Die Schalen des Zorns

15.10.2020. Eine neue Welt braucht eigentlich auch eine neue Energie. Aber das ist nicht so. Was die Welt antreibt, sind ganz alte Kräfte, die überhaupt nichts von ihren Fähigkeiten verloren haben. Und es wurde hier schon oft erklärt, wer diese Kräfte sind. Sie ergeben sich aus dem Dekalog, den zehn Gesprächen mit Gott über seine Weltordnung, die Zehn Gebote. Jeder kennt sie, aber Viele kümmern sich nicht darum. Deshalb sind die Früchte des Zorns langsam gereift. Die Schalen des Zorn Gottes über die verdorbene Welt werden aber nur dann überfließen, wenn nicht endlich die Einsicht stärker wird, dass man sie beachten muss, weil sonst universale, kosmische Strafen drohen, die zwar in zahllosen Gesetzbüchern schriftlich fixiert sind, oft in einer absichtlich, schwer verständlichen Experten-Sprache. Aber sie wirken, auch ohne Schriftform, immer.

Vor der letzten Entscheidung, dem Jüngsten Gericht, findet die Weinlese statt und die Ernte. Im Weinberg des Herrn gibt es gute und schlechte Früchte, Sie werden geprüft, gewogen, und dann folgt die Ernte. Die Sünder landen im tiefen Abgrund, der Hölle. Die Gerechten steigen auf in das Paradies und leben an der Seite Gottes, der eine ganz neue Welt schafft: „Seht, ich mache Alles neu.“ Es wird also auch eine neue Weltordnung geben. Aber auf dem Fundament der alten. die sich mit den Geboten bewährt hat. Aus Vergangenheit und Gegenwart entsteht die Zukunft, die sich trotz aller Widerstände, immer mehr dem Idealzustand nähert, dem Paradies, das bisher nur eine unerreichbare Sehnsucht war. Eine Utopie. Eine Hoffnung.

Am Anfang stand bekanntlich die Vertreibung aus dem Paradies. Die zwei ersten Menschen, das Paar Adam und Eva, lebte im Einklang mit dem Universum, in einem traumhaften Garten. In den „Meistersingern“ heißt es, im siegreichen Preislied:

„Morgenlich leuchtend im rosigen Schein, von Blüt‘ und Duft geschwellt die Luft, voll aller Wonnen, nie ersonnen: Ein Garten lud mich ein. Dort, unter einem Wunderbaum, von Früchten reich behangen, zu schauen in seligem Liebestraum, was höchstem Lustverlangen – Erfüllung kühn verhieß: Das schönste Weib: Eva im Paradies!“ 

In der Bibel steht, dass die Menschen deshalb aus dem Paradies vertrieben wurden, weil sie von einer verbotenen Frucht aßen: Einem Apfel, eigentlich das Zeichen der Erkenntnis, die aber im Paradies nur für Unruhe und Ärger sorgt, weil damit die ursprüngliche, makellose Weltordnung verletzt wird. Zuerst gehorcht Urmutter Eva den Einflüsterungen einer hinterlistigen Schlange. In der Apokalypse, dem letzten Weltuntergang, ist das die Hure Babylon, die betrunken ist vom Blut der Heiligen und auf einem kranken, scharlachroten Tier sitzt, das die Ziffer 666 trägt: Die dreifache, übertriebene, hemmungslose Lust und Rücksichtslosigkeit. Das ist der Satan selbst. Dieses Paar wird von zornigen Engeln vernichtet. Und erst dann beginnt das letzte Gericht.

Richard Wagner hat, wieder einmal starke Zeichen in diesen Text eingebaut. Nicht die einzigen, sondern noch sehr viele. Genauso wie auch in seinen anderen zehn Hauptwerken. Viele spüren nur die verborgene Energie in den Worten. Dazu kommt eine unfassbar aussagekräftige Musik. Daraus wird noch ein eigenes Kapitel entstehen, um nur die stärksten Symbole zu deuten. In Verbindung mit guten Filmaufzeichnungen lässt sich dann die abgründige Tiefe dieser zehn Werke besser verstehen. Und das ist ja auch der Sinn dieser eimaligen Musikdramen: Eigentlich soll sie Jeder verstehen.

Sie verstecken nicht ihr Geheimnis, das Mysterium, sondern zeigen es offen, aber nicht für oberflächliche, flüchtige Blicke. Deshalb wollte Wagner auch die königliche Weltstadt München verlassen, um, mitten in Deutschland, eine ganz neue Heimat zu finden. In den „Meistersingen“ sagt der alte Meister und Dichterpoet, der Schuhmacher und Handwerker, Hans Sachs (1494 – 1576) : „Liegt nicht, in Deutschlands Mitte, mein liebes Nürnberg?“ Er meinte eine andere, gar nicht weit entfernte Stadt, hat das aber absichtlich verschlüsselt. Der tatsächliche Hans Sachs hat auch Lieder gedichtet. Musik. Zum Beispiel eine Hymne auf seinen eigenen Zeitgenossen, den Reformator Martin Luther (1483 – 1546).

Wenn man die zahllosen Symbole in Wagners Hauptwerken übersetzt, wie einst die rätselhaften ägyptischen Hieroglyphen, dann versteht man Alles. Sonst nur Belanglosigkeiten. In einer Pause der Bayreuther „Götterdämmerung“, im Jahr 2009, fragte ich an einem Stehtisch, zwei vornehme ältere Damen, nur aus Spass: „Um was geht es eigentlich in der Götterdämmerung?“ „Das wissen wir auch nicht so genau. Aber wir kommen, schon seit 1951, jedes Jahr hier her.“ Vermutlich wegen des unvergesslichen Gesamtergebnisses, damals, als Wieland Wagner die Festspiele neu eröffnete, mit ganz neuen, starken Ideen: Sein „Neues Bayreuth“. So hat man das damals genannt, und es wartet immer noch auf den Kuss, der es wieder aufweckt. Auch ich versuche, dazu beizutragen. Bis heute sind schon 30 Artikel über „Bayreuths unsichtbare Weltuhr“ hier erschienen. Das ist kein Zufall.

Robert Saccà singt jetzt das erwähnte Preislied, vor einem sehr stimmungsvollen, symbolischen Hintergrund. Der Rest des Raums ist gewöhnungsbedürftig. Regisseur David Alden hat diese typische Handschrift leider viele Jahre auch an der Münchner Staatsoper hinterlassen. Ungewohnt sind auch die holländischen Untertitel. Aber ein wenig denkt man dabei an den Holländer Jan van Leiden, der im westfälischen Münster mit seinen rebellischen Wiedertäufern die Stadt besetzte und, vor dem angeblich drohenden Weltuntergang seinen Anhängern eine zweite, neue Taufe empfahl:

https://www.youtube.com/watch?v=F4IQ_WFlsTQ

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