Gianluigi Nuzzi, Weltgericht

23.10.2019. Der römische Journalist Gianluigi Gelmetti ist ein Vatikan-Experte und hat jetzt ein neues Buch veröffentlicht: „Weltgericht“. Der bekannten Zeitung „La Repubblica“ fiel dazu die Schlagzeile ein: „Der heilige Crash“. Wie die Münchner Abendzeitung gestern berichtete, geht es darin um die Güterverwaltung des Vatikan, die zum ersten Mal im Jahr 2018 ein Minus schrieb. Grund: Steigende Personalausgaben. Sinkende Einnahmen. Das Spendenaufkommen von 2006 bis 2018 ging zurück um minus 51 Prozent. Letzter Stand: 101 Millionen Euro. Das gewaltige Immobilienvermögen wird schlecht genutzt. 800 von 4.000 Objekten stehen leer. Der Rest wird zu 15 Prozent gratis oder weit unter dem Marktwert genutzt. Die Rede ist von ungeregelter Klientelwirtschaft und der Sabotage aller Reformversuche des Papstes.

Das ist ein starkes Stück. Allerdings hat der Autor Nuzzi schon in früheren Büchern die Machenschaften der Vatikanbank genau durchleuchtet. Die Informationen kamen unter anderem von einem Privatsekretär des Heiligen Vaters, der vor Gericht offen erklärte, „Wir waren in tiefer Sorge um den Papst.“ Etwas später ist Benedikt zurückgetreten, der aus der Regensburger Region stammt und jetzt mit seinem Bruder Georg immer noch im Vatikan lebt. Benedikt ist ein kluger theologischer Experte, aber kennt sich in Finanzen wohl nicht so gut aus. Immerhin war er vor seinem Amtsantritt Leiter der römischen Glaubenskongregation. Das ist die Nachfolgerin der früheren Inquisition, die viele Ketzer und Kritiker auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Damit hatte Bendeikt nichts zu tun. Er hat aber in jüngeren Jahren dem Kirchenkritiker Hans Küng ein strenges Lehrverbot erteilt. Mehr nicht.

Die kurze Zusammenfassung des neuen Buchs hier am Anfang lässt allerdings jetzt schon alle Alarmglocken läuten, wenn man die Stichworte kennt. Papst Franziskus hat nach den ersten Büchern von Gianluigi Nuzzi die gesamten Kassenbücher der Vatikanbank von unabhängigen Experten prüfen lassen. Deshalb kommt jetzt ein Minus heraus, das sonst restlos vertuscht worden wäre. Außerdem wurden langjährige Finanzquellen offengelegt, die in allen Staaten verboten sind. Außerdem besitzt die Kirche immer noch zu viele Immobilien, für die in Deutschland der Staat als eigener Verwalter auftritt, schon seitdem der Münchner Graf von Montgelas (1759 – 1838 ) den Klerus vollständig enteignete und dafür Schadensersatz zahlte.

Die schlimmsten Stichworte sind zwei: Zunächst die „ungeregelte Klientelwirtschaft“. Falls das stimmt, dann sind Kirchengelder, auch Spenden, wie mit der Gießkanne verteilt worden, an Leute mit einer Vorliebe für streng riechendes „Vitamin B“ (Beziehungen) zu höchsten Kreisen der Kurie, die über alle Ausgaben entscheidet und dabei das letzte Wort hat.

Das zweite Stichwort: „Sabotage aller Reformversuche des Papstes“ Der Autor Nuzzi hat schon früher die verschiedenen Gruppen am Petersplatz genannt, die sich im Vatikan gegenseitig bekämpfen und ihren Chef nur als wirkungsloses Aushängeschild ertragen wollen.

Die Themen sind überhaupt nicht neu. Die Familie Borgia hat im 15. und 16. Jahrhundert, zur Renaissancezeit, alle Register des Ausplünderns und des Machtmissbrauchs gezogen und sogar zwei Päpste gestellt, bis es dem Reformator Martin Luther, einem vorherigen Klostermönch, zu bunt wurde und er sogar dem Kaiser ungehorsam war, der einen Wideruf von Luthers Ideen kategorisch forderte.

Das Etscheidende an richtigen Erkenntnissen ist es, dass sie sich offen überprüfen lassen und am Ende auch durchsetzen, weil sie von Kategorien wie Reichtum und Macht zwar bekämpft werden können, aber viel stärker sind als alle materiellen Vorteile. Wer das nicht einsieht, errichtet einen durchsichtigen Scherbenhaufen, der immer größer wird und den der größte Vorhang der Welt nicht mehr zudecken kann. Fehler passieren überall. Dafür jemand Vorwürfe zu machen, ist lächerlich. Aber man muss sie korrigieren und nicht vorsätzlich einfach weitermachen.

Gianluigi Nuzzi gehört jetzt schon in das ewige Gedächtnis der Menschheit. Und auch ein Anderer, der einen mächtigen politischen Helfer in einem Land fand, wo man das niemals vermutet hätte.

Edward Snowden wurde mit einem Schlag weltberühmt. Er hatte als Mitarbeiter des Super-Geheimdienstes National Security Agency ( NSA ) über Nacht seinen schönen Arbeitsplatz auf Hawaii verlassen, wo er als Administrator das Auftauchen bestimmter Passwörter im Internet überwachte. Bekam er vom System eine Meldung, hat er kontrolliert, was der Passwort-Inhaber machte. Snowden sagte an seinem ersten Fluchtpunkt Hong Kong, „Ich will nicht in einer Welt leben, in der jede Bewegung von mir aufgezeichnet wird.“

Ganz schnell hat ihm der russische Präsident Wladimir politisches Asyl angeboten. In Moskau kann Snowden sich frei bewegen, Kontakt zu Freunden halten, hat kürzlich sogar ein neues Buch über seine Erfahrungen veröffentlicht. Putins einzige Bedingung war, dass er nicht die Zusammenarbeit mit den USA stören darf. Natürlich weiß Snowden, dass er nicht nur beschützt, sondern auch beobachtet wird. Aber sonst braucht er nichts zu befürchten und ist in Sicherheit.

Warum hat Putin das getan ? Ein Experte sagte mir, „Das weiß Niemand!“ . Aber man muss nur die auf der ganzen Welt bekannten Zusammenhänge zusammenfügen und sich dabei auf das Wichtigste beschränken. Putin, der von anderen Staatslenkern nicht immer gerecht behandelt wird, hat erst einmal gezeigt, dass er sich in seine Angelegenheiten von keinem anderen Land der Welt hineinreden lässt und jede Einmischung abgelehnt.

Der zweite Grund ist noch wichtiger. Putin war in der DDR sogar ein Repräsentant des sowjetischen Geheimdienstes KGB und hat selbst miterlebt, dass trotz aller Genauigkeit und Ausdauer die östliche deutsche Staatsicherheit (Stasi) den Zusammenbruch des eigenen Staates zwar lange verzögern, aber am Ende nicht verhindern konnte.

Der russische Präsident hat also demonstriert, dass die Nachrichtendienste nicht allmächtig sind und hoch über den Gesetzen stehen, sondern dass die Lenkung eines Staates nach ganz anderen Prinzipien funktioniert. Dass ihm nicht Alles gelang, ist im Vergleich zum vorherigen Zustand einer langen Dauerkrise nicht wichtig. Er ist oft falsch behandelt und schlecht verstanden worden. Über die Möglichkeiten Russlands in der Zukunft habe ich schon ein paar Mal eigene, nirgendwo abgeschriebene Artikel allgemein zugänglich gemacht. Das wird sich auch nicht ändern. Aber Edward Snowden und sein Beschützer Putin werden immer gemeinsam genannt6 werden, auch wenn sie sich gar nicht treffen. Sie sind Teil des ewigen Gedächnisses der Menschheit. So wie auch der Am Anfang genannte römische Journalist Gianluigi Nuzzi. Der Fortschritt, die Evolution, die Verbesserung der Situation auf diesem Planeten hat durch sie starke Impulse bekommen. Und das ist noch lange nicht das Ende.

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