Es war ein König in Thule

11.11.2019. „Es war ein König in Thule, der sterbend seiner Buhle einen goldenen Becher gab..“ Das bekannte Goethe-Gedicht ist symbolistisch. Das heißt, jedes Wort kann einen ganz anderen Sinn haben, muss aber durch Assoziationen (Gedankenbrücken) miteinander verknüpft sein. Das gesamte Gedicht kann jeder selbst nachlesen. Hier geht es nur um ein Beispiel. Der König kann auch ein sonstiger Herrscher sein. Ein Diktator oder ein Geistesfürst, so wie man auch Goethe selbst nannte. Thule ist ein alter Name für Skandinavien. In der antiken griechischen Sagenwelt galt Thule als geheimnisvolle Insel in Nordeuropa, von der Niemand genau wusste, wo sie lag. Die Buhle ist eine Geliebte, kann aber auch ein geliebtes Land oder ein Lieblingsthema sein. Und wenn der König stirbt, hinterlässt er oft einen Becher oder ein anderes Andenken, zur ERinnerung an seine Heldentaten oder an seine Verbrechen.

Ein goldener Becher ist zunächst nur ein kostbares Schmuckstück. Wenn sich darauf noch Diamanten oder Perlen befinden, wirkt es überladen oder protzig. Ohne Ornamente ist es ein Trinkgefäß für besondere Anlässe. Wenn ein Bild oder ein Zeichen darauf zu sehen ist, hat es aber den größten immateriellen Wert. Denn das Zeichen auf solch einem besonderen Gefäß ist kein Zufall,sondern selbst ein Symbol. Das können zwei ineinander verschlungene Hände sein zur Erinnerung an die gemeinsame Liebe. Aber auch Pflanzen und Tiere bekommen dann eine starke Bedeutung. Die chienesischen Zeichen Yin und Yang stehen für das Dualitätsprinzip: Schwarz und Weiß. Sommer und Winter. Krieg und Frieden. Der chinesische General Sun Tsu schrieb vor zweitausend Jahren: „Das Ziel des Kriegs ist nicht der Sieg, sondern der Frieden.“ Ganz einfache Worte, aber in der Realität nicht so leicht zu finden. Manche militärischen Kriege dauern Jahrzehnte. Im Geschäftsleben wird oft versucht, die Konkurrenz zu schlucken, um die eigene Macht zu vergrößern.

Besser als jeder Krieg ist die Liebe in ihren vielen Erscheinungsformen. In einem meiner Stammlokale stehen täglich dunkle Rosen auf den Tischen. Sie sind natürlich nurn eine Dekoration, damit die Gäste sich wohl fühlen.

Gestern gab es dazu eine außergewöhnliche Inszenierung, deren Einzelheiten genauso zufällig wirkten, aber im Gesamtbild eindeutig vorbereitet waren. Mittags saß an einem Nebentisch ein einfaches Paar. Er trug ein dunkelrotes Hemd, und sie blätterte in einer schwarzen Handtasche, die mit dunkelroten Stoffrosen verziert waren, den Zeichen der Liebe. Dann kam ein Pizzabote herein in einer dunkelroten Hose und holte zwei Portionen zum Mitnehmen ab, vielleicht für ein Essen zu Zweit, in Zweisamkeit. Weitere Details wiesen auf ein ähnliches Lokal hin. Dort saßen viele Menschen, aber Drei fielen auf. Ein junges Ehepaar, das mit sich selbst beschchäftigt war. Dann ein junger Mann mit temperamentvoller Freundin und deren knallrot gefärbten Haaren, der sicher auch mal Lust darauf hatte, andere Chancen und Wahlrmöglichkeiten zu erleben. Und die dritte Person war allein, hat aber immer wieder hergeschaut. Auffällig war, dass drei dieser Gesichter an den drei Tischen sich sehr ähnlich sahen, so dass der Regisseur eine Gedankenverbindung (Assoziation) herstellen wollte. Nämlich an eine andere Person, die ich in Kürze an solch einem Ort treffen will und schon seit dreißig Jahren kenne. Weitere Details gehören hier nicht hin. Die Inszenierung hatte sich offensichtlich Jemand ausgedacht, der mein Interesse an Symbolik kennt. Allerdings gehört so etwas in einen Kinofilm oder in ein Theaterstück. Auch wenn es perfekt gelungen war, mag ich keine Inszenierungen im Privatleben, die ich nicht selbst ausgesucht habe. Im Kino oder Theater verlässt man dann einfach den Saal. Hier wäre es unhöflich gewesen und war außerdem sehr gut gelungen. Aber es gibt in der Filmstadt München zu viele verkleidete Statisten mit dem Auftrag, Passanten mit Psychoterror zu nerven. Das reicht dann auch.

Als Zeichen der Liebe gelten dunkelrote Rosen, die im Herbst welken, aber im Frühjahr zurückkehren. Das November-Lied „Letzte Rose, wie magst du so einsam hier blühen. Deine freundlichen Schwestern sind längst dahin“ singt hier Anneliese Rothenberger mit unvergesslichem Ausdruck: