Gelato – Azzurro

27.2.2020. Seit ein paar Tagen sind die ersten Eiscafés wieder geöffnet. Die gekühlten Verkaufstheken sind voll, aber die Kundschaft wartet noch ab. Das Personal serviert Kaffee und stammt überwiegend aus den ärmeren Regionen südlich von Neapel. Zwar hält sich der Verdienst auch zur Hochsaison in Grenzen, aber insgesamt sind die Mitarbeiter offensichtlich lieber hier. Ganzjährig voll sind die meisten Pizzerien. Dort wird gut gekocht, zu niedrigen Preisen angeboten, und auch dort sind die Leute meistens aus dem ganz südlichen Mezzogiorno. Wenn der schmale Streifen Österreich in der Region Innsbruck nicht wäre, wäre die Bevölkerung südlich vom Brenner sogar Deutschlands Nachbarland. Die gerade erwähnten Zuwanderer kann man vor Allem in München überall sehen. Aber schon Bert Brecht schrieb, „Doch du siehst nur die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Die Unsichtbaren sind natürlich trotzdem da. Beamte, deren Anzahl in ihrer Heimat immer noch drastisch zunimmt, weil nur sie eine Garantie dafür sind, dass überall die gewohnte Ruhe und Ordnung herrschen. Die ganz hohen Staatsdiener erkennt man daran, dass sie gut geschnittene Anzüge tragen, deren Farbe fast schwarz ist. Es ist also nicht die Nationalfarbe „Azzurro“ (himmelblau). Die edlen Stoffe zeigen ein ganz dunkles Schwarzblau, wie der Stein Lapislazuli, den die Herrscher füherer Jahrhunderte liebten und der vor zweitausend Jahren dem Besitzer magische Kräfte und ein verborgenes Geheimwissen verlieh. So und nicht anders muss es gewesen sein, als das römische Weltreich entstand. Mit Logik lässt sich nicht erklären, warum auf einmal das damalige Europa von Fuß-Soldaten mit Schwertern überflutet wurde, die in alle Himmelsrichtungen marschierten und die Beute in ihre Hauptstadt schleppten. Das ist längst vorbei, aber am Gymnasium bekamen wir die Spätfolgen zu spüren, weil wir neun Jahre lang als Hauptfach Latein lernen mussten. Den Sinn dieses Pflichtfachs, zum Andenken an ein längst untergegangenes Reich, konnte niemand erklären. Es war aber vom Kultusministerium so angeordnet. Und damit Basta!

Damals lernten wir allerdings auch, dass man Autoritäten nicht deshalb respektieren muss, weil sie akdamische Professorentitel tragen oder ein paar Millionen auf ihr Bankkonto geschoben haben, die über Nacht, wie ein Sternenregen, sich dort befanden. Echte Autoriäten sind nur diejenigen, die durch eine nachprüfbare Leistung, also zu Recht, viel Geld verdient haben. Solche Leute treten oft sehr bescheiden auf. Die Anderen nicht. Schlimm wird es, wenn Macht und Geld sich ewige Treue schwören. Nicht nur die erhoffte Zeitdauer kann ein Irrtum sein, auch die Substanz solcher Partnerschaften kann schillernden Seifenblasen sehr ähnlich sein oder locker aneinader gelehnten Kartenhäusern, die jederzeit in sich zusammenfallen können und dabei Tausende mit sich reißen.

Staaten zu vergleichen, ist gar nicht so schwer. Die wichtigsten ökonomischen Kennzahlen sind das Gesamteinkommen einer Nation und dessen Verteilung auf Regionen und einzelne Personen. Natürlich gibt es noch viele andere Merkmale, aber dann käme nur ein tausend Seiten dickes Buch dabei heraus, mit vielen unverständlichen Fachbegriffen, das Keiner lesen will. Wenn man das erwähnte Geld und alle Finanzströme eines Staates addiert, kann man die gleichen Vergleichszahlen anderer Länder daneben setzen und die Gesamtgröße relativieren, also auf eine gemeinsame Basis stellen. Sofort stellen sich Unterschiede heraus, und dafür gibt es immer Ursachen. Nimmt man die deutschen Nachkriegsjahre, insbesondere das „Wirtschaftswunder“ der Fünfziger und Sechziger Jahre, und vergleicht es mit anderen uropäischen Staaten, so ergeben sich oft krasse Differenzen. Die Ursachen dafür sind schon lange bekannt, aber es gibt sie immer noch. Die erkennbaren Unterschiede zu beseitigen, kann nicht Sache einiger weniger Personen sein. Hier muss ein landesweites Netzwerk entstehen, dessen Mitglieder nicht jammern und klagen, sondern en klares Ziel vor Augen haben, das sich auch in hartnäckig immer noch belastendenden Problemfällen innerhalb weniger Jahre stark verbessern lässt.

Auch das wurde schon ein paar mal im Detail erläutert. Wenn ein großes Glasfenster aus vielen kleinen Steinen besteht, dann ist jedes einzelne Teil dieses Mosaiks wichtig. Für den, der daraus ein großes Bild bauen kann – und will.

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