Gedanken lesen

12.9.2020. Gedanken lesen kann man nicht direkt. Auch keine Hirnstromgeräte, Bewegungsmesser oder andere Empfänger können das. Aber auf einem kurzen Umweg kommt man trotzdem weiter.

Gedanken hinterlasen ihre Spuren in der Sprache, in Texten und Gesichtsphotos. Die Muskulatur des Gesichts bekommt ständig Signale aus dem Gehirn, verändert sich dann kurz oder erzeugt auf Dauer eine Trauerweide oder ein Glückslos. „Ab Vierzig ist Jeder für sein Gesicht selbst verantwortlich.“ Der Spruch ist nur ein Bruchstück der Wahrheit. Tatsächlich erzeugen Alltagserlebnisse Gefühle und andere Reflexe, die am Mund, den Augenbrauen und den beiden optischen Empfängern erkennbar werden. Bewegt man sie, ohne eigene Abicht, kann man Rückschlüsse ziehen, wie auf einer Geländekarte.

Absichtliche Verzerrungen erkennt man an Übertreibungen oder falschen Einzelheiten, die zum Beispiel mit einem gleichzeitig gesprochenen Text nicht zusammenpassen, sondern nur Mitleid erregen sollen, wie bei Bettlern. die an der nächsten Straßenecke von ihrem Ausbilder regelmäßig abkssiert werden. Eine ständig übertriebene Mimik deutet hin auf schamlose Lügen und frei erfundene Märchen. „Schmierentheater“ hat eine schlechte Qualität, auch wenn es raffiniert einstudiert ist. Merkt man das, glaubt man den Akteuren gar nichts mehr oder meidet die Eintrittskosten. Bei den großen Theaterdramen von Wagner wird jedes überdrehte Pathos oder zu dramatische Bewegungen rasch ein Grund für lautes Gelächter. „Theater des Grauens“ heißt ein Horrorfilm mit Vincent Price als wütender Edward Lionheart (Löwenherz), der als ausgelachter Shakespeare-Schauspieler Rache nimmt, indem er seinen Kritikern ihre bösen Berichte zunächst einzeln noch einmal vorliest: „Lionheart, das alternde Hausfrauen-Idol auf der Bühne, spielte so langweilig, dass ich Lust bekam, in ein fettes Schinkenbrot hineinzubeißen.“ Der freche Kritiker meint sogar, kurz vor seinem Ende, er wäre eingeladener Gast bei einer exklusiven Weinprobe, wird aber vom tobenden Lionheart in einem vollen Weinfass ertränkt.

Lionhearts Gedanken konnten die Kritiker vorher nicht lesen, sonst hätte er verloren. Nur beim bequemen Zuschauen im Theatersessel ist das auch nicht möglich, genauso wenig bei echten Gruselfiguren in der Firma oder buckeliger Verwandtschaft, die preiswerte Ansichtskarten schreiben mit Selbstporträts und dem handschriftlichen Zusatz: „Melde dich, sonst kommen wir.“

Gedanken lesen kann man mit einfachen Methoden, muss aber vorher lange üben. Die Psychoanalyse wertet Auffälligkeiten und Störungen aus, indem sie die Ursachen ermittelt. Das ist keine Spielerei, sondern kann schwer schief gehen, wenn man Fehler macht. Irren ist zwar menschlich, aber wenn man ein kostbares Trinkglas falsch anfasst, bleiben nur noch Scherbensplitter. Wenn man eine landende Weltraumrakete nur mit den Händen auffangen will, überlebt allein das Raumschiff.

Peter Sarstedt (1941 – 2017) schuf 1969 ein Lied voll sprachlicher Zeichen und Querverweise. „Where do you got to, my Lovely?“ Auszug: „Du sprichst wie Marlene Dietrich, und du tanzt wie Zizi Jeanmaire. Aber wohin gehst du, wenn du allein im Bett bist? Sag mir die Gedanken, die dich umgeben. Ich möchte hinein schauen.“ Hier erlebt man das, mit passenden Bildern und Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=b8JOi1q5ugs

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