Geworfen sein

„Geworfen sein.“ Das ist eine der zentralen Ideen von Martin Heidegger. Er meinte damit, dass kein Mensch es sich aussuchen kann, in welcher Umgebung er aufwächst, weil das Schicksal ihm von Anfang an zuteilt, wohin er „geworfen“ wird. Dann muss er sich damit abfinden und das Beste daraus machen. Also erst einmal die Anpassung als heranwachsendes Kind, dann das Erlernen eines weiteren Horizont an den Schulen und schließlich die Entscheidung darüber, ob er eigene Ideen verwirklichen will oder sich weiter an die Mehrheit anpasst.

Die ersten anderthalb Jahre in München habe ich die gesamten Fahrpläne für die Firmenautos gestaltet. Das geschah damals noch von Hand mit einer Rechenmaschine. Alls war so kompliziert, dass ein Durcheinander gar nicht zu vermeiden war und ständig heftige Beschwerden erzeugte. Nach ein paar Wochen wurde aber klar, woher die Hilfe kam. Damals wurden bundeswet die ersten Firmencomputer eingeführt. Die meisten standen erst einmal nur herum. Doch die komplizierten Fahrpläne ließen sich damit bändigen, wenn man das System erkannt hatte. Persönlich gab es damals überhaupt kein technisches Interesse, aber ein Kollege hatte sich privat die Vorteile der schnellen Berechnung und Änderung angeeignet. Als Dritter kam ein langjähriger Fahrer dazu, der unsere ersten Experimente aus der Sicht des Praktikers beurteilte und sie dann auf dem Bildschirm eintippte. Nach zwei Monaten funktionierte das Ganze reibungslos und konnte als Papierausdrucke von jedem Beteiligten auch unterwegs verwendet werden. Unser oberster Entscheidungsträger meinte damals zu meinem Vorgesetzten, „Das wäre Ihre Aufgabe gewesen“ und hat ihn dann nicht mehr befördert und kaltgestellt. Ein Dankeswort habe ich nie gehört, bekam dann aber die Leitung einer kleinen Hausverwaltung. So bequem dort die Arbeitserledigung war und auch weil alle Mitarbeiterposten doppelt besetzt waren, ergab sich daraus aber kein angenehmes Betriebsklima. Aus Langeweile und Neid wurde intrigiert und gestört. Klatsch und Tratsch verleumdeten diejenigen, die gerade nicht anwesend waren. Und wer dagegen klare Worte sprach, wurde selbst zur Zielscheibe von Attacken aus dem Hinterhalt.

Es ist also nicht im Machtbereich eines Einzelnen, welchen Weg er nimmt. Und wenn die Dummen die Macht übernehmen, sollte man lieber auf einen anderen Platz gehen. Was dann passieren kann, ist noch erstaunlicher.

Das gilt auch im Privaten. Meine Heimat Westfalen hat herrliche Landschaften und Städte. Doch eine langjährige Beziehung wurde von einem achtzehnjährigen, also viel jüngeren Rivalen zerstört. Der Kampf dagegen dauerte anderthalb Jahre, wurde aber anständig und fair abgewickelt. Im Angesicht der Aussichtslosikeit kam es zu dem Entschluss, alle bisherigen Brücken abzubrechen und weit fort zu gehen, nach München. Glück gebracht hat es den Anderen nicht, doch die neue Welt war voller Entdeckungen und erfreulicher Begegnungen.

Selbst die Schattenseiten gehören dazu. Also ist das „Geworfen sein“, das passive Abfinden mit allen Schicksalsschlägen, nicht das letzte Wort. Die Abenteuer eines neuen Kontinents sind manchmals spannender als Alles Vorherige. Und selbst die Erinnerung muss keine Sehnsucht sein, keine Trauerweide, sondern öffnet die Möglichkeiten für Vergleiche und neue Ideen.

Weil Niemand fehlerlos ist, nützt auch das Gejammere über alte Zeiten nichts. Absichtlich habe ich nie Jemand geschadet.

Mit manchen Leuten spricht man kein Wort mehr. Das wird auch in vielen Fällen so bleiben. Aber wenn dahinter nur Irrtümer oder frühere Fehleinschätzungen stecken, ist Jeder willkommen, der nicht nur aus Falschheit und Langeweile besteht. Vor Allem eine Person, die jahrelang fest an meiner Seite stand, gegen alle Teufel der Welt. Erst als herauskam, wer das war, erfüllte sich das Schicksal von Lohengrin, der Jedem verbot, nach seiner Herkunft zu fragen. Und als es dann doch geschah, ohne die notwendige Wartezeit auszuhalten, verschwand er einfach wieder in seine Heimat – kam aber in wechselnden Verkleidungen immer wieder zurück.

Lohengrins Erzählung geht wörtlich so: „Nun hört, wie ich verbotener Frage lohne. “ Danach ist er einfach weg. Meinen seine Zuhörer. Aber auch da haben sie sich geirrt.

Hier singt Sandor Konya die vollständige Gralserzählung:

https://www.youtube.com/watch?v=PKh9XN4OY3I