Dringende Aufgaben bis Silvester

21.10.2019. Der am meisten verbreitete Stichtag für eine Jahresbilanz ist Silvester. Im Oktober können noch fehlende Belege gesucht werden, Rechnungen überprüft und Mahnugen verschickt werden, nach den Prinzipien des Handelsgesetzbuchs: Klarheit (Transparenz), Wahrheit (keine Fälschungen) und andere. Wer das verschlampt oder für unwichtig hält, führt jeden Betrieb in einen vorhersehbaren Bankrott.

Bilanzen gibt es nicht nur in der Wirtschaft, sondern in jedem Bereich, wo Zeitabläufe wichtig sind. Also auch im Privatleben. Zum Beispiel hatte ich vorgestern, am Samstag, einen runden Geburtstag und wurde einhundertzwanzig Jahre alt. Der erste Teil des Satzes ist richtig. Der zweite die Standantwort für Neugierige, die das nichts angeht. Solche Leute hören es auch gern, wenn sie erfahren: „Du bis fünfzig Jahre alt. Aber du siehst aus wie achtzig.“ Die meisten können sogar darüber lachen.

Geburtstagsgeschenke sind überflüssig, weil sie meist nur Notlösungen in letzter Minute sind. Zum Beispiel hässliche Kannen oder Vasen aus Porzellan, die man spätestens nach zwei Tagen einfach fallen lässt.

Trotzdem gab es vorgestern ein paar Aufmerksamkeiten, die gar nicht bestellt waren. Gut gemeint, aber verschwendete Zeit. Zum Beispiel wurde mir mittags eine Szene vorgespielt, über die ich in ähnlicher Form kürzlich hier berichtet habe. Aber diesmal igab es eine dreifache Besetzung, wie in einem Hollywoodfilm. Die knappe Kurzform reicht aber dafür. Beim bescheidenen Mittagessen in einem Stammlokal setzte sich ein vornehmer Herr mit Kurzhaarschnitt in meine Nähe. Natürlich war er vorbereitet auf einen kleinen Wortwechsel. Als ich ihm seinen Beruf nannte, widersprach er. Das war zu erwarten. Interessant war, dass er extra aus einem ganz fernen Staat angereist war, fließend deutsch sprach und eigentlich einen sehr ernsten Gesichtsausdruck hatte. Aber beim Fortgehen hat er mich förmlich angestrahlt und den Gruß in bester Laune erwidert. An der Ausgangstür saßen, die ganze Zeit mit wachsamer Blickverbindung, sechs deutsche Herren in Freizeitkleidung, die aussahen wie Mitarbeiter der beliebten Fernsehserie „Aktenzeichen XY“ Diemal trugen sie aber keine schwaren Anzüge, sondern jeder trank ein Bier auf Firmenkosten und aß dazu ein Stück Kuchen. Etwas ungewöhnlich in der Kombination, aber typisch für deutsche Behördenkantinen. Alle schauten angestrengt, aber unauffällig zum Fenster hinaus. Weil ich dachte, dass sie im Fernsehen auftraten, bin ich vorbeigegangen mit dem Gruß, „Servus, die Herren!“ Zwei haben reflexartig den bekannten Münchner Gruß erwidert, aber sich dann wieder der Mehrheit ihrer Kollegen angepasst und unauffällig aus dem Fenster geschaut.

So ging das denn ganzen Tag, aber zum Teil mit gaz anders verkleideten Statisten und meistens ziemlich dämlich, also hochdeutsch: aufdringlich und dumm. Als Ouvertüre ganz originell war allerdings morgens der Zustieg in die Straßenbahn. Gleichzeitig stiegen zehn Herren in grauer Bürokleidung ein. Jeder trug einen teuren Kopfhörer, also ein Arbeitsgerät für das Lauschen in den weltweiten Datenverkehr. Noch kurz vor meiner ersten Tagesstation stiegen Alle gemeinsam aus. Ich konnte mir folgendes Grußwort nicht verkneifen: „Bitte fahren Sie doch noch eine Station weiter mit. Ihr Einsatz für heute ist noch nicht beendet.“ Gehört haben sie das zwar, aber natürlich nicht darauf reagiert. Nur ganz unauffällig hob ein junger Mann eine Hand und zeigte mit dem Daumen nach oben. Dieses internationale Zeichen bedeutet: „Gut gemacht! “

Was ist die Bilanz eines jeden Geburtstags? Das ist ein Rückblick auf das letzte Jahr oder das gesamte bisherige Leben. Fertig ist das in der reinen Ökonomie erst zu Silvester, also am Jahresende. Privat kommt das nach dem Tod, wenn die Verwandten über das Erbe streiten oder sich über den endlich Verblichenen das Maul zerreißen.

In der Rückschau erkennt man Fehler, die in einer konkreten Situation unvermeidlich waren oder auch betrügerische Menschen, die man für nette Freunde gehalten hat. Im Lauf der Jahrzehnte sind das Wellenbewegungen. Ein pausenloses Glück ist gar nicht ereichbar und wäre auch langweilig. Einen Zustand der Vollkommenheit kann man zwar anstreben und daran arbeiten, aber nur als Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Wer sich in sinnlose Träume und unerfüllbare Wunschziele verbissen hineinsteigert, wird böse, heimtückisch und versucht, auch das an seine Mitmenschen weiterzugeben. Was am Ende daraus wird, ist Gegenstand vieler kluger Bücher und Kriminalromane, kann aber auch täglich persönlich beobachtet und bewertet werden. Die richtige Mischung kann dabei sogar entspannend sein. Man wird dann nicht hart und verbittert, sondern Friedrich Nietzsche erkannte: „Was mich nicht umbringt, macht mich stark.“ Ganz anders als stählerne Härte ist die Energie am stärksten nicht bei der Muskelprotzerei, sondern ein wachsender Zustand der Reife und daraus gewachsener Stärke, die ohne Spannungen zwar auch nicht auskommt, aber sich nicht in Hinterlist und bösartigen Plänen erschöpfen darf. Das unbelehrbar Verachtenswerte durfte ich mir an meinem Geburtstag auch anschauen, aber es war so wertlos, dass jedes Wort darüber Verschwendung ist. Eine besondere, etwas ausgefallene Überraschung war es, als ich nachmittags die nicht vorhandenen Festlichkeiten und das telefonisch, also nicht abhörsicher verabredete Zusammensein in einem gemütlichen Lokal, im kleinen Kreis ausklingen lassen wollte. Dort ist normalerweise viel Platz und wenig TamTam. Aber auf meinem Stammplatz stand eine gar nicht besetzte, festlich gedeckte Tafel, mit Kerzen, Besteck und gutem Porzellan. Dann muss man sich halt in einen Nebenraum setzen, und dort spielte der glitzernde Klimbim sowieso keine Rolle mehr.

Gute Ideen für unvergessliche Ereignisse haben natürlich Künstler. Und Einige, die sich so etwas einfallen lassen, sind längst bekannt, auch in den Kreisen, die man nicht ständig sehen muss. Zum Beispiel Revue-Veranstaltungen mit großem Ballett, ungelenkigen Tanzmeistern und einem Chor, der zu gern und oft mitsingt und deshalb vom Management eingespart werden soll.