Italiens Zukunft

5.6.2019. Gerade las man auf „Spiegel online“: „Italien muss harte Sanktionen fürchten… Jetzt scheint die Geduld der EU-Kommission erschöpft zu sein: Am Mittwoch könnte die Brüsseler Behörde ein Verfahren einleiten, das die Regierung in Rom mit harten Sanktionen bedroht… Die Koalition aus rechtsnationaler Lega und populistischer Fünf-Sterne-Bewegung hat Gegenteiliges vor: Sie will Steuern senken, Sozialausgaben erhöhen, Investitionen tätigen – und zwar auf Pump. „

So weit musste es kommen ! Gestern telefonierte ich mit einem alten Freund aus Süditalien, der jetzt einen vierwöchigen Urlaub in seiner Heimat begonnen hat. Seine ersten Eindrücke waren deprimierend, auch der direkte, völlig anders bewertete Vergleich mit seinem Hauptwohnsitz im schönen München.

In zwei anderen Artikeln habe ich diese Situation südlich von Neapel schon thematisiert. Was die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrem völlig zerstörten und zerbombten Land machten, muss doch auch für andere Länder möglich sein: Ein Wirtschaftswunder. Stattdessen droht Brüssel, juristisch korrekt, mit einem Strafverfahren !

Italien hat viele Schatzkammern: Die alten Landschaften. Das Meer. Die nicht vom Krieg zerstörten historischen Städte. Von dort stammen auch Speiseeis, Pizza, Vespa. Schoko-Ferrero und Luxus-Ferrari.

Nach den Gesetzen der Logik müsste das Land im Geld schwimmen. Aber die wichtigsten Probleme gibt es immer noch.

Sie verschärften sich unter Andreotti und Berlusconi, der als Schlagersänger begann, aber später auch Besitzer der wichtigsten nationalen TV-Sender war. Seiner Meinung konnte kaum Jemand entgehen oder weghören. Und er sprach gern über seine Luxusvillen, Frauen, und auch den ausländischen Beobachtern war klar, dass er sehr mächtig und reich war. Damit war er nicht allein. Spitzenpolitiker, Millionäre und Lobbyisten gibt es auf der ganzen Welt. Kürzlich hat der berühmte Rgisseur der drei Mafia-Filme über den „Paten“, Francis Ford Coppola, sich ein Luxushotel in Bertalda bauen lassen. Dort ist die Basilicata die ärmste Rgion in Italien. Welche Gäste werden das Hotel buchen? Natürlich keine von der harten Arbeit ausgelaugten Orangenbauern, sondern angesehene Leute wie Coppola selbst, der sein Geld auf anständige Weise verdient hat, mit mehreren spannenden Meisterwerken des Kinofilms. Braucht er wirklich die Einnahmen aus einem Luxushotel ? Schäm dich, Coppola !

Sein ehrlich verdientes Geld hätte er auch in Zukunftsprojekte für diese Region stecken können. Zum Beispiel in Firmen, die vom dortigen heißen Klima nicht abhängig sind wie die Computerbranche. Dazu gehören auch wissenschaftliche Forschungen, in der hoch entwickelten Medizintechnik, der Agrartechnik in extremen Klimazonen, Bewässerungsplantagen.

Diese Beispiele kann Jeder selbst erweitern. Sie schaffen gut bezahlte Arbeitsplätze und hohe Gewinne, deren Gewerbesteuer die Lage der Gemeinden verbessert. Die Rekordhöhe der Jugendarbeitslosigkeit wird sich dann dämpfen und der Anreiz für junge Leute, in geldschluckenden Spielhallen die Zeit zu vertrödeln oder kriminelle Angebote anzunehmen. Man lese nur die offzielle Statistik der Carabinieri ( Bundespolizei ) in den letzten Jahrzehnten. Was hat sich geändert ? Das Ergebnis ist trostlos.

Wer entscheidet darüber? Spitzenpolitiker. Konzernchefs. Lobbyisten, die vor Allem an sich selbst denken,

Ludwig Erhard foderte nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs eine deutsche Wirtschaftspolitik, die den hohen Stellenwert der Konkurrenz in den Mittelpunkt stellte. Also eine qualitative Besten-Auslese, die auch niedrige Preise schafft. Er nannte das „Soziale Marktwirtschaft“. Das heißt: Die Reichen sind den Armen verpflichte und müssen für sie etwas Nachweisbares leisten.

Daraus entstand das Wirtschaftswunder. In Italien hat man es nie studiert und realisiert. Darum werden die meisten Gastarbeiter, die schon seit einem halben Jahrhundert hier leben, erst dann in ihre schöne Heimat zurückkehren, wenn ganz andere Köpfe dort an der Macht sind.

Coppolas neuer Welterfolg heißt „Die letzte Schlacht von Don Francis Ford“. Coppola selbst wird die Hauptrolle spielen, einen alten New Yorker, der seinen Lebensabend im eigenen Luxushotel verbringen will. Dort spielen am Originalschauplatz auch die ersten Szenen. Natürlich bekommt Alles einen anderen Namen, damit Niemand beleidigt ist. Das Filmhotel „Corleone“ beherrscht das sonnendurchflutete Panorama von Pomarico, einer kleinen Stadt in der Basilicata. Zu Beginn sitzen der alte Don Francis Ford und seine New Yorker Gäste in einer luxuriösen Empfangshalle, mit viel Carrara-Marmor und großen Kronleuchtern. Sie sind erschüttert über ihre ersten Eindrücke in Pomarico. „Das es so etwas noch gibt ! Die armen Menschen, die sich nur von Orangen und Zitronen ernähren. Don Francis Ford meint, „Gestern habe ich einige Einheimische besucht. Sie erklärten, dass man sie beklaut und bestohlen hat. Sie nannten sogar Namen. Wir werden die Schurken heute besuchen.“

Mit fünf seiner alten New Yorker Freunde klopft Don Francis Ford gegen die Türen, denn elektrischen Strom für Türklingeln gibt es hier noch nicht. Der Hausbesitzer öffnet und ruft begeistert, „Don Francis Ford. Jeder hier kennt Euch noch aus Kindertagen. Ich will auch reich und mächtig werden.“

Er will dem Padrone die Hand küssen, aber der schlägt sie zurück, „Du hast die Bevölkerung beklaut. Sie mussten Schutzgeld ( Pizzo ) an Dich zahlen. Du gehst sofort zu deiner Bank und zahlst es den armen Menschen zurück. Bis morgen Mittag ! In bar.“

Er ist sicher, dass seine Forderungen erfüllt werden, denn seine New Yorker Freunde nicken zustimmend. Gemeinsam besuchen Sie jetzt noch Don Paolo, einen alten Schulkameraden. Auf der Terrasse seiner gemütlichen Trattoria „Solo il Sole“ setzen Sie sich gemeinsam zum Rotwein an einen Tisch. Don Paolo sagt, „Seitdem ihr hier seid, geht es Allen besser.“

Der Film endet mit dem Finale aus Giuseppes letzter Oper „Falstaff“ : „Tutto nel Mondo e Burla“ ( Alles ist Spaß auf Erden ). In Großaufnahme sieht man einmal noch das Gesicht des alten Don Francis Ford. Er fängt damit an, das Lied zu singen. Seine Freunde stimmen ein. Alle Dorfbewohner sind herbei geeilt und vergrößern den Chor. Auf einem Kran fährt die Kamera nach oben und zeigt Tausende von singenden Menschen.

Von diesem Projekt weiß der echte Coppola noch überhaupt nichts. Aber er wird es übernehmen. Mein Urheberrecht beachtet er selbstverständlich, und darüber wird es eine ganz schnelle Einigung geben. Autor: „Scritto di Francisco“. Und ganz zum Schluss sieht man noch den echten Papst Franziskus, wie er auf dem Balkon des Petersdoms mitsingt, und alle Besucher auf dem überfüllten Petersplatz in Rom auch.

Hat du überhaupt Jemand gelacht ? Also wenden wir uns wieder ernsteren Themen zu.

Ich liebe die Verfilmungen der Krimis von Donna Leon. Sie lebt in Venedig, einer Stadt mit minimaler Verbrechensrate und hat erklärt, dass sie dort abends keine Angst hat, draußen allein herumzuspazieren. Aber ihre frei erfundenen Kriminalgeschichten zeigen ein ganz anderes Bild. Viele Mordopfer wie einst in Chicago. Leichen werden durch alte Türen in den Canale Grande geschmissen. Dahinter steckt oft ein satanisches Komplott der reichen venezianischen Elite. Zum Besispiel: In einer Konservenfabrik wird verdorbenes, ungenießbares Fleisch für den Weltmarkt hübsch verpackt. Markenzeichen: Prosciutto Italiano (Schinken aus Italien). Als ein neuer, ahnungsloser Tiermediziner sich bei der Geschäftsleitung über die Machenschaften beschwert, landet er natürlich als Leiche im Canale Grande.

Hier kann man diese Folge „Tierische Profite“ in voller Länge sehen ( Dauer: 1.26 Std. ) :

https://www.youtube.com/watch?v=S4AqeuR-mRw

Donna Leon hat verboten, dass ihre Romane ins Italienische übersetzt werden. Anscheinend will sie die Leute gar nicht kennenlernen, an denen sich ihre Phantasie entzündet. Auch die Verfilmungen ihrer Bücher liegen ausschließlich in deutscher Hand. Regie und gute Schauspieler, die sehr überzeugend als echte Italiener auftreten, mit Schmalzlocken, teuren Stilettos bei den Damen und Original-Uniformen der Carabinieri.

Berühmt sind auch andere Qualitäten der Nation: La dolce Vita. Die überlieferten Heldentaten von Giacomo Casanova und die kräftigen Geschichten in Boccacios „Decamerone“. Galanteriewaren sind das älteste und beliebteste Handelsobjekt der Menschheit. Mit dem richtigen Tonfall bekommt man das sogar kostenlos. Denn Freundschaft kann man nicht bezahlen. Mandolinenspielende Glutaugen unter nächtlichen Hotelfenstern gibt es auch. Wer aber nur die Stille der blauen Romantik sucht, findet beim bekannten Lied von den Caprifischern eine andere Antwort. Die Musik stammt aus den Fünfziger Jahren. Danach kamen die ersten Gastarbeiter. Und sie sind geblieben, ganz anders als alltägliche Gäste. Warum, das wurde in diesem Artikel erklärt.

Rudi Schuricke singt „Caprifischer“ :

https://www.youtube.com/watch?v=09KWMUOyP6E