Drei Dimensionen der Unendlichkeit

5.8.2020. In den letzten Tagen konnte man hier über frühe Erinnerungen lesen, über die Schönheitsflecken in alten Sehnsuchtsländern und wie das Alles als treue Begleitung in die Gegenwart mitgereist ist. Zu jedem Phänomen gehört auch die Ziffer Drei. Das ist hier die Zukunft. Oder wenn man nach oben schaut: Der Himmel, der früher die letzte Grenze war. Und heute, dank Hubble und anderen Weltraum-Teleskopen, schon gestochen scharfe Farbfotos geliefert hat von Galaxien, die Milliarden von Lichtjahren entfernt sind, aber noch längst nicht erkennen lassen, wo denn eigentlich die allerletzte Grenze ist. Seit 2005 besitze ich einen Weltraumkalender, bei dem die Jahreszahlen fehlen, aber die Tage aufgereiht sind. Man kann ihn deshalb jedes Jahr neu beginnen. Auch eine Form der Unendlichkeit, die schon immer zu den Hauptbegriffen der Astrologie und Kosmologie gehörte, als der Mensch damit begann, zum ersten Mal den Nachthimmel zu beobachten und dessen Regeln zu erkennen.

Die Ziffer Drei gehörte im Altertum zu den Heiligen Zahlen. Es hieß, „Wenn man irgendwo zwei Säulen sieht, gibt es auch eine dritte.“ Das waren oft die zwei Eingangssäulen zu einem Tempel oder einem Kulturgebäude. Nummer Drei konnte ein Altar sein oder eine Musikbühne. Der christliche Glaube stützt sich auf die Dreieinigkeit, die Trinitas. Das ist Gottvater mit seinem Sohn – also die Schöpfung. Und als Drittes der Heilige Geist. Das ist die Verwandlung der Oberfläche, der sichtbaren Materie: Zum Beispiel die Urelemente Feuer, Erde, Wasser und als gemeinsames Dach die darüber sich ausbreitende Luft. Sie gilt auch als Zeichen des Geistes. Mit dem ersten Einatmen beginnt das Leben eines Kindes. Alle späteren Erfahrungen erhalten ihren Wert nur durch die geistige Verarbeitung. Das kann bei Kleinigkeiten die Erfahrung eines Tags sein. Oder dessen vorbeiziehende Begegnungen und Zufallstreffen. Daraus entsteht in vielen Jahren ein Fundament. Große alte Bäume haben die meisten Zweige und Blätter ganz unten, direkt über den Wurzeln. Um das Sonnenlicht gleichmäßig zu verteilen, veringert sich dann die Länge der Äste. Wie bei einem Kegel entstehen mehrere parallele Ebenen und machen Platz für die unten nachwachsenden Bereiche. Ganz oben allein ist die Spitze, die manchmal nur aus einem einzigen Teil besteht: Eine verschlossene Knospe, die Baumkrone. Mit ihr beginnt Alles. Zu ihr wächst Alles hin.

Das ist ein universales Herrscherprinzip. Nicht nur in Diktaturen, sondern in allen Organisationsformen, die wachsen, blühen und ernten. Doch Krankheiten und eine schlechte Behandlung, faule Bequemlichkeit und freche Dummheit können das zerstören. Die mittelamerikanische Hochkultur der Maya existierte von 3000 v. Chr. bis 900 n. Chr. Sie fasziniert immer noch Forscher und Besucher aus aller Welt. Am Ende ihrer Epoche hatten die Ureinwohner aber die Sparsamkeit verlernt. Große dichte Wälder, die Platz für Pflanzen und Tiere boten, außerdem das Klima milderten, wurden einfach abgeholzt. Den fruchtbaren Äckern wurden keine Ruhejahre geschenkt, sondern man erntete das, was sich eigentlich erholen sollte. Auch wurden teure Kriege geführt, sogar zwischen den einzelnen Stämmen. Am Ende gab es keine Zukunft mehr.

Von 1618 bis 1648 wütete in ganz Europa der Dreißigjährige Krieg. Keine der streitenden Parteien wollte nachgeben. Am Ende war aber nichts Verwertbares mehr da. Die Städte und Dörfer waren verwüstet. Die meisten Soldaten waren weg, im Kampf gefallen. Plündernde Verbrecherbanden und Gesindel, das sowieso keine Lust zum Arbeiten hatte, steigerten das Chaos. Es gab nur noch einen Ausweg: Alle beteiligten Staaten einigten sich auf Westfalen, um dort in Münster einen gemeinsamen Friedensvertrag zu unterschreiben und auch einzuhalten.

Der „Friedenssaal“ befindet sich immer noch im Alten Rathaus am Prinzipalmarkt. Die wertvolle, reich verzierte Holzvertäfelung wurde während der ständigen Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg ausgebaut, in Bauernhäusern auf dem Lande sicher verwahrt und steht längst wieder dort, wo der Saal war, als wäre die Zeit einfach stehengeblieben.

Die Kategorie der Unendlichkeit ist nicht nur in der Ziffer Drei enthalten, auch wenn das bekannte Sprichwort sagt „Aller guten Dinge sind Drei.“ Das kann man selbst ausprobieren und findet erstaunlich viele Bestätigungen. Die ägyptischen Pyramiden, Grabkammern der allmächtigen Pharaonen, bestehen aus großen Dreiecken, deren Spitzen sich berühren und zum Universum zeigen.

Eine zweite Ziffer für diese Dimension ist die Acht, die aus zwei Kreisen besteht. Kreise haben keine Ecken und Spitzen und sind die vollkommenste Grundform der Geometrie. Liegen sie nebeneinander, gilt die „liegende Acht“ auch als Zeichen der Unendlichkeit. Das ist der Punkt, an dem sich sogar Parallelen schneiden. Eine uralte Theorie, die noch Niemand persönlich anschauen konnte. Auch Albert Einsteins Relativitätstheorie ist unichtbar. Aber wenn sie nicht funktionierte, gäbe es keine Computer, denn bei der Elektronik sieht man nichts vom materiellen Phänomen, kennt aber ganz genau dessen Wirkungen.

Kirchenpredigten am Sonntag höre ich mir schon lange nicht mehr an. Sie bestehen zu oft aus Wiederholungen. Dann sinkt das Interesse. Aber die alten Quellen verlieren nichts von ihrem Wert. Im Orient vermischten sich die spannenden Berichte vieler Länder, deren Kraft immer noch eindringlich wirkt. Hinter den märchenhaften Oberflächen der Zaubergeschichten ruhen tiefere Schichten. Allein die Sammlung aus „Tausendundeiner Nacht“ besteht nicht aus einem einzigen Kinderbuch, sondern füllt einen ganzen Bücherschrank. Im Zentrum steht Arabien, mit dämonischen Flaschengeistern, Fliegenden Teppichen, paradiesischen Schatzkammern. Die gesamte Region hat sich stark verändert. Die fortdauernden Krisen sind aktuell, unterscheiden sich in ihrer Mechanik und den Antriebsmotoren aber nicht von anderen Spannungsgebieten, die längst zur Ruhe gekommen sind.

Nur ein Atemzug auf dem Weg zur Unendlichkeit. Zum Erreichen des Ziels reichen drei Schritte nicht aus. Doch sie sind ein Zeichen für die Einfachheit der Regeln, die zum Erfolg führen. Es gibt sie in schriftlicher, oft komplizierter Form. Aber wenn sie Nichts ändern, nützen sie Nichts.

Die Morgenröte ist ein altes Zeichen für den neuen Tag, dessen Arbeit noch nicht erledigt ist. Edvard Grieg hat dazu die richtigen Klänge gefunden:

https://www.youtube.com/watch?v=3TomLbGb6AI

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