg.

Was man früher in der allwissenden Kristallkugel sah, fand beim Zuschauen statt, ohne jede Bewegung des Zaberkastens. Aber die neue „Zeitmaschine“ war schon viel schneller. Man brauchte keine Kristallkugeln mehr. Wenn ein modernes Flugzeug mit Überschallgeschwindigkeit fliegt, hat es sogar noch mehr Tempo als ein hörbares akustische Signal, bis es am Ziel ist. Dazu gibt es in der Luft beim Rekord einen lauten Knall. Es ist nicht der astronomische Urknall, bei dem unser Planetensystem aus dem Nichts entstand, der war noch lauter. Und Rekord-Flugzeuge baut man heute kaum noch, weil die Kosten extrem hoch sind. Weder der Zeitgewinn noch der Wert der transportierten Frachtstücke sind eine glaubwürdige Begründung. Darum fliegen auch keine Menschen mehr in Weltraum-Raketen durch den luftleeren Sternenhimmel. Das war mal ein Lieblingsthema für Science-Fiction-Bücher. Science bedeutet Wissenschaft, und Fiction ist eine Erfindung der Phantasie. Kommt Beides zusammen, kann das Ergebnis sehr spannend und unterhaltsam sein. Allerdings ist die früher verwendete primitive Technik für derartige Raumschiffe ein Überrest von vorgestern, und das Thema der Weltraum-Abenteuer ist geräuschlos eingeschlafen.

Allerdings nicht ganz. Steven Spielberg hat 1977 einen zeitlosen Kino-Klassiker und Volltreffer gelandett. „Unheimliiche Begegnung der dritten Art“. Die Kurzfassung der Handlung: In Mexiko, Indien und den USA passieren rätselhafte Vorfälle. Schließlich stellt sich heraus, dass Außerirdische einen Besuch des Planeten Erde planen. Sie sind friedlich. Kleine Wesen mit langen, dünnen Armen. Bald nehmen sie wieder Abschied, diesmal begleitet vom bisherigen Helden Roy Neary (Richard Dreyfuss).

Auf den ersten Blick sind die aufwändigen Szenen und Landschaften sehr realistisch, wie in einem Dokumentarfilm mit Panorama-Weitblick. Aber Spielberg zieht virtuos auch alle Register der damaligen Trickeffekte, die bei ihm nicht künstlich wirken, sondern als bruchlose Einheit zwischen Natur und Technik. Eigentlich zwei Gegensätze.

Viele begeisterte Kritiker fanden sogar eine dritte Ebene: Hinweise auf die frühesten biblischen Ereignisse. Der Film beginnt mit einer bilderlosen Schwarzblende. Das schwarze Nichts vor dem Urknall. Nach zehn Sekunden ändert sich das. Der Zuschauer liest das Zitat: „Und es werde Licht.“ So beginnt die biblische Schöpfunggeschichte (Genesis), die Erschaffung der Welt und ihre Fortentwicklung. Die Steigerung des Wissens, der Kentnisse und Erfahrungen.Der Filmheld Roy Neary wird außerdem erleuchtet, er bekommt anschließend Kenntnisse und Informationen, die er in seinem vorherigen Alltagsleben nie wahrgenommen hat. Es ist die Verwandlung seines ganzen Denkens, wie die bibische Erzählung von Saulus und Paulus. Saulus war ein fanatischer römischer Christenfeind und verfolgte seine Opfer gewaltsam, mit aller Kraft. Bei Damaskus wurde er von einem blendenden Lichtstrahl getroffen und stürzte von seinem Pferd. Christus selbst zeigt sich und spricht mit ihm. Danach erkennt er seine neue Aufgabe. Er nennt sich Paulus, verbreitet die chistliche Lehre als Apostel und gründet neue Gemeinden.

Die völlige Umkehr, die Abwendung von seinem vorherigen Leben als Zerstörer Saulus hat der Maler Jan Breughel vor vierhundert Jahren in einem Ölbild fesgehalten. Erstaunlicherweise siehte man darauf eine vielköpfige Menschenmenge, doch die Hauptperson Paulus entdeckt man erst nach längerem Hinschauen. Ewa in der Bildmitte ist ein Pferd, das seinen Reiter abgeworfen hat. Ein par Soldaten, seine Begleiter, schauen nur zu. Im Vordergrund sind ganz andere, unwichtige Reiter sehr groß abgebildet. Noch größer sind die trockenen Felsenberge im Hintergrund, getrennt von einem engen Ausblick auf das Meer.

Das Bild heißt „Die Bekehrung Pauli – 1567“. Die Jahreszahl ist das Entstehungsjahr des Meisterwerks. Der Vorfall der Bekehrung und Erleuchtung bei Damaskus hat sich bereits im Jahr 33 n. Chr. abgespielt, also etwa zwei Jahre nach dem Tod von Christus.

In meinem eigenen farbigen Wandkalender sieht man zur Zeit eine gute Reproduktion. Als ich vorgestern den aktuellen Monat September neu aufschlug, war das Breughel-Bild wieder da. Eine Erinnerung an das Kunsthistorische Museum in Wien. Dort habe ich das Original gesehen. Anschließend bekam ich den großformatigen Jahreskalender als privates Geschenk. Er zeigt überhaupt keine Wochentage an und keine Jahreszahlen. Also ein „ewiger Kalender“, den man nur umklappt, um diezwölf illustrierten Monate zu sehen. Jahr für Jahr.

Seit 2005. Das war mein letzter Besuch in Wien. Auf das Geschenk mit den Breughel-Bildern habe ich damals im Café „Raimund“ gewartet. Auf der Speisekarte war der Text von Ferdinand Raimunds herbstlich melancholischem „Hobellied“. Der Text: „Da streiten sich die Leute herum, wohl um den Wert des Glücks. Der Eine heisst den Andern dumm. Am Ende weiss keiner Nix. Da ist der allerärmste Mann dem andern viel zu reich. Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich.“

Unnachahmlich sang das Marlene Dietrich 1952 :

https://www.youtube.com/watch?v=hxN-YqguUR8

„Die Zerstörung der fehlerlosen Kristallkugel“. Die Überschrift dieses Artikels ist noch ncht vollständig erklärt. Kristallkugeln auf der Tischplatte zeigen keine ernsthaften Zukunftsprognosen, und sie bewegen sich auch nicht mit Überschallgeschwindigkeit. Man kann das Metrial zerstören, auch wenn es keine Risse, Unreinheiten oder andere Fehler hat. Man braucht keine Zukunftsprognosen aus der Phantasie. Diese Zukunft hat ein ganz aderes Instrument, ein anderer Bereich: Die Logistik. Das ist der weltweite Transport von Lieferungen, mit vorher genau geplantem Erledigungsdatum und größt möglicher Geschwindigkeit. Also auch ein Blick in die Zkunft unserer Welt.

Die Lgistik war einmal sehr kompliziert, lässt sich aber ohne Filmtricks bechleunigen. Es ist das große Geschäft der Zukunft. Wer im Internet bestellt, braucht einen Lieferdienst, möglichst bis vor die Wohnungstür. Die großen Kaufhäuser der Vergangenheit haben Existenzschwierigkeiten, weil immer weniger Kunden die ständigen Anfahrtkosten und den Zeitaufwand vor den Regalen und Kassen suchen. Das Gleiche gilt für smtliche anderen Geschäfte, bei denen Waren bewegt werden. Auf dem Wochenmarkt. Beim Pizzaservice. Reisebuchungen und deren Erledigung bis zur Rückkehr. Die Liste kann noch lange erweitert werden, weil erhaltenswerte Traditionen eine eigene Bremswirkung haben. Zuwächse gibt es dafür an Freizeit, und andere Gestaltungsmöglichkeiten sind stärker und nützlicher. Auch da ist noch viel Neuland zu entdecken.

Die Logistik war vor dreißig Jahren das erste große Problem, das noch Keiner perfekt in den Griff bekam. Als Neuling sollte ich die Fahrpläne für sämtliche Firmen-Autos in einer Großstadt organisieren. Als Werkzeug war nur eine alte Rechenmaschine da und ein wachsender Stapel von unerledigten Aufträgen. Doch fast zeitgleich trafen die ersten Computer ein, mit denen damals nur Wenige etwas anfangen konnten. Doch aus vielen Presseberichten wusste ich immerhin, was diese Wundergeräte schon alles konnten. Der zweite Glücksfall war ein Kollege, der privat an seinen eigenen Computerprogrammen herumbastelte. Und es gab noch einen erfahrenen Experten: Einen Eahrer, der wegen gesundheitlicher Grenzen Frührentner mit einem geringeren Einkommen werden sollte. Sein privates Hobby war das Eintippen von Daten, wie beim Ausfüllen eines Kreuzworträtsels.

Und dann ging es los. Aufgrund früherer Einsätze wusste ich, wie man eine Überfülle von Informationen nach Wichtigkeit auswählt, ordnet und Arbeitsabläufe überschaubar macht. Das dafür massgeschneiderte erste Computerprogramm – bundesweit – bastelte der erste Kollege. Die gewaltige Menge an Daten tippte unermüdlich der zweite Mitarbeiter ein.

Nach drei Monaten lief das- immer wieder auch selbst überprüfte – System fehlerfrei. Die Fahrdienstleiter waren begeistert, und es gab kaum noch ernsthafte Beschwerden. Die Idee wurde bundesweit beaknnt gemacht. Die zustimmenden Mails hat man mir zugeschickt. Tonfall: Endlich mal eine praktische Verbesserung. Gebremst hatte trotzdem mein Chef. Doch es gab eine Schlussbesprechung mit der Firmenleitung. Dabei wurde ihm offen gesagt, dass es seine Sache gewesen wäre, das ganze, seit Jahrzehnten bekannte Problem zu lösen. Seine weitere Karriere hat das zu spüren bekommen. Als sein Arbeitsplatz noch höher bewertet wurde, übernahm ein anderer Bewerber seinen Posten.

Ich war nur fünfzehn Monate in dieser Abteilung. Die Folgejahre brachten ganz andere Eindrücke und Erfahrungen. „Das ist Schnee von gestern,“ sagt man nicht nur zum Frühlingsanfang. Mit einem engen Tunnelblick sieht man nur Bruchstücke, Fragmente. Das Gesamtbild, der Rückblick, hat noch ganz andere Farben. Manche kann man endgültig abhaken. Andere Erfahrungen werden immer leuchtender, durchsichtiger. So wie das Breughel-Bild von Paulus gemeint, der Fehler machte, weil er so erzogen und aufgewachsen war, dabei ahnungslos blieb und erst durch einen Lichtstrahl erleuchtet wurde. Das ist die höchste Stufe der Erkenntnis: Die Wahrnehmung der Zeichen Gottes, die für den Menschen erkennbar sind.

Russisch-orthodoxe Chöre sind eine Welt für sich, die aber nicht einmal eine Übersetzung braucht man dafür, vor allem nicht in den Gebäuden, die man hier sehen kann:

https://www.youtube.com/watch?v=6GvNzfKm0pc

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