Die Verdunstung der politischen Radikalität

4.11.2019. Eine kleinere Menge klaren Wassers verdunstet schnell, wenn sie vom Sonnenlicht erwärmt wird. Bei der politischen Radikalität hängt allerdings so viel Schmutz daran, dass es nicht so schnell geht. Aber die Möglichkeiten sind ganz einfach. Bei ihrer Realisierung müssen aber Viele mitmachen.

Das erste ist die Ursachenforschung. Ein Kern der Psychoanalyse. Dann müssen die Störungen analysiert werden, Lösungsmöglichkeiten erkannt und offen über das Internet bewertet werden. Manchmal ist die Ursache rasch erkennbar und steht schon jetzt täglich in allen Zeitungen: Armut, erzeugt durch Ungerechtigkeit, löst als Dauerzustand Spannungen aus, Krisen und Kriege, an denen Viele sogar gut verdienen. Wenn jedoch Alternativen erkennbar sind, müssen sie nur bekannt und realisiert werden. Wer bei solchen überlebenswichtigen Arbeiten stört oder sie im eigenen Machtrausch verhindern will, muss abgelöst werden und darf in Zukunft keine Möglichkeit mehr haben, Schaden anzurechnen. Ergeben sich sogar strafrechtliche Konsequenzen, zahlt dafür keine Versicherung der Welt. Er haftet mit seinem persönlichen Privatvermögen.

Wie immer ist hier für ausführliche Sonntagsreden kein Platz. Aber manchmal reichen auch Hinweise aus, damit die richtigen Schalter aktiviert werden. Und derart große, rollende Räder können selbst organisierte Gruppen nicht mehr anhalten. Solche Minderheiten verlieren mit Sicherheit ihre ganze Kraft, wenn die Mehrheit in Bewegung gerät: Die Opfer.

Die Bevölkerung der DDR hat sich vor dreißig Jahren selbst befreit, mit dem Schlachtruf: „Wir sind das Volk !“ Dabei ging es völlig unblutig zu. Selbst die alarmierten Grenzsoldaten an der Berliner Mauer erhielten nicht den erwarteten Schießbefehl. Trotz pausenloser Überwachung und Schnüffelei bis in die Familien hinein hatte die „Staatssicherheit“ zwar eine unglaubliche Menge an Menschen Tag und Nacht in Angst versetzt, aber dabei war dem Staat das Geld ausgegangen, das er für viel wichtigere Projekte hätte ausgeben müssen. Nach der unvermeidbaren Wende gab es auch keine Rachefeldzüge gegen die bisherige Regierung. Der Parteivorsitzende Erich Honecker durfte nach Chile emigrieren. Und der allwissende Stasi-Chef Erich Mielke bekam vom Arzt bestätigt, dass er ganz plötzlich unter Alzheimer (Gedächtnisverlust) litt und durfte sein restliches Leben in einem Berliner Altersheim verdämmern.

Die Stasi selbst als Organisation verschwand von einem Tag auf den anderen. Ihr Hauptinstument war der unmenschliche Psychoterror. Viele Mitarbeiter leben noch, haben neue Arbeitsplätze in gleichwertigen Organisationen gefunden und natürlich auch ihr Wissen weitergegeben, das damit einer neuen Verwendungzugeführt wurde. Sogar im Bereich des Kinofilms tauchen in der Münchner Innenstadt immer wieder verkleidete Statisten auf, die Passanten mit Provokationen erschrecken sollen. Da es jedoch verboten ist, kann es auch kein Dauerzustand sein, spätestens dann, wenn die Presse das Steuer übernimmt.

Vorbildlich für das Zusamenleben unterschiedlicher Menschen kann das Betriebsklima sein, das oft die Arbeitsleistung bremst und den Erfolg der Firma beschädigt. Aber es geht auch ganz anders.

Vorgestern habe ich in einem anderen Artikel über die neue Münchner Zentrale von Google berichtet. Die Antwort kam schnell. Aber nicht als Mail. Es war eine äußerst geschmackvolle Inszenierung. Die Beteiligten sind dabei nicht als Personen wichtig, aber der Ablauf verdient schon eine Erwähnung.

Gestern Nachmittag bin ich zum Ausklang des Tags in ein einfaches Arbeiterlokal gegangen. Es waren kaum Gäste anwesend, so dass zwei davon sofort auffielen. Sie tranken ein Weißbier nach dem anderen, schwitzten sogar leicht, weil der Maskenbildner darauf geachtet hatte, dass sie wirklich wie echte Schnapsdrosseln wirkten. Dazu passte aber gar nicht, dass sie in einem klaren, fehlerfreien Hochdeutsch über das Betriebsklima bei Google sprachen.

Die Details sind nicht alle hier berichtenswert, sie enthielten auch Anspielungen auf meine kürzlichen Artikel über Rom und korrekte Geschäftsbilanzen. Ganz außerordentlich interessant waren zwei Stichworte: Demnach herrscht bei Google ein offenes Betriebsklima. Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Vieles kann von zu Hause aus erledigt werden. Es gibt keine festen Gehälter, sondern die Leistung innerhalb eines Projekts wird gut bezahlt. Außerdem wird das Urheberrecht hervorragend umgesetzt. Viele Ideen aus meinen Artikeln sind immer wieder von Unberechtigten schamlos geklaut worden, die dann damit viel Geld verdient haben. Eine Erwähnung oder ein Danke gab es bis heute nicht. Das marktübliche Beraterhonorar steht mir trotzdem immer noch zu, aber die Zeit ist viel zu schade, um sie mit diesen ärmlichen Kreaturen zu verplempern. Bei Google gilt das beste Prinzip: Die Idee bleibt immer Eigentum des Erfinders, und er wird auch nicht verschwiegen. Die Firma zahlt für gute Ideen korrekt und trifft faire Vereinbarungen, mit denen sie selbstverständlich das neue Wissen auch für ihre eigenen Zwecke nutzen kann und in diesem Bereich auch die Nutzung durch Konkurrenzfirmen verbietet. Ansonsten darf der Erfinder mit seinem geistigen Eigentum machen, was er will.

Das ist tatsächlich ein Idealzustand. Gezeigt hat sich aber gestern auch der Regisseur dieses Schauspiels. Vor der Szene in dem Arbeiterlokal war ich zum Essen in einer preiswerten und guten Pizzeria. Dann setzte sich ein Unbekannter in die Nähe. Er war auch professionell vorbereitet worden, sah passenderweise in dem Lokal aus wie ein Süditaliener, machte aber ein sehr ernstes Gesicht. Falls hier kein Doppelgänger im Einsatz war, handelte es sich um einen Münchner Filmregisseur, der für bayrische Komödien mit Tiefgang bekannt ist. Seinen Namen habe ich vergessen, aber aus einem seiner Filme den Satz behalten: „Wer früher stirbt, ist länger tot.“ Das ist keine Morddrohung, sodern die Einsicht einer alten Alpenbäuerin in dem Film. So kann man auch ein trauriges November-Thema mit Humor aus dem Alpenland zusammenbringen.