Hammurabi

18.7.2020. Formate wie eine lang gezogene Linie, ein geschlossener Kreis, oder eine flache Ellipse sind in der Außenwelt kein Normalzustand, sondern nur Details mit einem Namen, dessen Inhalt festgelegt ist.

Ändert man den Inhalt mit neuen Begriffen, stimmt plötzlich nichts mehr. Das spielt keine Rolle, wenn es sich nur um einen Spitznamen handelt oder ein Phantasieprodukt, das ständig seine Eigenschaften ändert, wenn der Erfinder das so will. Aber selbst in erfundenen Abenteuergeschichten, muss es ein Minimum an Logik und Wiedererkenbarkeit geben,sonst werden sie langweilig.

Historische Chroniken über längt vergangene Kriege und Herrscher lassen sich überprüfen mit Hilfe anderer Quellen, Aufzeichnungen, Aussagen, geographischer Details, politischer und traditioneller Gebräuche.

Wer dabei schlampig und ungenau arbeitet, landet schnell in der Missachtung durch wachsame Kollegen oder ein Publikum, das selbst Kenntnisse und Antennen hat, die Alarm schlagen.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Doch jeder kennt Fälle, wo Fehlentwicklungen unbeirrt aufblühen, jahrelang wachsen und Schaden anrichten, weil man sogar viel Geld damit verdienen kann und wichtige Freunde gewinnt, die sogenannten Amigos, die gemeinsam Berge versetzen können, vor deren gigantischer Größe und Gipfelhöhe die Normalmenschen nur ganz klein, voller Staunen und Bewunderung verstummen.

So wächst ein Reich voller Freude, mit anschwellenden Wachstumsraten, aber mit keiner Erfolgsgarantie. Denn bereits 1750 vor Christus starb der babylonische König Hammurabi. Er hatte die älteste vollständig erhaltene Sammlung von Gesetzen realisiert, die 282 Paragraphen enthielt. Jeder musste sich daran halten. Absolute, autoritäre Herrscher halten sich auch in der Gegenwart für unangreifbar. Der Staatsrechtler Carl Schmitt (1888 – 1985) schrieb sinngemäß: „Über die Gültigkeit eines Gesetzes entscheidet nr der Wille des Herrschers“. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die wichtigsten überlebenden Verantwortlichen von den internationalen Richtern in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt. Obwohl die Angeklagten vorher ein eigenes Justizministerum hatten und dessen Gesetze ausführten, wurden sie wegen schwerer Verstöße gegen das Völkerrecht und die Menscblichkeit bestraft. Ihre Asche wurde nach München überführt und in der Nähe der Wallfahrtskirche Maria Einsiedel in die Isar geschüttet. Danach bekam Westdeutschland ein ganz neues Grundgesetz., das auch die Gerichte und die Polizei verpflichtet, Rechte der Staatsbewohner sicherzustellen wie die Meinungsfreiheit, den Schutz vor Straftaten und die „Unverletzlichkit der Menschenwürde“, die jede Form staatlicher Gewalt und Willkür verbietet.

Niccolo Macchiavelli (1469 – 1527) war ein Berater der Fürsten Medici in Florenz. Er schrieb das Buch „Der Fürst“ (Il Principe), in dem er Herrschermethoden mit klarem Blick analysierte, die auch vorher auf der ganzen Welt praktiziert wurden. „Der Zweck heiligt die Mittel“ ist eine der zentralen Thesen. Demnach darf man Alles, was einem selbst nützt. Auch die Methoden der Täuschung und der hinterlistigen Intrige beschrieb der Denker mit klaren Worten und verzichtete dabei auf persönliche Bewertungen.

Girolamo Savonarola (1452 – 1498) war sein damaliger Zeitgenosse in Florenz. Als kämpferischer Prediger der Dominikaner kritisierte er die lockeren Sitten in der Stadt und sogar den umstrittenen Papst Alexander in Rom. Dessen Versuche einer friedlichen Vermittlung scheiterten, und ein Todesurteil folgte. Vor dem zentralen Stadtpalast, Palazzo Vecchio, fand die öffentliche Hinrichtung auf einem Scheiterhaufen statt. Der Lebenswandel des Papstes änderte sich danach nicht, aber die Stimmen gegen ihn wurden lauter. Martin Luther erlebte das vor Ort. Er reagierte mit der Gründung einer ganz anders organisierten protestantischen Kirche, die mit den uneinsichtigen Herrschern im Vatikan nichts mehr zu tun haben wollte und immer stärker wurde.

Seit Jahrzehnten regiert in Florenz auch der grobe Massentourismus. Ziel ist nicht nur der Ponte Vecchio, die alte Brücke über den Arno. Goldschmiede in kleinen Läden verkufen dort ihre handgefertigten Waren an die vielen Besucher. Stellt man sich an die nahe Ufermauer, kommt man leicht mit Einheimischen ins Gespräch. Dann erfährt man auch, was nachts unter der Brücke los ist. Das Gleiche wie unter den Seine-Brücken in Paris. Kein Rebell und kein Herrscher stört dabei. Die Regeln und Gesetze schreibt Niemand auf. Aber sie gelten auch schon seit babylonischen Zeiten, weil Jeder sie kennt und das Beste daraus macht. Nicht nur für sich selbst.

„Firenze e como un albero fiorito“ ist eine Huldigung an Florenz, aus Puccinis Komödie „Gianni Schicchi“. Hier kann man das hören, mit Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=HG_uqPYaqfY