Hammelburg

7.8.2020. Hammelburg ist ein kleiner Ort, nicht weit von Würzburg. Dazu gehört die alte Kampftruppenschule I der Bundeswehr, auf einer Bergspitze gelegen. Von Januar bis März 1970 gab es dort einen Führungslehrgang, mit ungewohnten Überraschungen. Nach einem ganz normalen Arbeitstag wurden wir um Mitternacht geweckt. Zur Ausrüstung gehörte eine Kampfuniform mit Stahlhelm, ein Gewehr, ein gefüllter Rucksack und eine Karte, mit der jeweils 8 Soldaten und ein Truppführer losmarschierten. Draußen lag knöchelhoher Schnee. Unterwegs waren immer wieder versteckte Kontrollpunkte, deren tatsächlicher Besuch protokolliert wurde. Die Gesamtstrecke war endlose 43 Kilometer lang. Abkürzungsmöglichkeiten gab es nicht, auch keine Bänke zum Ausruhen. Geschafft haben es Alle. Drei Kilometer vor der Rückkehr zur Kaserne lag nachmittags ein kleines verlassenes Dorf. Dort öffneten sich plötzlich zwei Fenster. Bäuerinne schauten heraus und übergaben Jedem einen Steinkrug mit frischem Bier. Was damals Keiner wusste: Die Gastgeberinnen waren von der Einsatzleitung längst eingeplant und hergefahren worden. Eine kleine Anerkennung für den langen Marsch, die es offiziell für solche Pflichtaufträge gar nicht geben durfte.

Die körperliche Belastbakeit war damals auch sonst ein Dauerthema. Erst nach der dreimonatigen Grundausbildung wurde das ganz anders, viel ruhiger, und ganze Tage zogen sich beim gründlichen Waffenreinigen und ähnlichem Zeitvertreib in die Länge. Damals erreichten allerdings die großen Spannungen zwischen den öftlichen Blockstaaten und den westlichen Militärbündnissen gefährliche Höhepunkte. Es bestanden konkrete Angriffspläne, aus dem Osten überfallartig die westlichen Staaten bis zum Atlantik zu besetzen und zu beherrschen. Zwanzig Jahre später war das Alles vorbei. Der aus Moskau gesteuerte riesige Militärblock und auch die dabei fest angehängten Balkanstaaten hatten kein Geld mehr. Trotz scharfer Überwachung aller kritischen Bewohner, geladenen Waffen an den abgeriegelten Grenzen brach die ausgehöhlte, verbrauchte Gesamthülle einfach zusammen.

Danach sollte Alles besser werden. Am 25.9.2001 hielt der russische Präsident Wladimir Putin im Bonner Bundestag eine Rede in fließender deutscher Sprache, in der er leidenschaftlich für eine gute Zusammenarbeit aller Nachbarstaaten warb. Leider hat man ihn nicht so ernst genommen, wie er es verdient hätte. Jetzt, neunzehn Jahre später, gibt es zwar keine bedrohlichen Spannungen, aber die Atmosphär ist kühl. Dafür sind alle Beteiligten verantwortlich, kein einzelnes Land allein. Möglichkeiten und Chancen wurden nur teilweise realisiert.

Obwohl ständig der Begriff „Gemeinsam“ fällt, wurschteln in ganz Europa die Staaten nebeneinander her, je nach gewohnter, schwer beweglicher Tradition und vorhandenen Erbschaften. Und was sind das für Hinterlassenschaften ! Der verblasste Ruhm früherer Jahrhunderte. Die prall gefüllten Geldsäcke, die immer dicker werden. Die ausgeplünderten leeren Taschen, die trotz Arbeitseinsatz bis zum Abwinken nicht höher kommen dürfen.

Und warum ? Die Fakten sind bekannt, lösen aber keine Veränderung aus. Traurige Einzelfälle sind aber als Muster geeignet, für die Fehler in Millionen anderer Fälle. Die Schicksale kann man öffentlich in aller Ausführlichkeit nachlesen, auch bei Facebook und in den wachsamen Beobachtungsportalen gutwilliger Organisationen. Ein seit vielen Jahren Betroffener erzählt mir regelmäßig, dass trotzdem Alles beim Alten bleibt. Ein Einzelner kann sicherlich niemals die wackelnde Welt aus den morschen Angeln heben. Krieg und jede Form der Gewalt sind abzulehnen.

Aber da war doch mal etwas. Sogar immer wieder. Dazu gehören Namen, deren Inhaber keine Wunderwesen waren, aber als Stichwörter sofort verständlich sind. Peter der Große (1672 – 1725) baute ein russisches Imperium auf und setzte energisch Reformen durch. Gaius Julius Cäsar (100 – 44 v. Chr. ) vergrößerte Roms Macht. Das ging nur, wenn das immer stärker werdende Volk auch mitmachte und ihn nicht davonjagte. Im Jahr 1789 beendete die Französische Revolution die Fehler des letzten Königs und schaffte gleich die ganze Monarchie ab.

Das chinesische Kaiserreich wurde 1949 von Mao Ze Dong völlig abgeschaltet, der schon frühzeitig langfristige und energische Pläne hatte, das bisherige staatliche System völlig auf den Kopf zu stellen und durch eine straffe Herrschaft seiner eigenen Partei zu ersetzen. Erst nach seinem Tod 1976 sorgte vor Allem sein Weggefährte Deng Xiaoping durch gezielte Wirtschaftsreformen für eine starke Verbesserung des gesamten Lebensstandards. Die strenge, wachsame Organisation der Partei besteht allgegenwärtig weiter, aber das fruchtbare Gesamtklima lässt immer deutlicher die wachsende Stärke als lebendige Weltmacht erkennen. Vor ein paar Wochen sprach ich mit einem etwa fünfzigjährigen Chinesen, der einen schwarzen Nadelstreifenanzug trug und sich unbekannterweise für ein begrenztes Tischgespräch in akzentfreiem Deutsch Zeit nahm. Das reichte, um ihn beruflich einzuordnen, natürlich nur ganz allgemein. Er widersprach nicht, lachte sogar überrascht, legte sich aber nicht fest. Ergänzt wurde das neue Bild aber bereits vorher, als ein deutscher Anzugträger gehobener Preisklasse und mit auffälliger knallroter Seidenkrawatte, den Gast mit befehlsgewohnten Bewegungen bis zu seinem Platz begleitete und dann ging. Die Wichtigkeit der beiden knisterte förmlich in der Luft, hatte es aber nicht nötig, plump damit anzugeben. Das Thema Neugier erledigte sich damit von selbst.

Eine Empfehlung, denn unkontrolliertes Geschwätz ist abschreckend. Wertvolle Menschen senden ganz unauffällige Erkennungszeichen und Signale. Schmuck in dunklem Altgold kann sehr teuer sein, wirkt aber unauffällig und nicht aufdringlich. Was mir selbst ein Einheimischer nicht erklären konnte: Bei hohen Spitzenbeamten in Italien fallen die engen Maßanzüge auf, die einen fast schwarzen, nachtblauen Farbton haben. Das ist Lapislazuli, in früheren Epochen war diese Farbe ein Zeichen wichtiger Herrscher und Magier, die den nächtlichen Sternenhimmel deuten konnten und daraus Zauberkräfte gewannen. Hokuspokus? Nein.

Solche Wirkungen spürt man sofort, auch wenn man noch nie etwas darüber gelesen hat. Es ist verwandt mit dem animalischen Instinkt, der bei Tieren automatische Reflexe ausklöst. Der Mensch kann das vertiefen durch seinen Verstand, Erfahrungen, Zufallstreffen mit solchen Köpfen, deren Fassade nicht verrät, dass sie die Mächte bewegen können, die die Welt verändern.

China hat in den letzten Jahren immer stärker die Zeugnisse der Vergangenheit respektiert, die Pagoden zur Meditation, die stillen Bambushaine, die großen Flüsse und zeitlosen Denker. Franz Lehar hat im „Land des Lächelns“ das ganz stark in einem Lied nachempfunden. „Von Apfelblüten einen Kranz“ :

https://www.youtube.com/watch?v=V_KKPVZ255Y

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