Dreisprung

14.6.2019. Statistisch gesehen, leben die meisten Menschen nicht in Großstädten. Viele wachsen in Dörfern oder Kleinstädten auf, wo kaum etwas Aufregendes passiert und Jeder den Anderen nicht nur kennt, sondern auch genau Bescheid über ihn weiß. Wer damit zufrieden ist, fühlt sich wohl und entwickelt ein starkes Gefühl für Heimat. Die sogenannten Volksmusik-Sendungen im Fernsehen geben allerdings meistens neue Schlager wieder, während die weit verbreiteten alten Lieder, die vor Allem im 19. Jahrhundert gesammelt wurden, die Kraft der Romantik und ursprünglicher Gefühle bündelten, aber auch wegen ihrer damaligen Sprache heute oft nur noch belächelt und links liegen gelassen werden.

Der erste Lebensabschnitt der menschlichen Kindheit und Jugend vergeht zwar mit jahrelangem Lernen und Schulwissen, aber viele Lebensbereiche bleiben dabei noch verschlossen. Am Gymnasium lernten wir seinerzeit zwar neun lange Jahre Englisch und Latein, aber hörten gar nichts von Betriebswirtschaft / Volkswirtschaft, die doch den Zustand vieler Staaten entscheidend bestimmen oder ruinieren. Unser jähzorniger Musiklehrer hasste den „Nazikomponisten Richard Wagner“, weil der – fünfzig Jahre nach seinem Tod – auch Lieblingskomponist von Adolf Hitler war. Das Wissen über diese herausragende Persönlichkeit des Musiktheaters musste ich mir also selbst beibringen, ohne damals je ein Opernhaus zu besuchen, aber mit Hilfe von großen Spulentonbändern, die alle Klänge aufzeichnen konnten. Auch die Gedankenwelt des Giganten Sigmund Freud blieb in der Schule nur eine kleine Randerscheinung. Nichts erfuhren wir von Politologie, die den Alltag jedes Wählers und Nichtwählers bestimmt. Publizistik – heute auch Medienkunde – war kein Schulfach. Warum wir trotzdem neun Pflichtjahre bis zum Abitur brauchten, ist gar nicht nachvollziehbar. In sechs Jahren kann man Abschlüsse erzielen, die der Realität gerecht werden. Fehlt nur noch eine Konferenz der Kultusminister, die so etwas beschließt. Stattdessen gibt es gelegentlich Reförmchen. Denn das Münchner Kultusministerium ist Teil des ockerfarbenen Innenhofs der prächtigen barocken Theatinerkirche. In deren Umgebung gibt es viele Möglichkeiten, gemütlich mit den Kollegen Kaffee zu trinken und sich daran zu freuen, dass sie Welt so ist, wie sie ist. Oder volkstümlich: „Mir san mir.“

Frei nach Dantes „Göttlicher Komödie“ kann man die ersten Lebensjahre weitgehender Unwissenheit auch als „Inferno“ (Hölle) bezeichnen. Das galt in der Schulzeit auch für viele andere Themen.

Dante nannte den zweiten Teil seines Werks „Purgatorio“ ( Prüfungen und Qualen). Sie zeigen sich beim Aufbaur und der Verwirklichung von Lebenszielen. Da gibt es Enttäuschungen. Falsche Freunde. Betrüger. Scharlatane. Unfähige Firmenchefs. Und den steinigen Irrweg der Illusionen. Träume und Sehnsüchte, die sich nie erfüllen.

Das Ziel ist für den Dichter Dante schließlich „Il Paradiso“ (Das Paradies). Man muss dabei nicht unbedingt an einen Ort ewiger Glückseligkeit denken, wo ständig Engel mit goldenen Flügeln herumlaufen. Vielmehr ist es ein Zustand der inneren Ausgeglichenheit, wo es zwar auch Unglück und Katastrophen der Realität gibt. Aber im Zustand der Reife und langjähriger Erfahrungen kann der Mensch viele Einflüsse besser und tiefer verarbeiten. Man kann Wichtiges und Unwichtiges genauer unterscheiden und mit Letzterem möglichst wenig Zeit verschwenden. Vor dreißig Jahren, zu Beginn meiner Münchner Zeit, hatte ich sehr viele Bekannte, vor Allem auf einer oberflächlichen Ebene. Die meisten bleiben ein wesentlicher Teil starker Erinnerungen und der Fehler, die man damals noch nicht vermeiden konnte. Insgesamt sind die begegnungen nicht weniger geworden und auch ganz andere, aber man kann die Zeit besser einteilen, die man mit mit anderen Gedankenwelten und Lebensformen verbringt. Der daraus entstehende Gewinn ist finanziell nicht darstellbar, aber eine Bereicherung aller Lebenskräfte.

Jeder Tag, der endet, ist eine Chance für den nächsten. Dafür gibt es ein herrliches Beispiel.

Zu Beginn der aufblühenden Renaissancezeit, die dem vermeintlich „dunklen“ Mittelalter folgte, lebte der wortmächtige Schusterpoet Hans Sachs Sachs ( 1494 – 1576 ). Zu Ehren seines Zeitgenossen, des großen Reformators Martin Luther, schrieb er ein kurzes, eindringliches Gedicht. Luther hatte den Beinamen „Wittenbergische Nachtigall“, weil er in dieser Stadt seine 95 weltberühmten, revolutionären Thesen zur völligen Erneuerung des damaligen, erstarrten Katholizismus an die Türen der Schlosskirche schlug. Musikdramatiker Wagner, der sonst alle seine Libretti selbst schrieb, verwendete dieses kleine Gedicht von Sachs in seinen „Meistersingern“, als einzigen Text aus einer fremden Hand. Hier ist der Wortlaut im heutigen Sprachgebrauch: „Wach auf ! Es nähert sich der Tag. Ich höre auf dem grünen Feld eine herrliche Nachtigall. Ihre Stimme durchdringt Berg und Tal. Die Nacht neigt sich zum Okzident. Der Tag geht auf vom Orient. Die rotbrünstige Morgenröte zieht zu uns durch die trüben Wolken.“

Das kann man hier hören, vor der Mauer der alten Nürnberger Kaiserburg. Mit Chor und Orchester auf der Bühne der Metropolitan Opera, New York:

https://www.youtube.com/watch?v=t_bMNYBD0I4