Hitchcock, Der unsichtbare Dritte

15.8.2020. Der beste Film von Alfred Hitchcock ist nicht unbedingt sein bekanntester. 1959 schuf er sein Gipfelwerk „Der unsichtbare Dritte“. Mit 136 Minuten war es für damalige Verhältnisse (max. 90 Minuten) viel zu lang. Aber er weigerte sich gegenüber den finanzierenden Prouzenten, irgendetwas zu kürzen. Jede einzelne Minute gibt ihm Recht. Im Lauf vieler Jahre kann man den Film so oft anschauen, bis der endgültige Sättigungspunkt eintritt und jede neue Wiederholung ablehnt.

Details kann man anschauen. Aber eine gerechte Deutung müsste Tausende von Seiten umfassen. Dafür ist Jeder selbst zuständig. Das hohe Tempo der Handlung beschränkt die meisten Szenen auf ausgefeilte Episoden ohne jede Hektik, dafür mit Anspielungen und kniffeligen Querverweisen, die zunächst nur beunruhigen, aber im Finale (auf einem lärmenden Flugplatz) restlos und logisch aufgelöst werden. Mit einem Satz: Der Held, Roger Thornhill (Cary Grant), teilt seinen echten Namen ungefragt mit einem erfundenen Doppelgänger, der unter dem gleichen Namen, im Auftrag der Polizei (CIA) als Lockvogel gegen die raffinierte Verbrecherbande des Betrügers Van Dam (James Mason) arbeitet, von denen aber identifiziert und gejagt wird. Das zweite Phantom von Roger Thornhill existiert gar nicht, aber sein ahnungsloser Namenvetter. Der erlebt eine böse Überraschung nach der anderen, fällt staunend von einer Ohnmacht in die nächste.

Der Fluchtweg geht quer durch die Vereinigten Staaten, von New York im Osten bis zum Mount Rushmore im nordwestlichen South Dakota. Der Originaltitel des Films ist ganz einfach „North by Northwest“ (Nördlich – nordwestlich). Am Mount Rushmore sind in das Gebirgsmassiv seit 1941 die achtzehn Meter hohen Köpfe von vier merikanischen Präsidenten eingemeißelt : George Washington (1732 – 1799), Thomas Jefferson (1743 – 1826), Theodore Roosevelt (1858 – 1919), Abraham Lincoln (1809 – 1869).

Im Nahbereich dieser vier Skulpturen läuft das rasende Finale des Kinofilms ab. Hitchcock musste Auflagen und Verbote der Denkmalsverwaltung akzeptieren, drehte aber mit Kopien der Präsidenten-Köpfe zusätzlich im Studio.

In diesem Meisterwerk ist kein einziger handwerklicher Fehler erkennbar. Musik, Handlung, Schnitte erzeugen einen Höhepunkt nach dem anderen. Als die Hauptdarstellerin Eve Kendall (Eva-Marie Saint) ein teures rotes Seidenkleid mit aufgestickten Rosen trug, wollte sie, in einer Pause, Kaffee aus einem billigen Plastikbecher trinken. Hitchcock, „Zu solch einem Kleid trinkt man nicht aus einem Plastikbecher“ und überreichte ihr eine Porzellantasse. Seinem scharfen Blick entging Nichts.

Obwohl es sich um die bekannten Horror-Themen handelt, war das Drehbuch von Ernest Lehman voller Humor, die wechselnden Schauplätze wurden elegant und oft kostbar gezeigt.

Der Engländer Hitchcock schuf 1939 seinen ersten Welterfolg: „Rebecca“ im kalifornischen Hollywood. Die komplizierte, aber innerlich reiche und von tiefer Lebensfreude erfüllte Realisierung des „Unsichtbaren Dritten“ war auch eine Liebeserklärung an Nordamerika.

Die vielen Gesichter des Landes, vor allem die gewaltigen Monumental-Landschaften sieht man auch in der filmischen Umsetzung des Lieds „America“ von Simon and Garfunkel:

https://www.youtube.com/watch?v=3pWK9KASwFU

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