Es ist Mitternachtszeit

13.1.2016. Vor ein paar Tagen war es Mitternacht, als die ersten Stichworte zu diesem Artikel notiert wurden. Dann kamen einige Tage lang andere Dinge aus der Realität, und Gespräche, die von der Thematik ablenkten. Im Alltag ist die Mitternacht die Stunde, wo die meisten Menschen schlafen oder die Geisterstunde, wenn die Träume lebendig werden, mit denen Alltagseindrücke verarbeitet werden. Zitat:

„Es ist Mitternachtszeit,
und unsel’ge Geschlechter stehenn auf, aus vergessnen, eingesunknen Gräbern.
Und sie blicken mit Sehnsucht
nach den Kerzen der Burg und der Hütte Licht.
Und der Wind schüttelt spottend nieder auf sie
Harfenschlag und Becherklang
Und Liebeslieder.
Und sie schwinden und seufzen:
»Unsre Zeit ist um.«
Mein Haupt wiegt sich auf lebenden Wogen,
Meine Hand vernimmt eines Herzens Schlag,
Lebenschwellend strömt auf mich nieder
glühender Küsse Purpurregen“
Mit diesen Worten beginnen Arnold Schönbergs „Gurre-Lieder“, über die ich bereits vor ein paar Tagen geschrieben habe:

„Gurre-Lieder“

http://luft.mind-panorama.de/arnold-schoenbergs-gurre-lieder/

Auch Märchen sind Träume. Zum Jahresende zeigte das Fernsehen eine klassische Verfilmung von Tschaikowskys „Nussknacker“, liebevoll ausgestattet im Stil des 19. Jahrhunderts und mit einer Überfülle von Ideen. Ein Weihnachtsabend, an dem sich die Figuren verwandeln und Geschenke lebendig werden. Der hinkende Pate Drosselmyer im braunen Gehrock überreicht der jungen Klara einen  Nussknacker. Dann ist  er plötzlich ein Zauberer mit Napoleonhut und farbenprächtigem langen Gewand. Später wird er zum Nussknacker, der Klara vor angreifenden schwarzen Ratten schützt. Schließlich zum weißen Märchenprinzen, der mit Klara gemeinsam tanzt. Die beiden Solisten sind Ludmila Kornovalova und Vladimir Shishow. Regie und Choreographie stammten vom unergessenen Rudolf Nurejew, der selbst in einer anderen Verfilmung zu sehen ist:

https://www.youtube.com/watch?v=bN_buVsEUUI

Märchen und Träume lassen sich deuten mit den Methoden der Bildersprache (Symbolistik) und der Entschlüsselung von Rätselzeichen (Kryptologie). Auch die Handlungen der alten Geschichten stammen  aus Eindrücken der Realität, die von der Phantasie verwandelt werden, zum Beispiel bei den alt-orientalischen Geschichten aus 1001 Nacht. Die Verfilmung von Pier Paolo Pasolini beginnt mit den Worten: „Die Wahrheit liegt nicht in einem einzelnen Traum. Die Wahrheit liegt in vielen Träumen.“ Hier kann man einen Ausschnitt sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=Dnj9myznC3k

Solche Einsichten gelten auch für die surrealistischen Traumwelten von Salvador Dali, der mit fotorealistischen Methoden Landschaften und Figuren so zusammenstellte, wie es sie in der Wirklichkeit gar nicht gibt, aber in der Tiefe des Unterbewustseins, wo  Sigmund Freud den Schlüssel fand für frühere Erfahrungen und Enttäuschungen, die nur scheinbar vergessen sind, aber das aktuelle Handeln des Menschen bestimmen. Die Phantasie schafft sich eigene Welten. Eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, aufgeladen mit Atmosphäre und starken Bildern.

Hector Berlioz komponierte eine „Phantastische Sinfonie“. Die einzelnen Sätze haben folgende Titel: 1.Träumereien, Leidenschaften 2. Ein Ball 3. Szene auf dem Lande 4. Der Gang zum Richtplatz    5. Hexensabbat.

Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=0DWjI1uLSzw

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