Fleckenlos sauber

10.9.2020. Wenn ein Gegenstand aus einem einzigen Naturmaterial besteht, verringert jeder Riss seinen Wert. Doch die Natur selbst ist nicht so kleinlich. Mischgewebe aus unterschiedlichen Stoffen kann sehr begehrt sein, wenn die Einzelheiten wertvoll sind, zum Beispiel die versteinerten Fossilien von längst ausgestorbenen Tieren in durchsichtigen Bernstein-Halsketten aus der Frühzeit. Am wertvollsten war immer reines Gold. Kein Alchemist konnte es nachbauen, nicht einmal die zaubermächtigen Magier in alten Märchen. Alle Versuche schlugen fehl. Gold bleibt teuer und wertbeständig.

Das lockt natürlich auch Diebe, Mörder und Erbschleicher an. Das ist Thema vieler Kriminalfilme. Aber Niemand muss es zu Hause unter seinem Kopfkissen verstecken. Alle Banken bieten die bezahlbare Anmietung hauseigener Tresore an. Wer nachschauen will, muss seine Identität nachweisen und für seine Anwesenheitszeit unterschreiben, damit der rechtmäßige Besitzer alles kontrolliern kann und verdächtige Verwandte sofort aus seinem Testament streicht. Das ist am wirkungsvollsten in einer Video-Aufzeichnung, wenn der Notar sie der versammelten Trauergemeindes vorführt. Alle erleben dann gleichzeitig die Rede des Verstorbenen, wen er lobt und wen er verflucht. Einer hat sogar monatelang bei den Aasgeiern sich teuer durchfüttern lassen und falsche Komplimente verteilt. Die Vorfreude auf ihre Enttäuschung war danach noch größer als sein vollgefressener Bauch.

„Fleckenlose Sauberkeit“ war vor sechig Jahren ein ständiger Reklamespruch für Waschmittel, zum Beispiel bei der Marke Persil. Heute noch wird jedes Gutachten, das lügnerische Komplimente an Verdächtige verteilt, als „Persilschein“ bezeichnet, den Jeder für ein gutes Anwaltshonorar selbst gestalten kann. Mit solchen Persilscheinen kann man viel verdienen und verkaufen, ein pauschales Urteil wie „Gut“ oder „Geprüft“ lässt sich oft nicht anfechten, wenn Einer darauf hereinfällt. Wunder wirken dabei akademische Titel wie „Professor“ oder „Universität Ostpreußen“ neben der Unterschrift, obwohl es die gar nicht gibt.

Schnarrende, schnauzende Professoren werden immer weniger. In den Wiener Kaffehäusern belohnen die frackgeleideten Kellner jeden Stammgast, der ein gutes Trinkgeld gibt, mit der respektvollen Anrede „Herr Professor“ oder der Beförderung zum kaiserlichen „Hofrat“.

Fleckenlos sauber sollten die gebügelten weißen Hemdkragen aller wichtigen Leute sein, sonst nützt auch der schwarze Anzug mit Krawatte gar nichts. Manager, Spitzenpolitiker und Millionäre sind daran erkennbar. Doch die gechäftstüchtigen Amerikaner kennen auch das Stichwort „White Collar“. Der weiße Kragen bedeutet dabei besonders schlaue Verbrecher. Oft Firmenchefs angesehener, berühmter Unternehmen mt erstklassigem Ruf. Besonders schlimm hat es dabei „Lehman Brothers“ erwischt, eine große New Yorker Privatbank, die am 15.9.2008 Pleite ging. Die zuständigen Strafverfolger vom FBI konnten nachweisen, dass jahrelang viele kleine Sparer getäuscht und belogen wurden. Meine eigene, verstorbene Tante hat bei Lehmann ihr gesamtes Spargeld verloren. Beraten wurde sie von einem nahen Verwandten, dem sie seit Kindheitstagen vertraute. Er war beruflich Investmentberater, sollte also auch reichen Leuten dabei helfen, ihre Bankguthaben zu steigern.

In einigen Branchen ist das keine Seltenheit. SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein schrieb: „Wo viel Geld ist, ist auch das große Verbrechen nicht weit.“ So pauschal stimmt das keinesfalls, aber bekannte Beispiele für Betrug, Veruntreuung und gefälschte Bilanzen gibt es weltweit, in Überfülle.

Auch in der Immobilienbranche gibt es Schwarze Schafe. Sie sind aber eine kleine Minderheit, die rasch auffällt und bei der Konkurrenz viele neugierige Köpfe hat, die sofort Bescheid wissen. Über vierzig Jahre lang habe ich die Immobilien eines Großkonzerns in Münhen betreut. Der Kontakt zu den früheren Kollegen ist längt abgerissen. Aber da lernt man Alles kennen. Zur Begrüßung erhielt ich damals ein Rundschreiben für alle Mitarbeiter. Uns wurde streng verboten, an eine bestimmte, nicht einmal sehr bekannte Firma Aufträge zu vergeben. Die beschuldigten Bearbeiter wurden damals fristlos entlassen und vor Gericht gestellt. Das Geheimnis wurde jedoch nicht bekannt. Ein Abteilungsleiter, bei dem alle Firmenbewerbungen eingingen, besuchte danach die Büros der Bearbeiter. Ganz nebenbei, natürlich nicht schriftlich, gab er seine Meinung über den besten Bewerber von Tür zu Tür. Das hatte Erfolg, und er ging, noch vor meiner Zeit, in einen gefeierten, hoch bezahlten Ruhestand. Das war natürlich ein fortdauerndes Kantinenthema, beim gemeinsamen Kaffeetrinken. Aber auch abgehakt. Erledigt. Ich selbst habe derartige Machenschaften nie geduldet, aber auch Niemandem geschadet. Trotzdem entstanden Feindschaften, meisten heimlich, mit einem falschen Lächeln. Und schamlose Machtdemonstrationen, mit ganz unbekannten Methoden.

Das ist Schnee von gestern, betrifft nur noch die Aktiven, die ständig Lieblingsthema der Wirtschaftspresse sind. Besonders beliebt bei den Journalisten sind immer öfter die „Whistleblower“, die eingeweihten Mitwisser, die trotzdem herumplaudern. Ihre Anonymität wird auch von der Polizei geschützt. Es reicht ja ein kleiner transportabler Datenspeicher mit lückenhaften Informationen, die von erfahrenen Experten wie ein Puzzle-Spiel ergänzt und zu einer gerichtsfesten Lösung zusammengesetzt werden.

Immer wieder habe ich seit Jahren darauf hingewiesen, dass die Arbeitsmethoden der Forensik (Spurenauswertung) fehlerhaft und rechtswidrig sein können und auch bei den Profis große Wissenlücken bestehen.

Die Details muss man nicht wiederholen, aber sie müssten sich längst herumgesprochen haben. Die Beseitigung solcher Lücken wurde in vielen Artikeln erklärt. Trotzdem sind sie immer noch erkennbar. Aus vielen Gesprächen im Lauf der Jahre weiß ich, dass auch Führungskräfte noch Informationen brauchen, die sie sich längst selbst hätten besorgen können.

Wer das ist, spielt hier keine Rolle, löst das Grundproblem nicht und übersteigt auch die Möglichkeiten eines Zeitungslesers. Einzelne Personen sind nur kleine Räder in einer großen Maschinerie, die ihre Störquellen und Wissenslücken selbst beseitigen kann und muss. Dafür allerdings ist keine Zeit mehr zu verschenken.

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