Donna Leons schwarze Träume in Venedig

17.9.2020. Donna Leons bekannte Kriminalromane in Venedig werden rasch verfilmt. In den Hauptrollen sieht man fast nur Deutsche, aber professionell wie Italiener geschminkt und gekleidet, an den Originalschauplätzen. Es sind brutale Geschichten, aber leicht inszeniert. Im tatsächlichen Venedig gibt es kaum Morde, aber bei Donna Leon ist es dort schlimmer als in Chicago. Sie hat einfach nur existierende Verbrechen, deren Orte und Namen, verändert und in ihrer Phantasie nach Venedig verlegt. Das Ergebnis wirkt täuschend echt, fast wie ein präziser Dokumentarfilm, bei dem der Zuschauer hautnah dabei ist. Die Autorin wurde befragt, ob sie, abends beim Spazierengehen in Venedig, Angst habe. „Nein“, lachte sie. Denn im tatsächlichen Venedig passiert kaum etwas. Früher trugen auch die zahllosen Massentouristen dazu. Überall passten sie auf, dass nur Eis, Spaghetti und Pizza verschwanden, nach vorheriger Bezahlung der Händler.

Der frei erfundene Commissario Brunetti fällt von einem schrecklichen Fall rasch wieder in den nächsten. Seine Frau, der Sohn und die Tochter helfen ihm tatkräftig, obwohl sein strenger Chef ständig etwas zu meckern und zu nörgeln hat, sogar mit einer Versetzung nach Sizilien droht. Eine Ehre für mutige Kriminalbeamte. Aber Brunetti hat gar keine Zeit dafür. Ehekrach, schlimme Kollegen sind der sauere Dank. Trotzdem bleibt er immer höflich und ruhig, folgt messerscharf den richtigen Spuren. Oft führen sie in die vornehmsten Kreise der Lagunenstadt. Auf einer exklusiven Terrasse am Canale Grande feiert gerade ein Gangster mit seinen Freunden, da kommt Brunetti herein und sagt nur, „Hiermit verhafte ich Sie wegen Mordes.“ Alle springen entsetzt auf, aber der Kommissar nimmt ihn gleich mit, weil er immer die Richtigen verdächtigt und überführt.

So lustig ist das Alles nicht. Aber Donna Leon (übersetzt: Frau Löwe) recherchiert vorher gründlich. Es ist das dunkle, pechschwarze Italien im Miniaturformat. Der Kölner Kardinal Josef Frings sagte mitten im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs: „Wer aus Hunger klaut, ist kein Dieb, sondern macht nur einen verzeihlichen Mund-Raub.“ In seiner großen Gemeinde nannte man das danach: „Fringsen“, nicht Diebstahl.

Eine auffällig hohe Kriminalittätsrate entsteht dort, wo die Leute lange arbeitslos sind und auch sonst kaum Geld haben. Der Grund ist eine schlechte Organisation der Firmen und Betriebe in armen Regionen. Luxusautos für das verantwortliche Management sind trotzdem Alltag. Zum Beispiel im Mezzogiorna (Südditalien). Vor sechzig Jahren hat man das Problem ganz einfach gelöst: Kalabrien, Apulien und deren Nachbarn, waren Thema eines Staatsvertrags und verschwanden massenhaft als preiswerte Gastarbeiter in Deutschland, mit Pizza und Spaghetti, als günstige Verkaufwaren für die Gastgeber. Seit 1946 regierte fast nur eine einzige Partei, die Democrazia Christiana (DC ), mehrheitlich das Land. Umstrittene Namen wie Berlusconi und Andreotti herrschten endlos als Ministerpräsidenten.

Am 27.3.1992 entstand ein Foto, das die hohen Kriminalbeamten Borsellino und Falcone gemeinsam zeigt. Beide starben kurz danach. Am 23. Mai wurde Falcone mit Begleitern auf dem Weg vom Flughafen zu seiner Wohnung von einer Autobombe zerrissen. Seine Vorbeifahrt war vorher vom Flughafen aus gemeldet worden. Seine letzten Worte zu einem herbei eilenden Helfer waren, „Kümmern Sie sich um meine Frau.“ Doch die war, auf dem Beifahrersitz, auch nicht mehr da.

Sofort gründeten die Carabinieri eine Sonderkommmision. Der Haupttäter kam lebenslang in einen Hochsicherheitstrakt.

Danach normalisierte sich das Leben wieder. Ganz schwere Verbrechen wurden nicht mehr bekannt. Aber an der Organisation der Spitzenpositionen in den Firmen, in den Behörden änderte sich nichts Aufregendes. Der Alltag geht friedlich weiter. Aber die Hauptprobleme sind noch da.

Hier sieht man eine vollständige Episode der Venedig-Krimis mit Commissaro Brunetti ( 1.28 Stunden) :

https://www.youtube.com/watch?v=g1zIC_y9PKs

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