München, eine verdorrte Wunderblume

26.9.2020. Wenn man vor dreißig Jahren nach München kam, war dort der Bär los: Prominente, die in Geld schwammen und es auch öffentlich verjubelten, auf rauschenden Partys, Opernpremieren und in Champagnerbars. Für Normalverdiener gab es Abwechslung, nach jedem Geschmack. Vor Allem die gemütlichen Bierlokale schafften rasch Zufallskontakte, die für Überraschungen sorgten, von morgens bis zum nächsten frühen Morgen.

Silvester 1990 war endlich die Berliner Mauer gefallen, und die vorher eingesperrten, überwachten Ossis hatten einen hungrigen, aufgestauten Nachholbedarf. Kurz danach lernte ich einen Sachsen aus Zwickau kennen, der seinen einmaligen Dialekt kostenlos mitbrachte und zuverlässig ein Freund für die nächsten zwei Jahre war. Seine Mutter hatte 1960 einen amerikanischen General geheiratet und war mit ihm nach Boston (USA) umgezogen. Er selbst kam nicht mehr aus der später abgeriegelten und eingezäunten DDR heraus. Er sollte russisch lernen, weigerte sich aber, mit dem Hinweis auf seinen amerikanischen Vater. Mittlerweile hatten sich die weltpolitischen Spnnungen immer mehr verschärft. Zur Strafe durfte er überhaupt nicht mehr weiter lernen. Er musste als Beton-Arbeiter auf Baustellen schuften und bekam davon starke Oberarm-Muskeln. Sein Vater war Italiener, und so sah er selbst auch so aus: Sonnenbraune Hautfarbe. Schwarze Haare.

Gemeinsam schauten wir 1992 im Kino „Go Trabi Go“. Darin sah man eine lebhafte Familie aus Sachsen, die mit ihrem Auto, einem kleinen DDR-Trabi (Trabant), die schlecht erzogene Verwandtschaft in München besucht und dabei natürlich Original-Sächsisch spricht. Hier kann man den vollständigen Film sehen (2.30 Stdn).:

https://www.youtube.com/watch?v=3REq_8lFOMc&list=PLtt47rSe32XSNmVOJqqVJOffILoID7ehQ

München hat sich danach stark verändert. Nicht die wertvollen, denkmalgeschützten Sehenswürdigkeiten für Touristen, aber im Innenleben, dem Umgang miteinander. Einerseits gab es mmer mehr aufgeblasene Belanglosigkeiten, Angeber und Schwätzer. Andererseits zogen sich die Leute zurück, in ihre privaten Kreise. Oder ertrugen eine kühle Ökonomie, die immer mehr schnelle Gewinne machen wollte, aber dafür weniger Qualität brachte. Ein neues Wort verbreitete sich: Gentrifizierung. Damit vertrieben reiche Finanzinvestoren die ärmere Bevölkerung aus ihren gewohnten Stadtvierteln, mt öden Neubausiedlungen, deren schnelle Effizienz am wichtigsten war: Oben möglichst wenig Geld hineinwerfen. Unten möglichst viel herausholen.

Das alte, gemütliche München ging unter mit den Olympischen Spielen von 1972, die auch gewalttätige Terroristen anlockten, die sogar für ein bitteres Finale sorgten. Was in den Jahren vorher war, ist auf zahllosen Filmdokumenten erhalten. Gerade das Kino hat damals Wunderdinge geschaffen. Als Zufallsbeispiel: Im Jahr 1935 zeigte sich Karl Valentin bei der Komödie „Die Kirschen in Nachbars Garten“ mit der energischen Berliner Schauspielerin Adele Sandrock, in einem idyllischen Grünwalder Haus-Garten. Mit den Nachbarn gibt es einen Streit um das Grundstück, und auch die angebliche siamesische Katze Monika sorgt für turbulente Unruhe. Das ist ein Rückblick, der heute gar nicht mehr möglich ist

Seit Ende März sind sämtliche Kinos, Musiktheater und Gemeinschafts-Treffpunkte entweder ganz geschlossen oder nur eingeschränkt benutzbar.

Das kann kein Dauerzustand bleiben. Aber es fehlen Ideen. Proteste gegen die Verbote bleiben gedämpft. Dabei muss man sich nur über die Ursachen und deren Vermeidung Gedanken machen.

Notwendig ist der Sicherheitsabstand, weil es sich um eine Tröpfchen-Infektion handelt, die durch Husten, Niesen und feuchten Atem übertragen werden kann.

Wenn man das beachtet, ist Alles andere möglich, was man nicht allein machen will. Das heißt: Für Veranstaltungen darf es nur noch eine maximale Anzahl von Eintrittskarten geben, und gekennzeichnete Plätze, die man nicht benutzen soll. Wer sich selbst daran nicht hält, fällt sofort auf.

Für die Künstler auf Bühnen oder vor anderem Publikum gilt das Gleiche. Dicht gedrängte Chormassen oder hautnahe Schunkelpartys finden nicht statt.

Auf den Bühnen sind die Solisten am wichtigsten. Sie können den Mindestabstand einhalten. Die Ausstattung muss sich verstärkt auf phantasievolle Dekorationen und Lichtwirkungen konzentrieren. Alles andere kann in anderen Räumen stattfinden. Dazu kommen die Möglchkeiten der Filmprojektion und Videogestaltung, die auch bisher schon, in geringerem Umfang, eingesetzt wurden.

Ideen und Phantasie werden immer wichtiger, dann erweitern sich auch die Grenzen der Gestaltung. Kunst kommt vom Können, nicht vom Wollen, denn sonst hieße es „Wunst“. In der Vergangenheit drängten sich zu viele unbegabte, ehrgeizige Amateure an die reich gedeckten Tische. Die beste Qualität velangt immer ein sachkundiges Publikum. Wenn es mittendrin Szenenapplaus gibt, ist das schon einmal eine Anerkennung. Auch die Dauer und Lautstärke des Pausen-Beifalls, dazu fliegende Blumen und laute Freudentöne.

Das sind nur ein paar Hinweise. Jeder muss dabei mitmachen, dass es wieder Konzerte und andere große Veranstaltungen gibt, ohne übertriebene Zurückhaltung. Dafür ist es höchste Zeit. Auch bei gekürzten staatlichen Subventionen ist noch Geld genug dafür da.

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