Edirne und Adana

26.9.2019. Im Oktober 1978, also vor über vierzig Jahren, begann eine abenteuerliche Autofahrt, die vom westfälischen Münster bis zur jordanischen Hauptstadt Amman führte. Ohne Reisebüro, ohne Erfahrung, aber ein zuverlässiger Straßenplan sorgte für Orientierung. Über Jugoslawien, Bulgarien, Syrien ging die Reise auch quer durch die ganze Türkei. Der Grund war privat. Eine Familie wollte in ihre Heimat zurückkehren, hatte dafür zwei Autos zum Weiterverkauf am Ziel angeschafft, und ich fuhr voran. Vereinbart war, dass bei Fragen das Warnblinklicht eingeschaltet und dann auf dem nächsten Rastplatz angehalten wurde. Das hat funktioniert.

Beschränken muss man sich bei solchen Schilderungen immer auf eine einzelne Perspektive, weil sonst der Überblick zu aufwändig wird. Diesmal ist es der Vergleich zwischen damals und heute in der Türkei. Da hat sich viel geändert, und das ist auch der Grund für eine solche Erinnerung. Der Grenzort Edirne beendete zunächst die Reise durch Bulgarien, und die Stadt Adana lag von dort aus noch weit weg, hinter dem fernen Taurus-Gebirge. Dazwischen ging die osteuropäische Fernstraße „Autoput“ mehrspurig mitten durch die große Stadt Istanbul. Auch Ankaras Stadtrand war schnell erreicht. Dann folgten stundenlang trockene Landschaften, bis in der Ferne das mächtige Taurus-Gebirge ganz langsam auftauchte. Zunächst winzig klein anzuschauen, wuchs es bis auf 4.000 Meter Höhe. Damals gab es dort noch keine Autobahn. Eine normale zweispurige Bundesstraße ohne seitliche Sicherung kroch in gewundenen Serpentinen schleppend den Berg hinauf. Unterwegs war ständig viel zu lebhafter Autoverkehr, rechts vertiefte sich der völlig ungesicherte Abgrund. In der Abenddämmerung hatten manche Autos überhaupt kein Licht eingeschaltet. Bauerntransporte, Traktoren fuhren besonders langsam, und ständig bestand die Gefahr eines schweren Aufpralls. Die nächste Pause sollte erst nach der Überquerung des steilen Bergmassivs in der Kleinstadt Adana stattfinden. Doch dort , am hell erleuchteten zentralen Markplatz, fiel plötzlich der gesamte Strom aus, so dass eine Weiterfahrt in völliger Dunkelheit immer noch die beste Lösung war.

Das Alles ist verkehrstechnisch längst modernisiert und nur noch eine alte Erinnerung. Aber sie zeigt, dass beim Anpacken überfälliger Probleme sich das Wichtigste ändern kann statt Alles einfach zu lassen wie es immer war. Diesen Fehler machen immer noch viele Länder. Oft liegt es am Geld. Aber noch viel häufiger an der Organisation, die solche Projekte nicht erkennt und erledigt.

Zu der erwähnten Episode gehörte noch ein ganz anderes Erlebnis. Nur ein paar Autominuten hinter Adana hielten wir an einer nächtlichen Tankstelle. Der Besitzer warnte uns dringend vor der Weiterfahrt: „Da kommen noch mehr gefährliche Berge.“ Gleichzeitig näherten sich aus der Dunkelheit etwa zehn einzelne Männer und betrachteten aufmerksam unsere mit Gepäckstücken für das Ziel in Jordanien überladenen Autos. Ich sagte zu den Anderen: „Wir steigen jetzt ein und fahren los.“ Das ging auch problemlos. Gefährliche Berge folgten überhaupt nicht, sondern nur Flachland. Fünf Kilometer entfernt war sogar ein schwer bewachter Parkplatz für LKWs mit bewaffneten Uniformierten. Dort konnten wir über Nacht bleiben, und dann war es nicht mehr weit bis zur syrischen Grenze.

In diesem Fall waren schon damals alle Probleme gelöst. Die Sicherheit für Reisende gegen Straßenräuber kann nicht dadurch total garantiert werden, dass alle zwei Meter ein Polizist aufpasst. Man darf niemals einfach drauflos fahren, sondern muss sich mit Straßenkarten und anderen Informationen so vorbereiten, dass solche Situationen ger nicht erst entstehen. Im ganzen weiten Land war das damals für Fremde immer der zentrale Markplatz, meist mitten in bewohnten Orten, auch in Kleinstädten.

Der gesamte Bericht könnte jetzt noch stundenlang weitergehen, aber hier ist immer nur Platz für überschaubare Artikel.

Die Struktur eines Landes kann man nicht nur vor Ort erkennen, sondern mit „Google Street View“ sehr viele Orte auf der ganzen Welt in scharfen, dreidimensionalen Fotos betrachten, vergrößern oder als Luftaufnahme im größeren Zusammenhang mit benachbarten Regionen sehen.

In Verbindung mit anderen Informationen aus dem Internet, eigenen Kenntnissen und den Methoden der Analyse und Auswertung, kommt man dann zu Erkenntnissen, die vor dreißig Jahren noch gar nicht möglich waren und die heute für jeden Privatmann meist kostenlos angeboten werden.

Die Sortierung der Daten nach Wichtigkeit, der Vergleich längerer zeitlicher Epochen und der wichtigsten wirtschaflichen Kennzahlen setzen allerdings voraus, dass ein breites Basiswissen vorhanden ist, auch in komplizierten Bereichen, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben.

Das haben die Forscher schon vor zweitausend Jahren versucht, sind aber damals an Grenzen gestoßen, die es heute nicht mehr gibt.

Mao Ze Dong sagte, „Holt die Philosophie heraus aus den akademischen Hörsälen und macht sie zu einer Waffe in den Händen des arbeitenden Volkes.“

Eine harte Waffe muss das gar nicht sein, aber das Lernen und Nachdenken ist ein umersetzliches Instrument für den zukünftigen Fortschritt. Wird es richtig gebraucht, ergeben sich die realisierbaren Lösungen von selbst.