Ich mag die Ossis

11.10.2019. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gab es zunächst weiterhin ein einziges deutsches Volk. Vier Jahre später wurden zwei völlig unabhängige deutsche Staaten gegründet Die westlichen Siegermächte förderten finanziell die Bundesrepublik und gab ihr auch etwas vom Freiheitsgeist der New Yorker „Statue of Liberty“. Im Osten wurden die Geschicke von der mächtigen Sowjetunion bestimmt, die es allerdings seit dreißig Jahren auch nicht mehr gibt und völlig anders geleitet wird.

Wladimir Putin tritt auf wie ein moderner Manager. Er hielt nach dem Fall der Berliner Mauer als Gast im damaligen Bonner Bundestag eine leidenschaftliche Rede in fließendem Deutsch, die man sich auch heute noch anschauen kann. Er beschwor darin eine Zukunft der Gemeinsamkeit zwischen den vorher verfeindeten Staaten. Leider hat man ihn in den folgenden Jahren nicht so ernst genommen, wie er es verdient hätte, und es entstanden Missverständnisse. Fehler kamen dazu. Aber man fragt sich heute, was da eigentlich immer noch schief läuft. Das wird Thema eines eigenen Artikels.

Kürzlich sprach ich mit einer netten Dame, die in ihrem winzigen Lokal Bier ausschenkte. Geboren war sie in der DDR und ist jetzt 37 Jahre alt. Also war sie beim Zusammenbruch ihrer gewohnten Heimat erst ein siebenjähriges Kind. Sie hatte nur noch wenige Erinnerungen an Damals und interessierte sich vor allem für die jetzige Gegenwart. Trotzdem blitzten immer wieder Gedanken auf, die man aus vielen Berichten zwar schon kannte, aber nicht so genau aus erster Hand. Es steht auch Niemandem im Westen zu, sich selbst für etwas Bessere zu halten, nur weil man in einem angenehmeren Staat aufwachsen durfte. Einfach nur ein Zufall, mehr nicht. Trauriger ist der Fall eines älteren Mannes, der befehlsgemäß die Berliner Mauer bewachte. Wehren konnte er sich dagegen nicht. Als der „Schutzwall gegen den Imperialismus“ gebaut wurde, war bei den überraschten Zuschauern im Osten und Westen sofort erkennbar, dass überall bewaffnete Volkspolizisten Jedem genau auf die Finger schauten. In dem Gespräch habe ich damals noch mehr erfahren, aber keine Arroganz empfunden, sondern Traurigkeit und beim Zuhören auf Kommentare fast ganz verzichtet. Leider haben andere Stammgäste unsere Unterhaltung mitgehört und herumerzählt. Seitdem spricht er nicht mehr mit mir. Das ist zwar nichts Besonderes und passiert auch in anderen Situationen. Aber durch die Einmischung von außen ist die Möglichkeit eines weiteren Dialogs zerstört worden. Auch daraus kann man lernen und eine gute Gewohnheit daraus machen, dass man mit Vertrauenspersonen auch an solchen Tischen sitzen kann, wo keine geduckten Schnüffler sich breit machen. Außerdem ist es eine gute Idee, gerade Vertrauenspersonen so zu behandeln, als ob man sie gar nicht kennt, wenn ringsum die lauschenden Ohrmuscheln das Dreifache ihrer biologischen Normalgröße erreicht haben und eingeschaltete Handys auf Nachbartischen als Abhörwanzen funktionieren.

Das sind aktuelle Geschichten. Sind wir schon wieder so weit? Doch das kann auch als witziger Spass funktionieren. In der Filmstadt München sind oft verkleidete Jungschauspieler, mittellose Hausfrauen, Rentner und Arbeitslose unterwegs, um Reaktionstests für geplante neue Fernsehserien auszuprobieren. Am meisten lache ich über ältere Herren, die ihr schulterlanges graues Haar mit kaltem Leitungswasser streng nach hinten gekämmt haben. Dazu tragen sie schmale Nickelbrillen mit gestochen scharfen Gucklinsen, hinter denen sich winzige, wachsame Augen verbergen, die besonders streng schauen. Berufskosmetiker haben die Gesichtsmuskulatur in eine versteinerte, eisige Landschaft verwandelt, mit zusammengekniffenenen, mitleidlosen Lippen. Dazu passt eine ausgefranste graue Strickweste und eine graue Hose mit scharfer Bügelfalte. Die Täuschung erkennt man sofort, wenn man sich mit solchen „Informellen Mitarbeitern“ unterhält. Sie sprechen nicht Sächsisch, sondern Hochdeutsch und haben auch keine Ahnung vom Standard-Handbuch, in dem früher alle Tricks wie in einem Kochbuch zur aktiven Verwendung bereit standen. Einmal kam mir sogar der frühere Stasi-General Markus Wolf aus der U-Bahn entgegen, mit versteinerter, finsteter Miene. Doch erst als er in unmittelbarer Nähe vorbeiging, habe ich gesehen, dass es ein Doppelgänger war, der einem deutschen Journalisten ähnlich sah, der früher einmal spannende Reprtagen für die Berliner Bildzeitung geschrieben hat, natürlich nicht unter dem Namen Markus Wolf.

Die meisten Ossis sind nette Leute. Mit einem Handwerker aus Chemnitz habe ich oft völlig unpolitische Gespräche geführt. Er hatte in seiner Heimat drei Mal den Führerschein verloren, weil er zu viel hochprozentige Flüssignahrung gebechert hatte, war aber trotzdem so schlau, das beruflich benötigte Papier innerhalb kürzester Zeit wieder zurück zu bekommen. Solche Geheimnisse sind zwar auch lustig, gehören aber nicht hierhin. So wie Alles, was man von Leuten hört, denen man keineswegs schaden will und die daran auch ohne viele Worte niemals Zweifel haben mussten.

„Es wächst zusammen, was zusammen gehört,“ sagte der frühere Bundeskanzler Willy Brandt am 9.11.1989. Das Ziel ist noch lange nicht erreicht. Es wurden auch viele Fehler gemacht. Darüber kann man offen sprechen, aber nur, wenn es noch Handlungsbedarf gibt und sagt, was man da machen kann.

Für lange Abhandlungen ist hier kein Platz, aber für Jeden klar erkennbar ist die Assimililation. Auf der ganzen Welt passen sich die Leute an ihre gewachsene Umgebung an und leben gut damit. Sogar orginelle Dialekte wie das Bayerische verschwinden immer mehr. Früher musste man sich als von Norden Zugereister (Zug’roaster) in München oft hässliche Preußenwitze anhören. Aber mittlerweile hat die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel sogar Afghanistan erreicht, und das dortige Fernsehen zeigte Menschen, die selbstgemachte Pappschilder hoch hielten, mit der handgeschriebenen Aufschrift „Mutti Merkel, wir danken dir.“

Neben der erfolgreichen Anpassung gibt es noch viel gemeinsamen Handlungsbedarf, weil Schlafmützen in hohen Führungspositionen verpennt haben, dass der alte Trott nicht weitergehen kann. Für die „Gesetze der Ökonomie“ gibt es in dieser Webseite eine eigene Abteilung, die laufend aktualisiert wird. Schwer zu verwirklichen ist das Alles nicht. Aber man muss es wollen.

Der Film „Go Trabi go“ kam 1991 in die Kinos und zeigte den ersten eigenen Ausflug einer DDR-Familie zu unfreundlichen Verwandten in der Bundesrepublik. Damals habe ich dsas Stück gemeinsam mit einem Sachsen angeschaut, der selbst auch den beliebten Dialekt seiner Heimat sehr deutlich sprach und mit dem ich zwei Jahre befreundet war. Über die Sachsenwitze in dem Film hat er gelacht wie alle anderen Zuschauer, und das hat diese sehenswerte Komödie auch verdient. Hier ist eine Vorschau:

https://www.youtube.com/watch?v=X2PNsatxzmk