Indianersommer

1.9.2020. In Kanada nennt man den Herbst „Indianersommer“ (Indian Summer). Auf Fotos sieht man jedes Jahr eine außergewöhnliche Farbenpracht, ein Farbspektum im ganzen Bereich von flammendem Gelb bis dunklem Rot, wie es nur dort auftritt. Der Name hat zu tun mit der tiefen Naturverbundenheit der indianischen Ureinwohner und erinnert auch an ihre sonstigen Traditionen. Vor vielen Jahren habe ich auf einem Trödelmarkt ein typisches Gemälde dazu gekauft. Man sieht einen jungen indianer, der aufmerksam in einen kleinen See schaut, in dem man Planeter, Sterne und das nachtblaue Universum findet. Also eine bewusste Umkehrung der Wirklichkeit. Denn hinter ihm sieht man rostbraune, zerklüftete Gebirgszüge und einen rötlich verdämmernen Abendhimmel. Neben dem Betrachter stehen kleine Holzschalen und Stäbe, um Heilkräuter in Trockenpulver zu verwandeln.

Noch mehr Informationen enthalten die klassischen Cowboyfilme. Damit hat Großmeister John Ford (1894 – 1973), der auch ganz andere Themen beherrschte, seine meisten Werke gefüllt: Der Alltag der amerikanischen Indianer und ihr heftiger Kampf gegen die Einwanderer aus Europa, die keineswegs nur kurz zu Besuch waren, sondern das weite Land besitzen und mit ihrer Kultur ausfüllen wollten. Bei John Ford sind die Indianer meistens gewalttätige Finsterlinge. Ihre Gegner, die weißen Siedler, wurden als Lichtgestalten, als Helden verklärt.

Erst kurz vor seinem Tod hat John Ford eine deutliche Geste des Bedauerns über seine Irrtümer hinterlassen. Sein vorletzter Film „Cheyenne Autumn“ von 1964 (Der Herbst des Cheyenne-Stammes), zeigt die Hoffnungslosigkeit der Besiegten, die zwangsweise in eigenen Reservaten konzentriert waren. Der Film ist nicht sehr eindrucksvoll und zieht sich 151 Minuten lang zäh dahin. Ford hatte wohl kein rechtes Interesse daran. Auch die düstere Musik von Alex North mochte er nicht, der für andere Monumentalfilme wie „Cleopatra“ mit Elizabeth Tayor die gesamte aufwändige Klangkulisse gestaltete.

Indianerfilme waren in den Sechziger Jahren sehr beliebt. Winnetou, der Häuptling der Apachen (Pierre Brice) verkörperte Edelmut und Tapferkeit. Gemeinsam mit seinem amerikanischen Freund „Old Shatterhand“ (Alte Schmetterhand), verkörpert vom Amerikaner Lex Barker, traf er nur gute, ehrliche Indianer und half ihnen beim gerechten Verteidigungskampf gegen weiße Verbrecherbanden. Das war eine deutsche Serie im Breitwandformat, aus Kostengründen sparsam im damaligen Jugoslawien gedreht, etwas zu gutherzig und langweilig, aber begleitet von der Musik Martin Böttchers, der diese Abenteuer zum einzigen Thema erlärte, bei dem ihm sofort die passende Musik einfiel: Großes Orchester mit Mundhharmonika, so wie man es erst Jahre später in den harten Italo-Western von Sergio Leone zum ersten Mal erlebte. Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=zyMEIHud3UQ

Die starke Naturkraft der riesigen, menschenleeren Wälder in Kanada zeigte 1996 der Film „Wie ein Schrei im Wind“ (The Trap – die Falle). Hier sieht man nur am Anfang eine kleine, bewohnte Siedlung. Die Hauptfigur Eve (Rita Tushingham) musste in einem Versteck mit ansehen, wie ihre ganze Familie von Indianern abgeschlachtet wurde. Seitdem ist sie stumm, kann kein Wort mehr reden. Der einsame Trapper Jean La Bète (Oliver Reed) kauft sie ihrem Betreuer ab, einem seiner privaten Schuldner, der damit seine eigenen finanziellen Probleme los ist.

Mit einem Wildwasser-Kanu fahren der Trapper „La Béte“ (das Ungeheuer) und seine wehtlose Beute in sein Jagdgebiet, die endlosen Wälder von British Columbia. Er behandelt sie gut, und nach dem ersten Widerstand machen sie die Tagesarbeit gemeinsam. Um einen Bären zu fangen, legt er eine gewaltige Falle aus Stahl in der unbewohnten Nachbarschaft aus. Er rutscht jedoch aus und wird von seiner eigenen Falle schwer verletzt. Seine Gefährtin Eve pflegt ihn und kümmert sich sich allein um die körperlichen Arbeiten in der Holzhütte.

Als der Film neu in die Kinos kam, landete die Titelmusik sofort in den Hitparaden. Sie erinnert an den „Walkürenritt“. Deshalb war das auch ein unvergessliches Signal, sich als Sechzehnjähriger persönlich von leichten Schlagern und Operetten allmählich zu verabschieden und in eine ganz andere Welt einzutauchen: Die Musikdramen des Riesen, der aus Leipzig kam und unsterblich wurde durch Stoffe wie „Nibelungenring“ und „Parsifal“. Eine ganz andere Welt, aber tief mit der Natur und dem ewigen Wissen der Urzeit verbunden, mit ihren frühesten Elementen. Hier kann man die Titelmusik von „The Trap“ hören:

https://www.youtube.com/watch?v=uuSI_QocKXk

.