Herbst im Gleichschritt

31.8.2020. Der September gilt als Herbstmonat, aber im Kalender beginnt er erst in über drei Wochen, am 22.9. Am Sprachgebrauch ändert das aber nichts. Obwohl die Laubbäume erst Mitte Oktober beginnen, ihre Blattfarben auf die Palette zwischen Gelb und Rot umzustellen, greift die Melancholie jetzt schon um sich. Das Erntedankfest ist am 4. Oktober. Die Bilanz, die Rückschau auf die Aktivitäten des Jahres. Und auch auf das Leben, dessen Abschnitte oft mit den vier Jahreszeiten verglichen werden. Doch mit dem frostigen Winter ist nicht Schluss. Er dauert diesmal bis zum 20. März. Temperaturen und Wetter lassen sich nicht voraussagen. Die Prognosen der Meteorologen sind Vermutungen. Denn unvorhersehbar bleibt auch das Rezept: Die ständig wechselnden Tagestemperaturen, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, geographisches Klima, Windgeschwindigkeit. Erfahrungswerte der Vergangenheit bestimmen die Erwartungen der Gegenwart. Aber sicher ist nichts.

Der Philosoph Epiktet meinte, „Auf dieser Welt gehört dir gar nicht, außer dem, was du bist.“ Er meinte die Vergänglichkeit und Befristung aller sichtbaren, materiellen Kategorien und verglich sie mit dem Innenleben der einzelnen Personen. Das ist vielfältig und veränderbar, aber es bleibt bei jeder Rückschau ein persönliches Gesamtbild, dessen Grenzen und Möglichkeiten nicht verschenkt oder verkauft werden können. Das wird zwar immer wieder versucht, ist aber dann ein Selbstbetrug oder ein übernommener Zwang.

Der militärische Gleichschritt hat bis in die Gegenwart eine nachlassende Wichtigkeit. Bevor die Waffen von der Technik überrollt wurden, war die Kopfzahl der Soldaten ein entscheidender Maßstab des Erfolgs. Der Nahkampf in enger körperlicher Nähe wurde durch Muskelkraft entschieden. Und durch die Taktik der Generäle, jede Bewegung auf der feindlichen Seite möglichst früh zu erkennen und sich sich schon bei frühesten Ausbildung darauf vorzubereiten. Dann wurden Befehle erteilt, die streng zu befolgen waren. Denn wenn jede beschlossene Maßnahme erst noch lange diskutiert wurde, kommt gar nichts mehr dabei heraus, außer einer Niederlage für Alle. Vor zweitausend Jahren bekam der chinesische General Sun Tsu von seinem Kaiser den Auftrag, auch eine Frauenkompanie zu trainieren. Die Damen nahmen das zunächst nicht ernst. Sie kicherten und lachten, gehorchten nicht und erzeugten ein Chaos. Da näherte sich der General der Lieblingsfrau seines Herrschers und gab ihr persönlich Befehle zum Marschieren und zur sportlichen Bewegung. Das änderte gar nichts. Der Kaiser schaute nur zu. Da sagte Sun Tsu zu ihm, „Du hast bestimmt, dass jede meiner Anordnungen ausgeführt werden muss.“ Dafür bekam er sogar eine neue Bestätigung. Doch die nur hier schwerhörige Freundin des Kaisers nahm ihn immer noch nicht ernst.“ Da gab er den Befehl, sie sofort hinzurichten. Alle waren entsetzt. Aber der Herrscher konnte nicht vor der ganzen Versammlung sein Wort brechen. Das Urteil wurde vollstreckt. Danach war jeder Widerstand gebrochen. Das Training verlief ohne Unterbrechungen oder Störungen bis zum Ende. Auch dem Kaiser war klar, dass sein nächster Krieg bereits verloren war, wenn die Befehle seines Generals nicht ausgeführt wurden. Sun Tsu hinterließ nach seinem Tod ein kleines Buch, „Die Kunst des Krieges“. In einfacher Sprache geschrieben, ist es voll erstaunlicher Erkenntnisse. Die Wichtigste: „Das Ziel des Kriegs ist nicht der Sieg, sondern der Frieden.“ Denn wer in einem Dauerzustand der Aggressivität lebt, dazu auch noch Betrüger und Veräter ist, gerät eines Tages an Widerstände, die wie eine magische Wand wirken: Man schleudert einen Stein dagegegen, aber das Wurfgeschoss prallt zurück wie ein Bumerang und erschlägt den Angreifer.

Das gilt für alle Lebensbereiche, politisch, wirtschaftlich und privat. Manchmal dauert die überfällige Ablösung lange. Doch sogar Elefanten in der Wildnis können sich eine Attacke jahrelang merken. Afrika-Forscher haben oft berichtet, dass ein Tier sofort abweisend oder wütend reagierte, wenn es einen früheren Feind oder Tierquäler zufällig wieder traf.

Der militärische Gleichschritt passt nicht in jede Lebenslage. Im Dschungel kämpft Jeder für sich selbst. Darum haben strenge Staatsordnungen, Diktaturen oder Königreiche, nur eine begrenzte Zeitdauer. Das kann sehr lange sein. Aber was sind tausend Jahre gegen die 500 Millionen vergangenen Jahre, als die gesamte Lebensentwicklung auf der Erde die ersten Tiere mit Knochenskeletten erzeugte?

Ich war von September 1969 bis Dezember 1970 zum Militärdienst gesetzlich verpflichtet. Man lernst dort sehr viel Wichtiges, erlebt ausgebildete Organisationen mit großer Kopfzahl, die strenge Abläufe befolgen müssen.

Aber die Welt hat sich verändert. Wie schon immer. Heute entscheidet nicht mehr die Kopfzahl der Soldaten über einen Sieg, sondern die Technik. Die Methoden, damit umzugehen, die Strategie, ist oft stark veraltet.

Kriege der Zukunft werden durch die Nutzung der Elektronik entschieden. Nicht die Menge der Daten, nicht die Geschwindigkeit der Verarbeitung, nicht die Nutzungsrechte oder die Spezialkenntnisse beim Tippen der Tastatur. Sondern die Methoden. Wie man mit der Tehnik umgeht. Was man macht oder wegen des Verzichts auf nutzlose Zeitverschwendung unterlässt. Oder dass vernünftige Verbote auch eingehalten oder spürbar bestraft werden, wenn es dafür eine funktionierende kritische Öffentlichkeit gibt.

Solche Rezeptbücher haben noch viele Lücken. Sie müssen geschlossen und überall bekannt werden. Zu respektieren sind immer Betriebsgeheimnisse in Betrieben und Behörden. Aber nicht nur die Zuschauer, auch die beteiligten Mitarbeiter müssen sich daran halten. Die Grenzen der Geheimnistuerei lassen sich auch festlegen, damit keine Parallelwelten außer Kontrolle entstehen.

Viele Ansätze dafür gibt es. Aber im Vergleich zum offenen Gesamtpaket sind sie minimal. Die Folgen bekommt Jeder zu spüren, auch wenn er die Ursachen gar nicht erkennt. Das ist einoffenes Forschungsgebiet. Die Teilnahme steht Jedem frei. Aber auch das Risiko, dass Schlamperei, Täuschungsmanöver und Betrug trotz aller aufwändigen Vertuscherei erkannt und bekannt werden.

Die Presse ist dafür nur eine einzelne Informationsquelle. Bei gewinnbringenden Schlagzeilen wird manchmal auch die Wahrheit mit verkauft. In Einzelfällen ist das nicht selten passiert, zum Beispiel bei den halb vergessenen Lügen über die handschriftlichen Tagebücher von Adolf Hitler, die überhaupt nicht existierten.

Aber systematisch, nach einem festen und möglichst fehlerfreien, zuverlässigen System, passiert viel zu wenig. Fleißige und geeignete Köpfe dafür gibt es genug. Aber die vorhandene Menge hat nur dann einen besseren Wert, wenn man noch viel mehr Ergebnisse findet. Und nach der Fehlermeldung auch das richtige Werkzeug griffbereit hat.

Das wird unvermeidlich geschehen, auf allen Kontinenten und in den Ländern, wo Ungerchtigkeiten immer noch wie Unkraut zäh und hart weiter leben, durch Stillschweigen und Wegschauen.

Der chinesische General Sun Tsu (544 – 496 v. Chr. ), dessen Buch auch an amerikanischen Militärakademien zum Lehrstoff gehört, hätte Freude an unserer Gegenwart gehabt. Er hätte bei einem hinterlistigen Überfall, einem räuberischen Angriffskrieg, nicht nachgegeben, aber mit seinem umfassenden Denken ein paar richtige Wege gefunden, für sein Land. Und für Andere.

Asiatische Schlager hört man hier nur selten. Ein einzelner Welterfolg war vor sechzig Jahren das japanische „Sukyaki“ von Kyu Sakomoto. Hier hört man es mit englischen Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=RVPtPGSLXlY

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